Kassandrenrufe

"connecting the dots" – für mündige Bürger

Ein Gedanke zum Frauenfußball…

Es ist mal wieder Fußball – EM der Damen. 2017 in den Niederlanden. Sie wissen ja, das ist eines meiner Leib- und Magenthemen. Und beim Beobachten eines Spieles im TV ging mir so manches durch den Kopf, was nicht direkt mit dem Turnierverlauf zu tun hatte. 

Ja, die Kritiker des Frauenfußballs, die eigentlich im Kern oftmals die Tatsache, dass auch Frauen diese Lieblingssportart unzähliger Männer ausüben, als solche ablehnen, haben sich auch schon wieder zu Wort gemeldet. Zumeist nur über soziale Netzwerke oder das sonstige Internet verbreiten sie noch immer, wie seit Jahr und Tag, ihre „Mann, ist das langweilig, das ist ja auch nur C-Klasse-Niveau….“ – Parolen. Damit muss man immer rechnen, wenn Frauenfußball zur besten Sendezeit läuft. Aber über diese verbohrten, ewiggestrigen Machos will ich heute gar nicht reden.

Mir ging nämlich etwas ganz Anderes durch den Kopf. Ich erinnerte mich an die U-20 WM 2010. Da waren viele „junge Wilde“ des Frauenfußballs mit dabei. Die herausragenden Spielerinnen, die damals das Turnier souverän gewannen, waren Kim Kuligk (s. Foto) und Alexandra Popp. Auch Dszenifer Maroszan stand damals schon als „junger Hüpfer“ mit Riesentalent im Kader. Was aber ist aus denen geworden ? Nur Maroszan scheint so etwas wie eine „volle“, eine gefühlte „ganze“ Fußballerinnen-Karriere hinzulegen. Immerhin ist sie unter Bundestrainerin Steffi Jones Teamcaptain und Spielmacherin geworden. Seit einiger Zeit ist sie sogar in Frankreich beim vielleicht besten, europäischen Club seit Jahr und Tag, Olympique Lyon, unter Vertrag.

Aber für jede Dszenifer Maroszan gibt es eben auch eine Kim Kuligk. Eine Spielerin, bei der man als Beobachter des Fußballs sicher ist, dass sie Großes hätte leisten können und es nicht getan hat. Im englischen Sprachraum sagt man dazu „underachiever“, jemand der weniger erreicht, als er (oder sie) kann. Bei vielen, wie etwa der eben erwähnten Kim Kuligk, Nadine Keßler oder Lira Bajramaj waren es Verletzungen, die ihre Karrieren beendeten. Oftmals Gelenkverletzungen, die so gravierend waren, dass schwere Folgeschäden drohten, wenn man weiter Leistungssport betrieben hätte. Das sind die traurigen Fälle eines unerfüllten Fußballerinnen-Lebens. Denn ich erinnere mich sehr wohl an Frau Kuligk und ihren gewaltigen Wumms von der Strafraumgrenze oder die Art und Weise wie Nadine Keßler souverän die „Sechser“-Position ausfüllte. Das fehlt uns jetzt, wo wir zwar Olympiasieger sind, aber bei der EM schon im Viertelfinale rausfliegen.

Aber es gibt ja nicht nur die, die verletzungsbedingt ihre Karrieren beendeten, sondern auch die, die selbst die Grenze ihrer Motivation, für Verein oder Auswahl spielen zu wollen, erkannten und ihre Prioritäten anders setzten. Oftmals bekam man den Eindruck, dass diese Spielerinnen ihr „ganzes, rundes“ Sportlerinnen-Leben nicht vollendeten, ihre Karrieren vielleicht die ein oder andere Saison zu früh abbrachen. Ein Beispiel dafür mag Celia Sasic sein, die nach der holprigen und etwas unglücklichen WM 2015 ihre Fußballschuhe komplett an den Nagel hängte. Nicht der schlechteste Zeitpunkt, gefühlt, denn sie glaubte, alles, was ihr möglich war, erreicht zu haben, aber sie hätte ganz sicher noch ein oder zwei richtig gute Jahre „in den Beinen“ gehabt. Mittlerweile ist sie glücklich verheiratet und hat eine kleine Tochter.

Hier liegt eben auch der Unterschied zu den „Herren der Schöpfung“ (hüstel): die „biologische Uhr“ kennen diese nicht. Außerdem bekommen sie vermutlich mehr Unterstützung für ihre Karrieren von ihren Lebenspartnern und -partnerinnen. Immerhin sind die Salärs der Herren ja auch beträchtlich, während sich selbst Nationalspielerinnen für Summen abmühen, für die kein Drittliga-Profi morgens aufstehen würde.

Aber, wie auch immer, die Liste der echten Fußball-Talente, die nie den Zenit ihrer Karriere erreichten, oder auf dem Zenit ihrer Karriere abrupt Schluss machten, ist lang. Die Liste der Spielerinnen, die aber eine lange und erfolgreiche Karriere hatten, ist länger. Birgit Prinz oder Nadine Angerer seien hierfür stellvertretend genannt. Am Ende werden wir nie wissen, was eine Auswahl mit Kim Kuligk auf der Höhe ihres Könnens oder mit Nadine Keßler als „elder stateswoman“ hätte leisten können. Wir werden auch nie wissen, wie viele Tore eine Celia Sasic noch geschossen hätte. Schade, eigentlich.

Ihre

Kassandra Pugatshowa

P.S.: Ich wurde gebeten, noch etwas „Prägnantes“ zum Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der EM 2017 zu schreiben. Hm. Ich versuche es mal zu verschlüsseln: wer eine von unbändigem Willen angetriebene „Kampfsau“ wie Tabea Kemme mit 25 Jahren schon zum „alten Eisen“ zählt und stattdessen lieber die „zarten Pflänzchen“ mit den „Wunderfüßchen“ aufstellt, muss mit Rückschlägen rechnen. In den Start-Mannschaften Deutschlands waren einfach zu viele „Talente“ und zu wenige Kämpferinnen. Ist auch eine Mentalitätsfrage. Generell aber verstehe ich, dass Frau Jones eine radikale Verjüngung anstrebt und einen deutlichen „Umbruch“ zu erreichen versucht. Hat auch ein Jogi Löw mehrfach getan und selten bereut. Das Ausscheiden Deutschlands hat nämlich ganz andere Ursachen, als etwa der Niedergang Schwedens oder Norwegens, die einfach zu lange am „Bewährten“ festgehalten haben. Was Spielerinnen und was Konzepte angeht. Jetzt, zwei Jahre vor der nächsten WM, kann Steffi Jones jetzt weiter am Neuaufbau der Auswahl arbeiten. Viel weiter abwärts gehts auch nicht mehr. Immer eine gute Ausgangsposition. Sprichwörtlich ist Deutschland in Zukunft wieder der „Jäger“ und nicht der „Gejagte“. Eine gute Sache !

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 30/07/2017 von in Sport und Gesellschaft, Uncategorized und getaggt mit , , .

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