Kassandrenrufe

"connecting the dots" – für mündige Bürger

das Problem der Silvia Neid

Ja, ja, schon wieder Frauen-Fussball. Mein letzter Beitrag zu den möglichen Veränderungen auf internationaler Ebene hat ja schon viele meiner Beobachtungen widergespiegelt, die ich während der WM 2015 gesammelt habe. Eine, besonders schmerzhafte, habe ich mir aber für diesen Artikel aufgehoben. Und diese betrifft erneut die deutsche Bundestrainerin Silvia Neid.

SNEIDDenn in der Folge des verlorenen Halbfinales gegen die USA sah ich den Schnipsel eines Interviews mit ihr. Das ZDF hielt ihr das obligatorische Mikrofon vor die Nase und stellte Fragen nach verschiedenen Aspekten des Spieles. Und zu keinem Moment ließ Silvia Neid dabei erkennen, dass sie gerade Teil desselben Spieles gewesen war, das wir Zuschauer am Bildschirm in der Heimat mitverfolgt hatten. Wollte sie sich so vor ihre Mannschaft stellen ? Kritik von einzelnen Spielerinnen fernhalten ? Die ehemals von Uli Hoeneß in München bis zur Perfektion gebrachte Technik der „umstrittenen Aussage“ praktizieren, welche dafür sorgt, dass jeweils von den Schwächen der Mannschaft abgelenkt würde ? Möglich ist das, widerspricht aber Silvia Neids in den Jahren ihrer Ausübung des Bundestrainerinnen-Amtes immer wieder gezeigter Schwäche in der Selbstkritik.

Denn schon nach dem enttäuschenden Ausscheiden Deutschlands im Viertelfinale der WM 2011, welches heute in einer unseligen Allianz aus DFB und Massenmedien dem „besonders hohen Druck vor dem Heimpublikum zu gewinnen“ zugeschrieben wird, sahen wir ähnliche Akte der Realitätsverleugnung durch die Bundestrainerin.

Denn Deutschland sitzt international unter den absoluten Top-Teams schon seit Jahren nur „in der zweiten Reihe“. 2011 bei der WM, 2012 bei den Olympischen Spielen und 2015 wieder bei Welt-Titelspielen spielten jeweils die USA und Japan den Titel unter sich aus. Meine Hochachtung und mein Respekt dafür. Beide Verbände haben mit einer Personal-Politik der „Mikro-Veränderungen“ (anders gesagt: mit jeweils ungeheuer stabilen und eingespielten Kadern) eine gute Linie gefahren. Dass Deutschland sich mit dem Gewinn diverser Europa-Titel ein bischen selbst etwas vormachen konnte, was die eigene, internationale Stellung angeht, gehört leider im Umkehrschluss auch zu den bedenklichen Fakten. Was mir persönlich aber viel stärker ärgerlich ins Auge fiel, ist der z. T. mangelnde Kampfgeist vieler, deutscher Spielerinnen beim Turnier 2015. Ein Team wie England z. Bsp. kam praktisch NUR mit Selbstbewusstsein, sowie Lauf- und Kampfbereitschaft ins Halbfinale. Tugenden, die einstmals auch unseren Teams immer zugeschrieben wurden.

Daran mangelt es aber vor allem einigen der weniger erfahrenen, jüngeren Spielerinnen. Wenn eine Melanie Leupolz fast die kompletten 90 Minuten in einem WM-HALBFINALE untertaucht, wenn selbst eine Lena Goeßling praktisch jeden Zweikampf verliert und wenn sie den Ball tatsächlich einmal erobert, ihn dann SOFORT wieder „in die Walachei“ schickt, statt zu einer Mitspielerin, dann muss man sich mehrere Fragen stellen.

  1. Wie stand es um die konditionelle Ausrüstung des Kaders ? Uns wurde immer wieder „verkauft“, dass dieser Kader so breit und ausgeglichen sei, wie noch bei keinem Turnier zuvor. Warum dann konnte die deutsche Frauschaft z. Bsp. gegen Norwegen nur eine Halbzeit lang wirklich ihr Spiel aufziehen und wirkte nach der Halbzeit „platt“ ? Übrigens genauso platt wie in der ersten Halbzeit des Frankreich-Spieles im Viertelfinale und in weiten Teilen des Halbfinales ? War die Saison in der Bundesliga etwa zu lang gewesen und die Spielerinnen zuzüglich der Champions League einfach nicht mehr in der Lage, ein Turnier komplett durchzuspielen ?
  2. Wie steht es um den Siegeswillen des Teams ? Wurde ihnen, wie vielleicht 2011, schon zu früh ein Favoritenstatus vom DFB oder den Medien zurechtgebastelt, dem der Kader als solcher gar nicht gerecht werden konnte ? Hätte man im Vorfeld, auch wenn man amtierender Europameister ist, nicht etwas tiefer stapeln sollen EBEN GERADE wegen der schlechten Erfahrungen mit dem zu großen Druck von außen aus dem Jahre 2011 ? Wenn ich das Motto „Titeltraum“ ausgebe, tue ich sicher vor allem den jüngeren Spielerinnen keinen Gefallen. Die „Blase“ in der viele Spielerinnen und wohl auch Silvia Neid selbst lebten, platzte eigentlich bereits im Viertelfinale gegen Frankreich. Nämlich die Blase des „et hätt noch imma jot jejonge“ (ist schon immer noch gutgegangen) wie man in Köln sagt. Nein, schon gegen Frankreich brauchte Deutschland eine Mischung aus Glück, einer gutwilligen Schiedsrichterin und der wie immer überragenden Nadine Angerer, um ins Halbfinale einzuziehen. Immerhin haben sowohl die Medien als auch die Delegationsleiterin Doris Fitschen nach diesem Spiel noch die einsichtige Größe gezeigt, zuzugeben, dass mit Frankreich das bessere Team ausgeschieden war. Aber anstatt aus dieser Schlacht gegen die Französinnen Selbstbewusstsein zu ziehen und frohgemut den USA den Kampf anzusagen, traten die deutschen Frauen dem Stars-and-Stripes Team wenige Tage später saft- und kraftlos entgegen. Nicht umsonst sprachen TV-Analysten wie die Ex-Nationalspielerin Kim Kulig von „mangelnder Laufbereitschaft“ und „zu vielen verlorenen Zweikämpfen“ sowie einem „uninspirierten offensiven Umschaltspiel“.
  3. Und genau hier müsste sich eigentlich Silvia Neid an die eigene Nase fassen und z. Bsp. eingestehen, dass diesmal die bessere Mannschaft gewonnen hat. Müsste offen eingestehen, dass  die offensichtlich mit dem US-Angriffswirbel überforderte Mannschaft früher als in der 77. Minute einen Wechsel gebraucht hätte (die angeschlagene Dszenifer Maroszan kam für Anja Mittag),  dass mehr als eine Spielerin auf dem Platz stand, deren „Akku leer“ war (siehe Punkt 1.) und die mit schnellen Ballverlusten und verlorenen Zweikämpfen die Amerikanerinnen unnötig stark machten. Stattdessen spricht Silvia Neid von einem „Spiel auf Augenhöhe“, sie redet davon, dass sie sich „mit Auswechslungen“ überhaupt nicht beschäftigt habe, weil die Mannschaft ja „gut gegen den Ball“ gearbeitet habe etc. Das zeigt eine gewisse Realitätsverleugnung, die sich aber leider nahtlos in Silvia Neids Verhaltensmuster im Krisenfalle einfügt.

Denn spätestens seit dem etwas unglücklich verlaufenen Turnier 2011 im eigenen Land (wo man immerhin gegen den späteren Weltmeister verlor, das kann schon mal vorkommen) zeigt sich eine große Schwäche der Bundestrainerin: sie ist weitgehend kritikunfähig. Sachliche Kritik anzunehmen und zu verarbeiten ist nicht ihre Stärke, stattdessen nimmt sie solche Analysen schnell persönlich, schaltet auf „bockiges Kindl“ um und flüchtet in die Traumwelt ihrer Wunschvorstellungen. Anders gesagt: wenn´s gut läuft, ist Silvia Neid die richtige Trainerin, fühlt sich wohl, sicher und in ihrer Arbeit bestätigt. Dann kann sie einfach keine Fehler machen. Wenn´s aber mal nicht läuft, wenn die sicher akribische und systematische Vorbereitung ihres Kaders eben nicht vom ultimativen Erfolg gekrönt ist, der in Deutschland praktisch immer erwartet wird (etwas, das unsere Medien der US-Sportöffentlichkeit aber immer vorwerfen, merkwürdig…), dann sieht man den zwanghaften, krampfigen Charakter der Bundestrainerin, dann macht sie Aussagen, wie die o. e. , die jenseits der nachprüfbaren Realität sind oder sie wird gar bissig gegen Dauerkritiker wie ihren „Intimfeind“, den langjährigen, Potsdamer Vereinstrainer Bernd Schröder. Mit anderen Worten: Charakterstärke und sachliche Bereitschaft zur Analyse einer Situation sieht anders aus. Frau Neid scheint eine typische „Schönwetter-Trainerin“ zu sein.

SteffiJonesNun steht ja mittlerweile mit Steffi Jones ihre Nachfolgerin bereits fest. Der DFB wollte eine ruhige, sachliche „Staffelstab“-Übergabe gewährleisten. Frau Neid wollte als letztes, großes Turnier noch einmal eine Frauschaft zu den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro führen. Sorry, Frau Neid, aber ich denke, ein „Ende mit Schrecken“ ist allemal besser als ein „Schrecken ohne Ende“. Reissen wir das Pflaster schnell ab und ersparen der Nationalmannschaft der Frauen eine lange und qualvolle „Transitionsperiode“ hin zu Steffi Jones. Bitte, treten Sie umgehend zurück und geben damit einem neuen Trainerstab die Möglichkeit, einen kompletten, unvoreingenommenen Neuaufbau zu beginnen. Dass ich gerne die nächsten zwei Turniere „drangeben“ würde und als „Experimentierphase“ für eine völlig neue, langfristig angelegte Ära im deutschen Frauenfussball benutzt sehen würde, habe ich ja schon im letzten Beitrag klargemacht.

Was bleibt also am Ende der „Ära Silvia Neid“ ? Da ist natürlich der WM-Titel 2007. Als erste DFB-Trainerin konnte sie einen weiteren „Stern“ auf das Trikot der Auswahl zaubern, während sie ihre erste WM als Trainerin bewältigte. Genau von diesem „Anfangserfolg“ zehrte sie beim DFB praktisch bis jetzt. Denn die Fehler bei der Kaderauswahl oder im Umgang mit den Medien folgten ihr praktisch die gesamte Dauer ihrer Bundestrainerinnenschaft über. Aber, wie gesagt, die EM-Titel 2009 und 2013 (den letzteren gewann sie sogar mit einem „Rumpelkader“ aus Rekonvaleszentinnen und unerprobten Jugendlichen) ließen immer wieder auch berechtigte Kritik verstummen und die „Nibelungentreue“ des DFB, der noch während des verkorksten Turnieres 2011 den Vertrag mit Frau Neid verlängerte, gab ohnehin die Voraussetzung ab für die von mir bereits erwähnte, komplette Unfähigkeit von Silvia Neid zur Analyse und Selbstreflexion. Eine durchwachsene Bilanz also.

Wird unter Steffi Jones jetzt „alles anders“ werden ? Nein, wohl nicht. Weder personell noch in der Struktur des DFB-Damenfussball-Bereichs werden wohl die „ganz großen Reformen“ zu erwarten sein. Dafür ist Frau Jones viel zu sehr Teil des „ancién regime“. Hat nie durch besondere „Widerborstigkeit“ oder allzugroße, gedankliche Unabhängigkeit vom Mainstream des DFB von sich reden gemacht. Dennoch oder gerade deshalb hoffe ich darauf, dass sie von den DFB Oberen eine weitgehende, von den Ergebnissen der nächsten Turniere unabhängige „Narrenfreiheit“ im Neuaufbau der Auswahl bekommen wird. Denn ganz am Ende muss langfristig der Anspruch stehen, wieder um die ganz großen Titel mitspielen zu können. Die zukünftigen „Giganten“ im Frauenfussball erfolgreich herauszufordern (China ?, England ?, wir werden sehen…).

Danke, Frau Neid für Ihre Arbeit. Viele Spielerinnen verdanken Ihnen und den Nachwuchs-Trainerinnen den „ganz großen Durchbruch“. Aber bitte machen Sie jetzt Platz für einen glaubwürdigen Neuanfang. Noch ein Turnier (Rio 2016) möchte ich eigentlich mit Ihnen nicht durchstehen müssen.

Ihre

Kassandra Pugatshowa

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 02/07/2015 von in Sport und Gesellschaft und getaggt mit , , .
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