Kassandrenrufe

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„the ranch“ – Tragikomödie fürs streaming-portal

Es ist mal wieder Zeit für eine kleine „TV-Betrachtung“. Die Vertriebskanäle mögen sich ändern, die großen Themen in der Unterhaltung ändern sich eigentlich nicht. Und so hat auch die Streaming-Plattform „Netflix“ mal wieder eine Eigenproduktion ins Quotenrennen geworfen. „The Ranch“ soll dabei vor allem mit einem seiner Hauptdarsteller Zuschauer anlocken: mit dem aus „that 70s show“ und „two and a half men“ bekannten Ashton Kutcher. Reicht das, um sich die Show anzuschauen ? Ich schreibe mal meine Meinung dazu.

Comedy. Aus den USA. Heißt auch noch „the ranch“. Ach, herrje. Was hätte das für ein flacher Mist sein können. Ich gestehe, selbst als mich diverse Webseiten bereits auf diese neue „Netflix“-Produktion aufmerksam gemacht hatten, bekam ich eigentlich gar keine Lust, mir das anzutun. Speziell einen der vier Hauptdarsteller hatte ich mir eigentlich übergesehen: Ashton Kutcher. Hatte er sich einst noch „heldenhaft“ in die Bresche geworfen, um die von Charlie Sheen schmählich im Stich gelassenen „two and a half men“ ab deren 9. Staffel zu retten, so wollte ich jetzt eigentlich ein bischen Abstand zu Kutcher haben. Zugegeben: sein lässiger Charme machte manche der letzten Folgen der „zweieinhalb Männer“ erträglich, aber die permanenten Wiederholungen auf Pro7 und den diversen, anderen Sendern der Pro7-Sat1-Gruppe haben mich für den Appeal Kutchers extrem abstumpfen lassen.

Die Hauptdarsteller mit dem Programmchef von Netflix Ted Sarandos.

Die Hauptdarsteller mit dem Programmchef von Netflix Ted Sarandos.

Langer Vorrede, kurzer Sinn: mit DEM wollte ich eigentlich keine neue Show sehen. Wie sich herausstellt, völlig zu Unrecht. Denn zum einen hält sich Kutcher hier (spätestens ab der Mitte der 10-teiligen Staffel) als „Cole Bennett“ deutlich mehr zurück, als in seinen Rollen als Walden Schmidt oder Michael Kelso (that 70s show). Und zum anderen spielen die anderen drei Hauptdarsteller eben auch deutlich stärker auf. Debra Winger als starke, unabhängige Mutter Maggie, die aber den Alltag auf „der Ranch“ nicht mehr aushielt, und Sam Elliott, der schweigsame und meinungsstarke (manche würden sagen: „voreingenommene“) Patriarch Beau, hinterlassen einen tiefen Eindruck. Danny Masterson, ebenfalls „that 70s show“-Absolvent, ist dabei Kutchers älterer Bruder „Rooster“, der sich irgendwie mit dem Alltag auf „der Ranch“ abgefunden hat und sich seine Frust-Ventile in Gehässigkeit und Affären sucht. Cole (Kutcher) hingegen hatte einst in der Hoffnung auf eine Karriere im Profi-Football die Ranch verlassen und kehrt nun nach Hause zurück. Als Mittdreißiger, der erkannt hat, dass die Sportlerträume für ihn wohl gelaufen sind.

Die Show selbst ist seltsam altmodisch. Wenige Sets, eine sehr überschaubare Hauptdarsteller-Riege, Lachschleifen, das alles kennen wir seit Jahrzehnten aus den USA. Die Familiendynamik im Mittelpunkt, kaum „übergeordnete“ Handlung, viel Wortwitz, auch ein bischen politisch ab und an. Eigentlich alles Versatzstücke der TV-Unterhaltung seit vielen Jahren. Was also hat mich dann doch überzeugt, mir die 10 Folgen in aller Ruhe anzuschauen ?

  1. das Format. Zwischen 25 und 30 Minuten pro Folge reicht aus. Ruhige Erzählweise, überschaubare Handlung pro Folge. Im Zeitalter der multi-camera, multi-angle, super-schnelle Pointen- Feuerwerke abschießenden Serien muss man hier auch mal richtig hinschauen. Die „schmuddeligen“ Sets wirken realistisch, denn die Handlung spielt im ländlichen, man möchte sagen „provinziellen“ Colorado. Das setting des Viehzuchtbetriebs wird nicht übertrieben, um sich nicht in unnötigen Details zu verzetteln. Andererseits aber sehen wir auch keine Hochglanz-Lofts, coffee-bars mit laptop-geschmückten Hipstern, Hochhaus-Schluchten mit glänzenden Fassaden u. ä. womit uns US-TV-Shows üblicherweise überfrachten. Man möchte irgendwie sagen: „the ranch“ ist ein Gegenbild zu dem Hochglanz-Amerika, welches uns Serien, wie das ebenfalls neue „the catch“ auf ABC zeigen wollen. Gut !
  2. die grundlegende Melancholie, die der Serie zugrundeliegt. Alle Rollen haben irgendwie bereits etwas verloren, als wir sie kennenlernen. Die Eltern (Winger, Elliott) konnten nicht mehr zusammenleben und vermutlich können sie auch ihre Ehe nicht mehr retten. Obwohl noch immer viel Respekt und Liebe zwischen ihnen vorhanden ist, scheint die Scheidung nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Wir Zuschauer fragen uns, ob nicht vielleicht sogar der stoische Beau Bennett darunter mehr leiden wird, als seine smarte und kommunikationsstärkere Noch-Ehefrau Maggie.
    Rooster Bennett blieb immer beim Vater auf „der Ranch“. Er hat alle Ambitionen, die er vielleicht auf ein eigenes, unabhängiges Leben mal besessen haben mag, längst aufgegeben. Zumal sein Bruder Cole, das „Sport-Talent“, sich nach dem highschool-Abschluss auch sofort aus dem Staub gemacht hatte, womit ihm kaum eine andere Möglichkeit blieb, als „seine Pflicht“ zu tun.
    Cole hingegen hat sein Football-Talent leichtfertig verschwendet. Jede Chance, die er vielleicht mal auf eine Karriere in der NFL gehabt haben mag, hat er mit Drogen, Alkohol und unzähligen Affären vergeudet. Sein Fokus war nicht da, wo er hätte sein müssen und langsam aber sicher sickert die Erkenntnis bei ihm ein, dass er selbst die Verantwortung dafür trägt, dass er nie die dicke Kohle abkassiert hat, mit der er der Familie hätte helfen können.
    Denn die Ranch ist praktisch pleite. Die Arbeiter mussten schon entlassen werden, die Rinder werden krank, eine Hypothek auf die Immobilie wird abgelehnt. Bei allem „Galgenhumor“, den vor allem der Vater Beau Bennett ab und an demonstriert, ist die Situation als solche ernst bis verzweifelt. Das können sicher viele Menschen jenseits der Metropolen in den USA nachempfinden und, mit etwas Phantasie, ist das auch auf andere Länder übertragbar. Die Zeiten sind schlecht und die TV-typische „Rettung in letzer Minute“ scheint auszubleiben. Abschiede liegen in der Luft. Happy ends eher nicht. Manchmal erinnert mich „the ranch“ an „Roseanne“, wo auch die „Rettung“ aus der Armut durch einen Lotto-Gewinn während der letzten Staffel nur geträumt, nur erfunden war.
  3. Die spärlich und damit sinnvoll verwendeten „cameos“, also Kurzauftritte bekannter Seriendarsteller. Elisha Cuthbert („24“) als Jugendliebe Coles, über die er nie 100 %ig hinwegkam und der ehemalige „partner in crime“ Kutchers, Jon Cryer („two and a half men“) als Bank-Angestellter, der den Bennetts die Hypothek ablehnen muss, sind eigentlich die einzig relevanten „aha“-Auftritte auf „der Ranch“. Gut so.

Diese Mischung aus altmodischem Format, realistisch-melancholischem Ambiente und guten Hauptdarstellern macht „die Ranch“ also durchaus sehenswert. Das „Schenkelklopfen“ vor Lachen, was man vielleicht noch bei der „big bang theory“ oder ähnlichen Shows praktizieren kann, wird hier jedoch eher ausbleiben. Sympathisch ist diese neue Netflix-Show aber trotzdem, oder vielleicht genau deshalb.

Ihre

Kassandra Pugatshowa

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 13/04/2016 von in Kultur, Uncategorized und getaggt mit , , , .
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