Kassandrenrufe

"connecting the dots" – für mündige Bürger

Eindrücke vom „Marsch für das Leben 2015“

Mein Bruder war in diesem Jahr wieder beim „Marsch für das Leben“ der Lebensschützer in Berlin. Hier sein Bericht:

Alle Jahre wieder treffen sich die Lebensschützer in Berlin zum „Marsch für das Leben“. Wer menschliches Leben nicht für eine „Ware“ hält, für politische Verhandlungsmasse oder reines Zahlenwerk, sondern für wertvoll erachtet, muss wohl hierzulande über kurz oder lang darüber nachdenken, wie er zu Fragen wie „Abtreibung“ oder „ärztlich unterstütztem Suizid“ steht. 

Wann entsteht ein Mensch ? Wenn er die Geburt hinter sich hat, oder im Moment der Zeugung ? Das ist die Kernfrage, die Lebensschützer und Frauenrechtler wohl unterscheidet. Oftmals auch durch den christlichen Glauben motivierte Lebensrechtler sehen den Menschen im Moment der Zeugung auf dem Wege des Werdens. Frauenrechtler/-innen sehen den Moment der Geburt als maßgeblich für das Menschsein an. Vorher ist (so witzelte ein Teilnehmer des diesjährigen MfdL im Gespräch) der Embryo nur so eine Art „Teil der Frau“ ohne Anspruch auf eigene Existenz.

DSCI1620_compressedIn einer offenen, pluralen und dem demokratischen Diskurs zugeneigten Gesellschaft dürften beide Standpunkte gleichberechtigt nebeneinanderstehen und jeweils öffentlich für ihre Ansichten werben. Den ihnen nahestehenden Organisationen oder Parteien würde die Möglichkeit gegeben, ihre Argumente vorzutragen und der mündige Bürger würde, wann immer er die Gelegenheit dazu erhält, darüber abstimmen, welches Argument schwerer wiegt. Nun, dies ist aber leider nur der Traum einer Idealgesellschaft. Wie es in der Realität aussieht, darf man jedes Jahr wieder beim „Marsch für das Leben“ in Berlin „bewundern“. Seit mehreren Jahren nehme auch ich daran teil und die Eskalation der „Proteste“ gegen unseren friedlichen Trauermarsch, die schrittweise voranschreitet, kann kaum noch geleugnet werden.

Waren in den vergangenen Jahren zunächst nur ein paar verwirrte und an den Kernanliegen unserer Veranstaltung völlig desinteressierte, verwahrloste Jugendliche zu bemerken, die am Straßenrand weitgehend sinnentleerte Parolen gröhlten und versuchten, die Lebensschützer zu irgendwelchen „bösartigen“ Reaktionen zu verleiten, so hatte bereits im Jahr 2014 erstmals ein Farbbeutel-Angriff auf einen teilnehmenden Bundestagsabgeordneten stattgefunden, der medienwirksam (noch dazu vom ÖR-TV) abgefilmt wurde. Auch erste, wirksame Blockaden der Trauerprozession konnten schon 2014 festgestellt werden, wenn sie jedoch auch nur kurz andauerten und durch mehr oder minder freundliche Gespräche der Berliner Polizei schnell wieder beendet werden konnten. Immerhin handelt es sich beim MfdL ja um einen angemeldeten Zug von Bürgern, die letztlich nur ihr Demonstrationsrecht wahrnehmen.

Nun, offensichtlich waren den „Frauenrechtlern“, „Antiklerikalen“ und sonstigen Gegnern des MfdL sowohl der schon zur Routine gewordene „Pöbelprotest“, den geübte MfdL-Teilnehmer seit Jahren mit einem Lächeln weitgehend ignorierten, als auch die 10-Personen Blockaden auf der Straße „Unter den Linden“, die von der Polizei innerhalb von Minuten wieder aufgelöst wurden, nicht mehr genug. Sie wollten es uns in diesem Jahr „mal so richtig zeigen“ und so hatte vor allem die Linkspartei-Funktionärin Katja Kipping schon seit Monaten zur Jagd auf den MfdL und seine Teilnehmer geblasen. Dass es sich wie schon erwähnt um eine gemeldete Demonstration von Bürgern, die ihre Meinung frei zum Ausdruck bringen, handelt und somit absolut im Einklang mit dem Grundgesetz ist, scheint die Hassprediger und Hetzer aus Linkspartei, Grünen (ja, ich meine Sie, Herr Beck) und Teilen der SPD nicht im mindesten zu kümmern. Wer nicht ihrer Ansicht ist, ist ohnehin vermutlich in ihren Augen ein „Kryptofaschist“, „Latenznazi“, „Fundamentalist“ o. ä. Interessant, dass diese Klientel sich niemals auf Al-Kuds-Tags-Demos islamistischer Kreise einfindet, wo schon mal gerne gegen Schwule, Juden und den Staat Israel gehetzt wird, wo Frauen gesondert hinter den Männern hertrotten müssen etc., ist auffällig. Aber vermutlich gäbs für die verlotterte Linke da auch ordentlich auf die Fresse, während Christen ja immer „die andere Wange hinhalten“. Soviel zum Mut und Rückgrat der Gegendemonstranten.

DSCI1626_compressedIm Lager dieser Fanatiker, deren nackter Hass vor allem in diesem Jahr sich deutlich in der Mimik ihrer Teilnehmer widerspiegelte, war außerdem zu bemerken, dass sie unser Anliegen letztlich gar nicht verstehen, wenn sie Slogans skandieren, die komplett am Thema Lebensschutz vorbeigehen. Dies verleitet die meisten Teilnehmer des MfdL zumeist nur zu einem leichten Grinsen vor lauter Fremdschämen, aber die mentalen Kleinkinder, die es dieses Jahr sogar „auf die Bäume“ (die „Linden“ wurden tatsächlich von Nackedeis im „Femen“-Stil erklettert) getrieben hat, fühlen sich hinterher wie Helden und um so vieles besser. Na, sei´s drum, man hat ja viel Verständnis für jugendliches Protestgebahren. Man war selbst auch mal jung und hat Fehler gemacht.

Weit über das Level von „Fehlern“ geht hingegen das gezielt aus der linken Szene gesteuerte Blockadeverhalten hunderter Protestler hinaus. Erstmalig in diesem Jahr haben diese Antidemokraten und selbstgerechten Fans gesellschaftlicher Gleichschaltung es vermocht, den MfdL mehrfach und insgesamt mehr als zwei Stunden lang auf der Straße Unter den Linden zu blockieren. Hier hatte ich erstmalig in meiner eigenen MfdL-Teilnahme-Geschichte den Eindruck, dass die Berliner Polizei tatsächlich mit dem Schutz und in der Gewährleistung des ungehinderten Ablaufes unserer Kundgebung überfordert war. Und das, obwohl kein Bundesligafussball den Personaleinsatz aufsplitten musste. Auch hatte die linksradikale Szene im Vorfeld des MfdL keinen Hehl darum gemacht, dass sie unseren „Mittelalter-Marsch“ um jeden Preis stoppen wollte. Die Reaktion der Polizei auf diese zu erwartenden, illegalen Machenschaften, sah jedenfalls anfänglich eher kläglich aus. Das „Konfliktteam“ der Berliner Polizei kam zum Einsatz, was konkret so aussieht, dass man mit den in einer Sitzblockade sich selbst zelebrierenden Straftätern (ja, tatsächlich, das Behindern legaler Kundgebungen ist hierzulande strafbewehrt ! Irgendjemand sprach hier mal von „Nötigung“. Bin kein Jurist, also kann ich das nicht bestätigen.) erstmal „in einen Dialog“ eintrat. Ein neben mir wartender MfdL-Teilnehmer bemerkte hierzu ebenso zynisch wie treffend, dass jetzt wohl erstmal ein Tee ausgeteilt und Gebäck gereicht werden würde.

DSCI1645_compressedWie es auch immer gewesen sein mag, die Blockierer fühlten sich so gut, dass sie zunächst auf Höhe der Friedrichstraße und dann noch einmal, nur Minuten später, auf Höhe Charlottenstraße den Zug zum Halten brachten. Interessant ist die Reaktion einiger MfdL – Teilnehmer auf diese langwierigen Blockaden zu sehen: Gruppenweise begannen sie damit, Kirchenlieder zu singen, um den Trommellärm und die abgrundtief niveaulosen und offensichtlich der reinen Provokation dienenden Parolen des Pöbels zu übertönen. „Großer Gott wir loben dich.“ Das erinnert mich immer an den Film „quo vadis“. An die Szene, in der Kaiser Nero sich so verwundert darüber zeigt, dass die den Löwen vorgeworfenen Christen in der Arena Gesänge anstimmen. „Die singen ja, die singen ja immer noch !“ Ja, wir singen. Immer noch. Nach zweitausend Jahren immer noch.

Auch die Rahmenumstände des 2015er MfdL waren besondere. Hatte z. Bsp. die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) bislang eine distanzierte, aber letztlich gleichgültige Haltung unserem Anliegen gegenüber gezeigt, so war in diesem Jahr erstmals die offene Ablehnung des Lebensschutzes z. Bsp. durch die EKBO (Evangelische Kirche Berlin und schlesische Oberlausitz) zu bemerken. In deren Medienverteiler weigerte man sich 2015 erstmalig, die Informationen zum MfdL auch nur kommentarlos an die Mitgliedsgemeinden weiterzureichen und diesen den Umgang damit selbst zu überlassen. Informationen der „bösen, bösen Abtreibungsgegner“ sollen offensichtlich das „schöne, neue Weltbild“ der EKBO nicht belasten. Dass der Berliner Dom dem ökumenischen Abschlussgottesdienst des MfdL schon seit Jahren nicht offen steht, ist der gleichen Geistehaltung gedankt, die in dessen Kirchengemeinde herrscht, in welcher der Berliner Landesbischof seinen Sitz hat (ja, ja, ich weiß, die Predigtkirche ist St. Marien am Alex). Man kann also mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit Rückschlüsse darauf ziehen, welche Haltung Bischof Dröge selbst zum MfdL einnimmt.

DSCI1651_compressedDer Abschlussgottesdienst wurde leider durch einen heftigen Regenschauer beeinträchtigt und abgekürzt. Auch hatten sich wieder „Regenbogen“-Protestler unter die Teilnehmer gemischt, die in diesem Jahr aber leider nicht annähernd so zügig von der Polizei aus dieser Veranstaltung entfernt wurden, wie es wünschenswert gewesen wäre. In der S-Bahn nach Hause traf ich dann später noch Teilnehmer des MfdL. Eine Dame, die extra aus England angereist war, um uns zu unterstützen, zeigte sich sehr irritiert darüber, dass Gegendemonstranten unsere Kundgebung mit „nie wieder Deutschland“-Rufen begleitet hatten. Das ging komplett am Thema vorbei und war einer stolzen Britin auch sonst unverständlich, da es auf der „Insel“ offensichtlich noch nicht so weit verbreitet ist, das eigene Land öffentlich zu beschimpfen und sich für dessen Auflösung einzusetzen. Ihre Bekannten und ich selbst konnten diese Irritation leider nicht ausreichend aufklären. Dazu müsste man die Denkweise des Deutschland-Hasser-Pöbels wohl besser verstehen, wozu keiner von uns wirklich in der Lage war.

Zuhause angekommen wollte ich noch kurz die lokalen TV-Nachrichten ansehen, um mal zu schauen, wie das ÖR-TV wohl berichtet. Der MfdL war ein „sonstiges“ Thema, wie in jedem Jahr. Immerhin bemühte man sich, sowohl die Motive der Teilnehmer als auch die der Blockierer irgendwie „in ausgewogener Äquidistanz“ kurz anzusprechen. Die völlige Illegalität und Demokratiefeindlichkeit der von Linksaußen initiierten Proteste wurde erwartungsgemäß nicht erwähnt. Dafür wurde lange über das „Drachenfestival“ auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof berichtet. Man sieht richtig die Abwägung der Redakteure: „Drachen gegen Lebensrecht. Da berichten wir natürlich lieber über Drachen.“

Was bleibt also vom „Marsch für das Leben“ 2015 hängen ? Stichwortartig: die Teilnehmerzahl stagniert leider im Vergleich zum letzten Jahr um 5.000 herum, auch wenn der Veranstalter dieses Jahr großzügig 2.000 zusätzliche Teilnehmer gesehen haben wollte. Die Polizei leistete sehr viel, schien aber angesichts der langfristig angekündigten Blockaden dennoch scheinbar etwas überrascht. Das erinnerte auffällig an die Berliner S-Bahn, die auch jedes Jahr wieder durch den Wintereinbruch „überrascht“ wird und Zugausfälle nicht vermeiden kann.
Denjenigen, die eine offene Gesellschaft und vielfältige Meinungsäußerungen ablehnen, gelingt es mittlerweile immer besser, sich in den Medien in ein gutes Licht zu setzen und Unterstützung von gleichgesinnten Politikern zu finden. Die EKBO ist als Partner für die Lebensrechtsbewegung seit 2015 komplett ausgeschieden. Immerhin haben wenige (zwei) Landesbischöfe der EKD Grußworte geschickt, ohne Präsenz oder sonstige, echte Unterstützung zu zeigen. Ein katholischer Weihbischof und ein Bischof aus Österreich aber sind mit uns gemeinsam auf den Weg gegangen. Ich hoffe, sie haben auch noch etwas von den Blockaden erlebt und von dem nackten, unprovozierten Hass, der den MfdL-Teilnehmern entgegenschlug. Ein bischen Realität schadet kirchlichen Funktionsträgern nicht.

Also auf zum nächsten „Marsch für das Leben“ in Berlin 2016. Und sei es nur, um noch einmal (solange es noch geht) an einer legalen Kundgebung teilzunehmen, welche die langsam aber sicher den öffentlichen Bereich dominierenden Linken auf die Palme (oder seit diesem Jahr auch „auf die Linde“) bringt.

Tschö, Ihr

Jemeljan Pugatshow

P.S.: Ich wurde von Teilnehmern des MfdL 2015, die geduldiger waren als ich, darauf aufmerksam gemacht, dass die zwei Stunden „Stehpause“ ihnen nicht zu lang vorkamen, da sie wussten, dass die Berliner Polizei sie schützt und fleissig Sitzblockierer abräumt. Meine an die Polizei gerichtete Kritik sei also zu stark ausgefallen. Nun, ich stelle dann mal klar, dass ich die Arbeit der Polizei seit Jahren für gut halte. Sie pickt von der Gegenseite eingeschleuste Provokateure aus unseren Reihen, schützt uns nach außen vor den hasserfüllten und 100 %ig gewaltbereiten Gegendemonstranten und räumt meist auch die Störer zügig vom Abschlussgottesdienst ab, die keine Pietät und keinen Respekt vor christlichen Versammlungen haben (an islamische Feiern würden sie natürlich nicht herantrauen, denn wie schon erwähnt gäbs da ordentlich Keile). Mit anderen Worten, das leider immer größer werdende Polizeiaufgebot am MfdL leistet sehr viel und dafür bin ich den Beamten dankbar. Nur befürchte ich eben, da Beamte per se ja immer weisungsgebunden sind, dass, sobald mal noch mehr „Druck“ aus Politik und Medien gegen den MfdL aufgebaut wird, auch diese gute Arbeit der Polizei schrittweise aufgeweicht werden wird. Dann wird es wirklich gefährlich, teilzunehmen. Ob nun flexibler und zügiger auf die Blockaden hätte reagiert werden können, mögen Experten beurteilen. Mir erschien es so und damit war ich nicht allein.

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2 Kommentare zu “Eindrücke vom „Marsch für das Leben 2015“

  1. Tom Scheidl
    22/09/2015

    Es ist fantastisch wie Du das zusammen fasst, ich danke Dir sehr. Meine Familie, meine Freunde denken und fühlen sehr ählich und ich bin froh nicht ganz allein in meinem „Mikrokosmos“ zu leben.
    Hab schon ein paarmal versucht Deine Beiträge zu „liken“, funktioniert aber nicht. Wie geht das? Auch weilerleiten mach ich immer über die WWW Adresse, nicht direkt. Geht das auch anders?
    Liebe Grüße unbekannterweise – Tom

    • Bin technische „Nullnummer“. Habe echt keine Ahnung, warum manche Funktionen mal laufen und mal nicht. Weiß auch nur, dass manchmal Werbeblocker o. ä. leider auch sinnvolle Funktionen blockieren. Auch sind manchmal noch immer die unterschiedlichen Browser mehr oder weniger zickig.
      Ansonsten: Schön, dass der „Mikrokosmos“ größer zu werden scheint. In den letzten Jahren traf ich beim „Marsch für das Leben“ so einige Freigeister, mit denen man schön offen reden kann. In diesem Jahr waren zwar einige wieder dabei, aber wirklich „vernetzt“ haben wir uns leider bislang nicht. Na, vielleicht im nächsten Jahr wieder.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 20/09/2015 von in Politik_allgemein, Zustand der Nation und getaggt mit , , .
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