Kassandrenrufe

"connecting the dots" – für mündige Bürger

Wenn nicht mehr „jeder das Seine“ bekommt…

Mit der Kultur im Lande ist das so eine Sache. Speziell mit den sprachlichen Empfindlichkeiten, die ich auch gerne „Wortkultur“ nenne. Wir haben nicht nur Tabuthemen im Lande, sondern auch Tabubegriffe, „Tabuworte“. Aus verschiedenen Gründen, zumeist aber aus Rücksichtnahme auf „unsere Geschichte“ oder auf Minderheiten „darf man das doch schon lang nimmer sogn“, wie ein inzwischen mundtot gemachter Kabarettist so gerne zu sagen pflegte. Ich halte das oft nicht für gerechtfertigt. Aber schaun mer mal:

Sehen Sie, liebe Leser, vor wenigen Tagen bekam ich eine e-mail, die mich darüber aufklärte, dass eine bestimmte Benefizauktion, deren Erlös einem Bauprojekt zu Gute kommen sollte, das sich der Wiedererrichtung einer historischen Innenstadtkirche widmet, ausfallen würde. Die mail war kurz, darin ein Link enthalten, unter dem man mehr erfahren könne. Zwar hatte ich ohnehin nicht geplant, mich an dieser Benefizveranstaltung zu beteiligen, aber ich bin ja ein neugieriger Mensch und klickte diesen Link an. Auf der nun auftauchenden Webseite erfuhr ich, dass die Auktion abgesagt worden war, weil der Auktionator ohne Abstimmung mit dem entsprechenden Förderverein in der Einladung zu dieser Veranstaltung u. a. die Worte gebraucht hatte: „Jedem das Seine“. Dieses Zitat sei aber „historisch belastet“ und so müsse man die Zusammenarbeit mit dem Auktionator aufkündigen… Sie wissen ja, was grundsätzlich immer in solchen Fällen für Phrasen fallen. Der Förderverein hatte vor lauter Scham am geplanten Bauplatz auch noch ein „gegen Rechts“- oder „gegen Nazis“-Plakat anbringen lassen. Hm.

Erst einen Tag vorher hatte ich gelesen, dass in einer bekannten und in Deutschland im free-tv zu sehenden Sportliga ein Athlet seinen Vertrag aufgelöst bekam, nachdem er das Publikum vor laufenden Kameras als „eitle Säcke“ bezeichnet hatte. Ach, herrje. Wie kränkend ! (Ironie Ende)

FriedrichI.1690Nehmen wir mal zuerst den offensichtlicheren Fall: „suum cuique“, jedem das Seine, war das Motto des „Schwarzen Adlerordens“ im alten Preußen. Es bedeutete im Kontext der Ehrung einer herausragenden Persönlichkeit, dass dieser jetzt die Anerkennung bekäme, die „königliche“ Anerkennung gar (der Orden war von Friedrich I. 1701 gestiftet worden), die dieser verdiene. „Das Seine“ eben. Einer der so Ausgezeichneten war z. Bsp. der bekannte Maler Adolph von Menzel.

Nun verstehe ich durchaus, dass bestimmte Begriffe sich für den Gebrauch im 21. Jahrhundert von selbst verbieten. Ich würde kein Kind mehr „Adolf“ nennen, mit dem Begriff der „Volksgemeinschaft“ vorsichtig sein oder auch den Rang eines „Obergruppenführers“ nur noch als historische Referenz zu den 12 Jahren NS-Zeit erwähnen. Auch der Terminus „Arbeit macht frei“ ist verbrannt. Das Motto diverser Konzentrationslager eignet sich schlicht und einfach nicht mehr für den Gebrauch in einem demokratischen Staat, so sehr wohl auch heute manch „Arbeitsvermittler“ im JobCenter gerne eine Analogie dafür hätte, um sie den „Kunden“ um die Ohren hauen zu können.

Das preußische „suum cuique“ jedoch, wird bis heute weiterverwendet. So tragen die Feldjäger der Bundeswehr diesen Begriff noch heute in ihrem Barrettabzeichen. Lange hatte man also diesem Terminus, der auch an den Toren des Konzentrationslagers Buchenwald prangte, für relativ „unbelastet“ erachtet. Das jeder „das Seine“ erhalten solle, galt selbst erklärten und fanatischen Linken für lange Zeit nicht als „grundsätzlich falsch“. Dies änderte sich erst nach der Wiedervereinigung. In den 90er Jahren gab es heftigste Debatten darüber wie stark „kontaminiert“ diese Worte seien. Gerade im Kulturbereich galten Stücke, Filme und ähnliches, die diesen Titel trugen oder in denen dieser Begriff anders als negativ konnotiert gebraucht wurde, als absolutes „no-go“. In diesem Sinne also hat sich der Förderverein für den Kirchen-Neubau also von dem oben erwähnten Auktionator getrennt und damit einer ganz bestimmten Interpretation dieser Worte verschrieben. (Besonders peinlich ist, dass dieser Verein in Potsdam sitzt, aber das ist eine andere Geschichte.)

Wie pervers ist das aber, wenn man die Bedeutung eines Begriffs, ebenso wie dessen Gebrauch, von den Nazis abhängig macht ? Darf ich das Wort „Boden“ noch benutzen, obwohl es die „Blut und Boden“ – Ideologie der Nazis gab ? Dürfen Ärzte in dieser Hinsicht auch noch von „Blut“ sprechen oder von „Blutkonserven“ ? Darf in dieser engen, auf 12 Jahre deutscher Geschichte eingeengten, Weltsicht der Fussball-Bundesligist Hertha BSC noch im Berliner Olympiastadion spielen, obwohl dort Hitler die Olympischen Spiele 1936 eröffnete ? Sehen Sie, liebe Leser, wohin uns die Hexenjagd nach „Tabu“-Begriffen treibt ? In die Sprachlosigkeit, wenn man es konsequent zu Ende denkt. Aber es geht ja noch weiter: darf man heute noch Wagner hören, nur weil Hitler einen Faible für den „Grünen Hügel“ hatte ? Darf man noch ein Käsebrot essen, wenn doch auch Himmler solche verdrückte ? Und für den „korrekten“ Zeitgeist besonders peinlich: Darf man noch Vegetarier sein, wenn sich doch das Gerücht hartnäckig hält, auch „der Führer“ hätte nur Pflanzen verdrückt wie eine Kuh oder ein Kaninchen ?

Sie sehen es selbst, liebe Leser, die selbstauferlegten Sprech-, Schreib- und Denkverbote führen uns nirgendwohin. Wenn wir als Gesellschaft, als Land und als Staatsbürger nicht ganz fein austarieren, welche Begriffe tatsächlich nur noch im wissenschaftlichen oder beschreibenden Zusammenhang angebracht sind und welche einfach eine längere Geschichte oder eine „neutrale“ Bedeutung haben, dann begehen wir Verrat an der eigenen Geschichte, an der eigenen Sprache und an der Ausdrucksfähigkeit derselben. Ich werde also dazu gedrängt „suum cuique“ jetzt als Ausdruck der Nazi-Barbarei anzuerkennen ? Nein, Danke. Macht das unter euch „politkorrekten“ Kaspern aus, aber ich will meinen Wortschatz und meinen Sprachgebrauch NICHT so beschneiden lassen und schon gar nicht aus diesem Grund ! Werdet erwachsen, Leute. Die Flut der „das-sagt-man-so-aber-nicht-mehr“-Begriffe muss eingedämmt und zurückgedrängt werden. Sonst ist den Genderisten morgen das Wort „Vater“ zuwider, den Linken der Begriff „Autorität“ und Rothaarigen der Begriff „Rotschopf“ ! Lassen wir die Kirche im Dorf !!!!

Der zweite Fall ist schon eher „tricky“. Da wendet sich ein professioneller Sportler an das Publikum und beschimpft sie in oben erwähnter Art und Weise. Man stelle sich das mal in der Fussball-Bundesliga vor. Der Mann würde vermutlich eine Mordsgeldstrafe bekommen und für ein paar Spiele gesperrt werden. Seine Möglichkeit, durch Fussball Geld zu verdienen und damit seine Familie zu ernähren, würde ihm die DFL oder der DFB aber sicher nicht nehmen. In anderen Ligen ist das anders, in anderen Länder sowieso. Da führt ein solcher „Ausraster“ zur sofortigen Entlassung. War das Publikum an diesem Tag wirklich besonders unangenehm ? Hatte der betroffene Athlet tatsächlich einen schlechten Tag erwischt oder kurz vor dem Wettkampf eine schlechte Nachricht erhalten ? Diese und ähnliche Fragen werden aber im harten Profisport – Business, speziell in den USA, wo das Aufrechterhalten einer „sauberen“ Fassade (man nennt das gerne auch außerhalb des Sportes „family – friendliness“) nun einmal dazugehört, gar nicht erst gestellt. Da geht´s ratz-fatz und sollte der Gekündigte klagen, bekommt er es mit den Anwälten der Liga zu tun. Basta. Schließlich hatte er ja einen Arbeitsvertrag abgeschlossen, in dem ganz sicher, spätestens im Kleingedruckten, irgendwo vermerkt war, dass er auf seine Menschenwürde zu Gunsten eines Jobs verzichtet habe.

Das kann man als „Vertragsfreiheit“ gutheißen oder, da die Ausgangspositionen der beiden Vertragsparteien sehr, sehr ungleich gestaltet sind, für typisches „hire-and-fire“ halten, aber es ist nun eimal Fakt: Wers Maul aufmacht, kriegt den „pink-slip“, was nicht etwa ein in mädchenhafter Farbe gehaltenes Stück Unterwäsche ist, sondern das Kündigungsschreiben. In einem gesellschaftlichen Klima, das Leuten, die ein „falsches Buch“ schreiben, die Freundschaft aufkündigt, oder Autoren und Sängern, die auf der „falschen“ Demo das Wort ergreifen, die Verträge für null und nichtig erklärt, sollten wir also mit dem „Fingerzeigen“ in Richtung der USA ganz vorsichtig sein. Auch hierzulande geht es ganz schnell, dass man als Arbeitnehmer Verträge unterschreiben muss, in denen lächerliche „Toleranzklauseln“ o. ä. enthalten sind, in denen sich Arbeitgeber herausnehmen, jeden zu entlassen, der (und das gilt seit ein paar Jahren auch außerhalb der Arbeitszeit !!!!) Dinge tut und äußert, die als „umstritten“ bezeichnet werden können. Gesinnungsschnüffelei. Wer bspw. auf Facebook „unangemessene“ Kommentare hinterlässt, die aber noch nicht justiziabel sind, kann so dennoch „gemaßregelt“ werden, indem man den Arbeitgeber unter Druck setzt, diesen „bösen Vogel“ doch zu entlassen. Hat das irgendwie mit der Entlassung des o. g. Sportlers in den USA zu tun ? Ich kenne den Fall auch nur ganz oberflächlich und kann da keine wirklich fundierten Vergleiche ziehen, aber nach meiner Kenntnislage hatte es die Liga ohnehin auf besagten Athleten abgesehen und seinen „Ausraster“ nur als Vorwand genutzt, um durch seine Entlassung die „Personalkosten“ ein kleines Bischen drücken zu können.

Zusammenfassung: wer mal austickt oder die „falschen Worte“ gebraucht, geht heute schneller als früher das Risiko ein, arbeitslos zu werden oder zumindest einen mächtigen Prestigeverlust zu erleiden. Die „Tugendwächter“ schlagen, sowohl über dem „großen Teich“ als auch hierzulande, schneller zu, als früher. Ist das förderlich für die „Toleranz“, die „Meinungsvielfalt“ und „Diskurskultur“ ? Beurteilen Sie das bitte mal schön selbst, liebe Leser.

Ihr

Jemeljan Pugatshow

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 03/12/2015 von in Kultur, Zeitgeist, Zustand der Nation und getaggt mit .
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