Kassandrenrufe

"connecting the dots" – für mündige Bürger

von der Identifikation … oder deren Fehlen

Immer wieder einmal mache ich mir Gedanken darum, was die Identität ausmacht. Die individuelle, die einer Gruppe, die eines Volkes oder Kontinents z. Bsp. Was hält Menschen zusammen, die möglicherweise sogar Tausende von Kilometern voneinander entfernt sind ? Was gibt ihnen das Gefühl, „daheim“ zu sein oder was sorgt dafür, dass dieses Gefühl schwindet oder sich ganz auflöst ? Nein, ich werde hier keine philosophische Abhandlung schreiben, liebe Leserinnen und Leser. Sie kennen mich doch schon, ich werde viel lieber konkret. 

IDENTITYUnd da fällt mir mal wieder dieses Gespräch ein, das ich vor ein paar Jahren mit einer Arbeitskollegin geführt hatte. Sie stammte aus der Türkei, lebte relativ liberal (zu deutsch: KEIN KOPFTUCH in der Öffentlichkeit, ob sich das bis heute verändert hat, weiß ich nicht, weil wir uns schon lange nicht mehr sahen), war sehr sympathisch, intelligent und diskutierfreudig. Sie war „erste Generation“ türkischer Zuwanderer. Ein dankbares „Opfer“ meines Redeschwalls, den sie zumeist mit einem gleichwertigen Schwall beantwortete. 🙂 Sehr amüsant für manche unserer Kollegen.

Wie dem auch sei: irgendwann wurde mir klar, dass die gute Frau keine Ahnung davon hatte, in welcher Stadt, geschweige denn welchem Land sie eigentlich lebt. Obwohl sie immerhin fließend deutsch sprach, so ziemlich akzentfrei sogar, waren ihr tagesaktuelle Ereignisse aus unserer Stadt, waren ihr etwa Namen prominenter Politiker völlig unbekannt. Womit immerhin zweierlei bewiesen wäre: „Sprachkurse“ und gute Sprachkenntnisse bringen Zuwanderer nur bis zu einem gewissen Punkt, sind kein „Allheilmittel“ in Sachen Integration, wenn der Sprachschüler sich danach nur konsequent genug abschottet. Man kann Deutsch besser sprechen, als ein Einheimischer und dennoch innerlich Europa oder Deutschland völlig fremd bleiben. Und zweitens sehe ich daraus, dass es politisch-historisch-gesellschaftlich Uninteressierte in allen „ethnischen“ Bevölkerungsgruppen gibt, denn der deutsche Durchschnitts-Verbraucher lebt ja auch zumeist ohne wirkliche Kenntnisse von den politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen er lebt. Insofern, im Negativen betrachtet, war meine Ex-Kollegin also fast schon „gut integriert“ in eine immer debilere und politisch uninteressiertere Gesellschaft.

Wie auch immer: meine Kollegin, nennen wir sie der Einfachheit halber mal Hülya, weil der Name ganz hübsch ist (sie hieß ganz anders, aber das erleichtert mir das Fortfahren im Text), bewegte sich, so bekam ich bei unserem Gespräch heraus, eigentlich immer nur in „ihren“ Kreisen. Sie sagte das ganz offen. „Bei uns ist das so.“ Dies war einer ihrer Lieblingssätze, worauf ich vor ein paar Jahren hier im Blog schon einmal eingegangen bin. Dieses „uns“ ließ sie jedenfalls offen, aber die Bedeutung war klar: „bei uns Türken“. Trotz ihres, gegenüber Deutschen immer wieder geäußerten Credos, sie „sei eine Berlinerin mit türkischen Wurzeln“, sah ich mit der Zeit in ihr immer mehr eine Türkin, die auffallend gut deutsch sprach, aber mehr auch nicht. Die typische „Kiez“-Mentalität in meiner Stadt hatte sie so auf die Spitze getrieben, dass sie wahrscheinlich nur das direkte Umfeld ihrer Wohnung kannte. Und zu Hause immer brav das Satellitenfernsehen aus der „Heimat“, damit man auch weiß, was man zu denken und für welche Themen man sich zu interessieren hatte.

Denn Hülya war weder dumm, noch völlig desinteressiert an der Welt. Sie wusste über Parlamentswahlen in der Türkei, über die Bedingungen im Geburtsort ihrer Eltern und den diversen Regionen Kleinasiens sehr gut Bescheid. Sie wusste, dass „Kurden abzulehnen sind, wie großartig die Türkei als solches ist“ etc. Und das eben sogar jenseits der ganz plumpen Phraseologie mancher, türkischer Version der Bild-Zeitung. Nur über ihr ganz enges, regionales Umfeld, IN DEM SIE WIRKLICH LEBTE, wusste sie nur, was man „bei ihnen“ so zu wissen pflegte: also fast nichts. Geschichte, Zusammenhänge, Politik, Sport, ja was auch immer: alles musste relativ direkt mit der Türkei zusammenhängen, damit Hülya sich dazu bereitfand, etwas dazu zu sagen.

Ich gestehe, am Anfang hat mich das sehr überrascht, fast schockiert sogar. Wie kann ich in einem Land, in einer Stadt leben und FAST NICHTS darüber wissen ? Nicht einfach beiläufig, im Alltag ein paar Dinge aufschnappen, zumal ich ja hier wohne und nicht nur auf ein paar Jährchen „zu Besuch“ sein will. Man muss sich schon sehr anstrengen, dachte ich damals, um sich so völlig von „den Deutschen“ zu isolieren, von ihrer Geschichte, ihrer Kultur, ihrem Alltag. Aber das war natürlich naiv gedacht. Heute denke ich, dass es ganz im Gegenteil kinderleicht ist, sich in Migrantensubkulturen zu verstecken, ein Leben „wie in der alten Heimat, nur besser“ zu führen, das Beste, was Deutschland zu bieten hat, gierig und oft illegal zu nehmen und nichts dafür zurückzugeben. Nicht kulturell, wenn möglich nicht durch Steuern und schon gar nicht durch wirkliche Integration. Zu simpel, sagen Sie ? Ich würde hier „rassistische“ (welche Rasse haben türkische Zuwanderer ?) oder irgendwie „ausländerfeindliche Klischees“ kolportieren und zurechtbasteln ? Nee, tue ich nicht, ich spreche lediglich aus Erfahrung und wage es, Schlüsse daraus zu ziehen.

Denn, machen wir uns nichts vor: Vieles, was von unseren bis zur totalen Dummheit verbildeten Politikern, Kirchenfürsten, Medienschaffenden und Künstlern als „Fortschritt der Integration“ gefeiert wird, trägt in Wahrheit zur weiteren Spaltung der Gesellschaft bei, zur Isolation ethnischer, religiöser und sonstiger Bevölkerungsgruppen bei. Es fing so harmlos mit den „türkischen“ Fußballvereinen an. Niemand, der es nicht wirklich sehen wollte, wäre darauf gekommen, dass ein „Türkiyemspor“ eher dazu beiträgt, dass auch hier Leute mit den schon angesprochenen „türkischen Wurzeln“ hübsch unter sich bleiben können. Brav ihre Sprache weiterpraktizieren, während sie vielleicht ein paar Alibi-Deutsche als Mitglieder pflegen, die dann die Schiedsrichterkurse absolvieren o. ä. ungewollte Aufgaben übernehmen können. Sport sei ja angeblich der „große Integrator“ unseres Landes, sagen die Sportverbände und Innenminister. Ach, wie blind kann man nur sein: Wer nämlich auf ein „Mehr“ an Zusammenkommen, an gegenseitigem Gedanken- und Erfahrungsaustausch gehofft hatte, konnte sich dann auf den Fußballplätzen der Region die Ergebnisse dieses Geniestreichs der multikulturellen Gesellschaften anschauen. Mir sagte (natürlich hinter vorgehaltener Hand, denn beim DFB ist ja alles multi-kulti-super) schon vor Jahren ein Schiri aus meiner Stadt, dass er immer dann krank sei, wenn er einen dieser „Genclirbispor, Türkiyemspor etc.“ – Vereine pfeifen solle. Das habe ihm zwar schon Ärger mit den Leuten vom Schiedsrichter-Ausschuss eingebracht, aber er habe eh nicht mehr lange bis zur Altersgrenze und wolle die Zeit ohne das übliche Geschimpfe bei „Fehlentscheidungen“, die Spucke auf seinem Hemd, die angedrohten Schläge, das Bullying und die zerstochenen Autoreifen überstehen. Verständlich.

So ist Fußball ein gutes Beispiel dafür, dass manch gut gemeinter Ansatz eben doch kontraproduktiv ist und hier Mentalitäten aus dem Orient und ein „Ehrgefühl“ des frühen Mittelalters über solch „neumodische, westliche“ Konzepte wie Fairness oder Sportlichkeit gestellt werden. So können wir also auch davon ausgehen, dass z. Bsp. diverse Kulturvereine etc. ebenso nicht dazu dienen, ihre Mitglieder näher an die deutsche Gesellschaft heranzubringen, was der vielbeschworenen „Teilhabe“ ja erst den Boden bereiten würde, sondern stattdessen den Zweck haben, eben weiterhin dort „sein Ding“ zu machen und für alle weiterhin auftretenden Probleme dieser Zuwanderergruppe dann den „bösen, rassistischen Deutschen“ in die Pflicht zu nehmen. Juhu.

Und in diesem Umfeld aus türkischen Geschäften, türkischen Kulturvereinen, türkischen Sportclubs, türkischem Satellitenfernsehen und türkischer Sprache schafft man es dann tatsächlich, hier über Jahrzehnte zu leben und fast nichts über Deutschland zu wissen, selbst, wenn man die deutsche Sprache beherrscht. Sich komplett in seiner Subkultur zu verkriechen, wie es Hülya getan hat, sich schön um sich selbst zu drehen und dabei auch noch von Politikern und Verbandsfunktionären unterstützt zu werden, die, ähnlich wie der große „Führer“ Erdogan, Anpassung und Assimilation für ein „Menschenrechtsverbrechen“ halten. Und nun stellen wir uns mal vor, was in arabischen Familien so abgehen mag oder unter Kurden. Ein Trauerspiel. Das alles beweist nur, dass es eben mehr bedarf, als an einem Ort zu leben und dessen Sprache zu sprechen, um ein „Einheimischer“ zu werden. Gemeinsame, kulturelle und historische Grunderfahrungen und -erlebnisse wären schon mal nicht schlecht. Vor allem, wenn sie einen gewissen Schatz an verbindlichen, ethischen Grundregeln hervorbringen.
Die Desintegration der Gesellschaft wäre im umgekehrten Falle übrigens nicht anders. Denn die Deutschen, die sich an der „türkischen Riviera“ zur Ruhe gesetzt haben, sind ja mitnichten Türken geworden. Es muss also so etwas wie „beharrende Kräfte“, wie Identitäten geben, die tiefer gehen, als bis zur Ebene des Wissens oder Beherrschens von Techniken und Sprachen. Identitäten, die verhindern, dass man sich aus seiner „Volksgruppe“ herausbegibt, das eigene Selbstverständnis hinterfragt und dann so „mir nichts-dir nichts“ die Dinge, die einen geprägt haben, ablegt und neue Dinge annimmt.

Oh, hier bin ich schon wieder zu nahe am Theoretischen dran, sorry. Abschließend also hier mal ein Zitat, das mich sehr nachdenklich gemacht hat, was kulturelle „Durchmischungsprozesse“ angeht und das „gegenseitige Befruchten“ durch Multikulti usw. Der Publizist Michael Klonovsky schrieb unlängst in seinen „acta diurna“ in Bezug auf Muslime folgendes:

Wer rund um die Uhr mit Allah und wenig außerdem im Kopf herumrennt, Frauen verschleiert, Wein und Musik für sündhaft hält, die europäische Literatur, den europäischen Geist und die europäische Lebensart geringschätzt, wer etwa als Franzose nie den Louvre betreten, nie ein Konzert, nie eine Oper besucht hat und stattdessen glaubt, die Welt mit beduinischen Verhaltensvorschriften aus dem 7. Jahrhundert missionieren zu müssen, ist kein Europäer, auch wenn seine Eltern in Europa geboren sein sollten. Es sind Fremde, denen man auch in zweiter oder dritter Generation die gepflegte Fremdheit durchaus ansieht, weil die Angehörigen dieser Gruppe sich weder mit autochthonen Europäern kreuzen noch deren Kultur, obzwar sie in ihr leben, überhaupt zur Kenntnis nehmen. Es ist eine tiefe, monströse ethnisch-psychisch-soziale Fremdheit. Es gibt längst überall in Westeuropa Gebiete, in denen man als Araber geboren wird.

(Von Eos mit Rosenfingern liebkoster 5. Juli 2016)

Na, dann. Auf nach Eurabia.

Ihre

Kassandra Pugatshowa

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 10/07/2016 von in clash of civilizations, Kultur.
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