Kassandrenrufe

"connecting the dots" – für mündige Bürger

Gastbeitrag: Vom Umgang mit Geschichte – so oder so

Von: Clemens Kurz

Wer mit aufmerksamem Blick durch die Welt geht, hat das Problem, dass ihr oder ihm dann manchmal verschiedene Dinge auffallen, die man lieber ignorieren würde. Banalitäten oftmals, die auf ein tieferliegendes Problem hinweisen. Letztlich besuchte ich einen ehemaligen Flughafen in Berlin und kam dabei ins Grübeln über unseren Umgang (nicht nur) mit der Luftfahrtgeschichte.

In der deutschen Hauptstadt Berlin wurden im Jahre 1995 zwei Flughäfen geschlossen. Johannisthal und Gatow. Beides Orte der Geschichte und der vielen Geschichten. In Johannisthal begann die Geschichte der Motorfliegerei in Berlin und in Gatow wurden während der Berliner Luftbrücke ebensoviel Güter umgeschlagen wie im bekannteren Tempelhof. Eigentlich hätten beide Flugplätze schon mit dem zweiten Weltkrieg ausdienen müssen und Johannisthal hat tatsächlich nach 1950 praktisch keine Starts und Landungen mehr gesehen. Gatow diente dann der britischen Royal Air Force noch als Standard-Flugplatz in ihrem Sektor Berlins. Bis 1994.

Nun will ich in diesem Beitrag kein Seminar über die Luftfahrtgeschichte abhalten, sondern auf ein Detail verweisen, dass nach 1995 an Bedeutung gewann: der sichtbare, äußere Umgang mit Zeitgeschichte. Denn durch die Schließung wurde Johannisthal komplett dem Vergessen übergeben. Ein Industrie- und Forschungspark, verschiedene Wohnstraßen und ein Naturschutzgebiet finden wir heute auf dem Gelände des ehemaligen Flugplatzes. Wer aber Hinweise auf die Geschichte des Ortes, seine Bedeutung für den Fortschritt sucht, der sucht weitgehend vergebens. An die Anfänge der Luftfahrt wird in dieser Stadt nur noch im Deutschen Technikmuseum erinnert. In mehr oder minder steriler Museumsatmosphäre. Was aber immerhin besser ist als gar nicht.

Gatow heute

Gatow heute

Gatow hingegen wurde ebenfalls massiv verkleinert. Auch hier wurden Neubaugebiete mit Ein- und Zweifamilienhäusern auf ehemaligen Außengeländen errichtet. Eine Schule blockiert heute den Weg der ehemaligen Start- und Landebahnen. Aber immerhin ist durch das Einschreiten der Bundeswehr, die Gatow als Museum für Luftfahrtgeschichte nutzt, der Ort noch teilweise als ehemaliger Flughafen erkenn- und erlebbar. Soweit eigentlich ganz in Ordnung.

Was mich aber seit Jahren immer wieder kopfschüttelnd zurücklässt, ist die Benennung der Straßen in den schon erwähnten Neubaugebieten. Während zwar Johannisthal komplett „unsichtbar“ geworden ist (wie etwa auch der Flugplatz Staaken), erinnern doch die Namen angrenzender Straßen an Luftfahrt- und Flugpioniere. Die „Hermann-Dorner-Allee“ etwa weist auf den ersten, deutschen Piloten hin, der jemals von Johannisthal aus gestartet ist. Oder die „Igo-Etrich-Straße“ erinnert uns an den österreichischen Konstrukteur des ersten, erfolgreich in größerer Menge gebauten Eindeckers. Der sog. „Etrich-Taube“. Der „Melli-Beese-Ring“ feiert die erste Frau Deutschlands, die eine Fluglizenz erwarb und die „Hugo-Junkers-Straße“ erinnert an den Konstrukteur des ersten Ganzmetall-Eindeckers der Welt (der wiederum, ironischerweise in Gatow als Nachbau besichtigt werden kann). Das ist doch etwas.

In Gatow nun liegt die Sache etwas anders. Die neuen Wohnviertel dort haben auch Fliegernamen, für mich unverständlich ist aber fast kein deutschsprachiger Pionier oder Pilot darunter. Warum kein „Hannah-Reitsch-Weg“, keine „Elli-Beinhorn-Straße“, kein „Manfred-von-Richthofen-Ring“ oder „Georg-von-Tschudi-Zeile“. Gerade letzterer stünde ja auch nicht im Verdachte „irgendwie mit den Nazis verbandelt“ gewesen zu sein. Er starb bereits 1928. Also statt Herrn von Tschudi dürfen Menschen hier in Straßen wohnen, die Amelia-Earhart, den Gebrüdern Wright, Charles Lindbergh oder Leonardo da Vinci gewidmet sind. Letzteres ist m. E. nach besonders lächerlich in diesem Kontext, da, bei allem Respekt vor dem wegweisenden Genie Leonardos, seine gezeichneten Fluggeräte doch niemals besonders sinnvoll oder flugfähig gewesen wären.

Hier sehen wir, anders als in Johannisthal, die Selbstverleugnung im kleinsten Detail in Aktion. Am ehemaligen Militärflughafen Gatow will man partout keine deutschen Flugpioniere geehrt sehen. Schon gar keine, die noch nach 1933 in Deutschland lebten und arbeiteten. Einzige Ausnahme ist Edmund Rumpler, aber auch der ist ja letztlich nur ein Lizenznehmer des schon erwähnten Igo-Etrich gewesen und somit eigentlich wenig bedeutungsschwer. Politisierung bis in kleinste Bereich hinein. Das erinnert fatal an die DDR. Wenn sie jetzt noch einen kommunistischen Piloten finden, der später in Spanien gegen „den Faschismus“ gekämpft hat, dann wissen wir wohl, wie die nächste Straße genannt werden wird. Fatal. Wer nicht mehr wertfrei Figuren wie Georg von Tschudi oder Hugo Junkers ehren kann, der schneidet sich vom Verständnis der GESAMTEN Vergangenheit des Ortes ab, an dem er lebt. Des Landes, dessen Pass er mit sich führt usw.

Warum also diese Unterschiede in Treptow und Spandau ? Schwer zu sagen. Wollte man in Treptow ein wenig der Wehmut nachgeben und zumindest unmissverständlich auf die vergangene Größe und Bedeutung des Ortes hinweisen ? Wollte man in Spandau die „Völkerfreundschaft“ feiern und bewusst ausländische Pioniere ehren ? Das wirklich Bedenkliche daran ist, dass solche Entscheidungen oft später nicht mehr nachvollziehbar sind. Wer auf welchem Bürosessel in welchem Amt hat wann welchen Namen genehmigt ? Welche Bürgerinitiative hat wann gegen welchen Namen protestiert und verloren/gewonnen ?

Gehen wir dennoch mit offenen Augen durch die Welt und bemerken auch solche scheinbar unwichtigen Details. Sie sagen oft mehr, als wir wahrhaben wollen.

Clemens Kurz

(P.S.: Die Fliegersiedlung in Gatow ist mittlerweile geringfügig nach Südwesten erweitert worden. Eine winzige „August-Euler-Zeile“/Erbauer des ersten, deutschen Flughafens in Darmstadt und eine „Amelia-Beese-Zeile“ sind dort jetzt zu finden. Kaum auf dem Stadtplan zu finden, aber immerhin.)

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 17/05/2016 von in Zeitgeist, Zustand der Nation.
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