Kassandrenrufe

"connecting the dots" – für mündige Bürger

Es riecht nach „Götterdämmerung“…

…im Frauenfussball. Klingt sicher merkwürdig, wenn man bedenkt, dass schon wieder Japan und die USA den Titel unter sich ausspielen werden. Wer aber das gesamte Turnier der Weltmeisterschaften 2015 in Kanada beobachtet hat, kam nicht umhin, zu bemerken, dass einige „Selbstverständlichkeiten“ früherer Jahre zu bröckeln scheinen. Auch der Glanz mancher Star-Spielerin, an der sich das ein oder andere Team aufgerichtet hat, scheint zu verblassen. 

MARTAAm deutlichsten wurde dies vielleicht am Beispiel Brasiliens und seiner Spitzenspielerin „Marta“. Brasilien, das bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften eigentlich schon „traditionell“ eine gute Figur machte, wirkte beim diesjährigen Turnier überaltert, ideenlos und ohne den Biss und Siegeswillen, den gerade die Weltenbummlerin Marta zuvor immer verkörpert hatte. Allzusehr hatte man sich auf den Zusammenhalt der erfahrenen Spielerinnen Formiga, Cristiane, Fabiana und vor allem eben Marta verlassen und dabei übersehen, dass vielleicht einige dieser Leistungsträgerinnen vergangener Jahre ihre beste Zeit bereits hinter sich haben mögen. Der nötige Umbruch, der dem brasilianischen Frauenteam bevorsteht, kommt für dieses Jahr zu spät, vielleicht auch für die Olympischen Spiele 2016 in Rio.

Ähnliches kann auch über die Schwedinnen und ihren Superstar Lotta Schelin gesagt werden. Selbst mit erfahrenen Bundesliga – Spielerinnen wie der z. T. deutlich in ihren Defensivaufgaben überforderten Nilla Fischer konnte Schweden eigentlich im ganzen Turnierverlauf nicht überzeugen. Lotta Schelin war offensichtlich außer Form und es fragt sich, ob sie dieses herausragende Niveau, auf dem sie noch 2013 bei der EM im Heimatland gespielt hatte, jemals wieder erreichen wird. Schweden war auf jeden Fall eine der größten Enttäuschungen des Turniers. Wer zwar den in der Gruppenphase noch etwas lustlosen US-Damen ein Unentschieden abringt, aber von Nigeria drei „Bomben“ kassiert, mit dem stimmt einfach etwas nicht. Auch, dass die in ihren Leistungen ein weiteres Mal stark schwankende, deutsche Mannschaft die Schwedinnen im Achtelfinale fast widerstandslos beiseitefegte, spricht für sich.

Womit ich eigentlich bei unserer Auswahl ankommen sollte, aber ich schiebe noch schnell die Norwegerinnen vor, da sich über sie ähnliches sagen lässt, wie über Deutschland: sie waren inkonsistent. Mal großartig, schnell, präzise nach vorne agierend. Bissig im Abschluss, gefährlich bei Standardsituationen. Und dann, manchmal noch im selben Spiel, wurden die Damen „von den Fjorden“ mehr oder minder plötzlich müde, langsam, zweikampfschwach und agierten dann glücklos. War der kräftezehrende Kunstrasen daran schuld, dass das laufintensive und auf Athletik gebaute Spiel der Norwegerinnen nicht aufging ? Schwer zu sagen, immerhin hatten ja alle Teams die gleichen Bedingungen. Und was war bloß mit der hochgelobten Ada Hegerberg los ?

Tja, und nun aber zum Kapitel „Deutschland“ bei dieser WM. Ich gestehe, ich bin mir noch immer nicht sicher, was wir da für eine Mannschaft gesehen haben. Das Team, welches Norwegen 45 Minuten lang dominierte, aber dann nach der Halbzeit praktisch komplett aus dem Spiel auscheckte ? Oder die Mannschaft, die gegen Frankreich ebenfalls 45 Minuten lang keinen Stich erhielt, aber später zumindest versuchte, mit Kampf und Balleroberung ins Spiel zurückzukommen ? Die Leistungen waren letztlich zu schwankend, um tatsächlich ein ernsthafter Kandidat für den Titel zu sein. Und diesmal können die Damen eben nicht die nachträgliche Rechtfertigungskarte „wir waren vor unserem Heimpublikum zu sehr unter Druck“ ziehen, mit der sie sich neuerdings die Enttäuschung von 2011 schönreden. Immerhin stand man in Kanada im Halbfinale und somit unter den „letzten Vier“. Das war schon ein Erfolg und darf nicht künstlich kaputtgeredet werden. Aber zur Wahrheit gehört eben auch, dass der „Titeltraum“ an einer taktisch bestens eingestellten, hochkonzentrierten, viel ballsichereren und vor allem KONDITIONELL ÜBERLEGENEN US-Mannschaft scheiterte. Völlig zu Recht, auch wenn die USA für ihren „Durchbruch“ eine Fehlentscheidung der Schiedsrichterin brauchten. Es war letztlich im Halbfinale zu sehen, dass die unglückliche „Route“ des DFB-Teams, welches letztlich bereits im Viertelfinale ein echtes „Endspiel“ über 120 Minuten absolvieren musste, offensichtlich für mehr als eine Spielerin im Kader zu beschwerlich war. Den US-Damen merkte man die Anstrengungen eines langen Turnieres eben nicht an, weshalb der „Titel“, der „Turniermannschaft“ diesmal an die USA geht. Auch sie hatten eigentlich schwach im Turnier begonnen,  sich aber immer genug Kräfte gespart, um die wichtigen Spiele durchzustehen. Davor kann man, vielleicht muss man es sogar, den Hut ziehen.

Und die Zukunft des deutschen Teams ? Schwer zu sagen, aber ich setze dabei auf das Motto „Um- und Neuaufbau“. Das mag ein bischen dauern, bis man dann wieder mit Frankreich, den USA oder Japan auf Augenhöhe agieren kann, aber es könnte sich lohnen, wenn man nicht nur kurzfristig in Kategorien wie „Qualifikationen für Turniere“ oder an die kommenden Olympischen Spiele 2016 denkt. Wenn es dem DFB und der nächsten (hoffentlich eher sofort als später zu installierenden) Bundestrainerin Steffi Jones ernst ist mit einer langfristigen Perspektive, sollte man die nächsten ein bis zwei Turniere zum „Testgelände“ erklären und mit keinerlei Erwartungshaltung in die Spiele von Rio und die EM 2017 hineingehen. Denn auch hierfür gibt es Beispiele. Bei dieser WM 2015 hat z. Bsp. China eine sehr junge und unerfahrene Mannschaft nach Kanada geschickt, die letztlich nie eine Chance aufs Halbfinale hatte. Aber, wenn ich die Strategie des chinesischen Fussballverbandes richtig verstehe, dann setzt diese ehemalige Damen-Fussball-Großmacht auf die lange Sicht. Zu Recht, wie ich finde ! Die jungen „Hüpfer“ Chinas, die am Ende gegen großzügige Amerikanerinnen nur 0:1 verloren, werden in vier Jahren mehr Erfahrung, eine bessere Raumaufteilung und vielleicht auch eine größere Ballsicherheit mitbringen. Das wird sicher was ! Und diesen Weg könnten wir auch beschreiten…

Und, nach dem Abgang von Nadine Angerer, die letztlich mehr oder minder „im Alleingang“ den EM-Titel 2013 sichergestellt hatte, bietet sich m. E. nach sogar ein „radikaler“ Umbruch geradezu zwingend an. Dieser war ja schon im Kader von 2013 zu erkennen. Damals jedoch eher wegen Verletzungssorgen und Formkrisen diverser Leistungsträgerinnen aus der Not geboren. Wird aber z. Bsp. eine Celia Sasic weiterspielen wollen ? Wie lange wird Lira Alushi ihre „Baby-Auszeit“ nehmen und kann sie an ihre Bestform vergangener Zeiten noch einmal heranreichen ? Wird Nadine Keßler wieder auf die Beine kommen und ein starkes Duo mit der in Kanada oft erschreckend indisponierten Lena Goeßling bilden können ? Ist den körperlich ihren Gegenspielerinnen oftmals gefährlich unterlegenen „Jungspunden“ wie Tabea Kemme oder Leonie Maier eine Leistungssteigerung noch zuzutrauen oder muss eine komplett neue Viererkette mit robusteren Nachwuchsspielerinnen aufgebaut werden, wenn etwa Annike Krahn mal über den Rücktritt von der Nationalmannschaft zu Ende nachgedacht haben wird ? Wie Sie sehen, liebe Leser, viele Fragezeichen über der deutschen Damenauswahl. Und als Anhängerin eines „Endes mit Schrecken“, statt eines Schreckens ohne Ende sehe ich JETZT die Zeit, schmerzhafte Entscheidungen zu treffen, gekommen. Nicht wahr, Frau Neid ? 🙂

Ihre

Kassandra Pugatshowa

P.S.: Immerhin scheinen Japan und die USA mit winzigen Verjüngungkuren ihrer Teams, mit exzellenter, taktischer Vorbereitung und großartiger Kondition in einem breit aufgestellten Kader der „Göttinnendämmerung“ zu entgehen. Vorerst. Aber auch eine Abby Wambach oder Homare Sawa haben den Zenith ihrer Karrieren sicher bereits längst überschritten. Was danach kommt ? Wir werden es sehen.

P.P.S.: Kein Team verkörpert den Umbruch im Damenfussball übrigens so sehr wie England. Diese an sich technisch und taktisch sehr begrenzten, aber mit einem ungeheueren (von der deutschen Mannschaft zu keiner Zeit erreichten) Kampfgeist ausgestatteten „drei Löwinnen“ sind mit dem Halbfinale bestens bedient. Und haben sicher noch Luft nach oben für kommende Aufgaben.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 02/07/2015 von in Sport und Gesellschaft und getaggt mit , , .
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