Kassandrenrufe

"connecting the dots" – für mündige Bürger

Gewissensregungen

Liebe Leser, vor einigen Jahren hatte ich die Gelegenheit, die „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“  im Berliner Bendlerblock zu besuchen. Seitdem kreisen meine Gedanken öfter mal um Themen wie „sozialer Anpassungsdruck, politische Monokulturen, Gewissensentscheidungen und Charakterstärke“. Z. Bsp. bin ich sehr skeptisch, was mein eigenes Rückgrat angesichts des vielfältigen Konformitätsdrucks unseres „demokratischen“ Deutschlands angeht. Wie hoch muss man also den weitgehend isolierten Kräften der Widerstandszellen gegen Hitler ihre Gewissensentscheidungen anrechnen ? Wie sehr kann man auch heute noch die Anpassung der Massen an den ganz offensichtlichen „Zeitgeist“ des Dritten Reiches nachvollziehen ?

drei-affenIch stelle mir viele solcher und ähnlicher Fragen aus zwei sehr persönlichen Perspektiven. Zum einen lebten meine Großeltern in dieser Zeit. Sie arbeiteten, hörten Musik, lasen Bücher, machten Ausflüge und lebten ihr alltägliches Leben im Schatten der Diktatur. Heutzutage ist es ja Mode geworden, dies den „Altvorderen“ vorzuwerfen. Sie hätten alle „Widerstand“ leisten müssen. Sich der Diktatur entgegenstellen und das Unrecht und den Wahn der Nazis permanent hinausschreien sollen. Ach, ja. Wenn man sich´s so einfach machen möchte, dann bitteschön. Das nachträglich wertende Geschichtsbild, dass sich in solchen Forderungen ausdrückt, scheint ja ohnehin immer mehr zum Normalfall zu werden, statt dass man Historie aus ihren eigenen Rahmenbedingungen heraus deutet. Mit dem Wissen der Nachgeborenen und vor allem mit unseren Wertvorstellungen von heute können wir so schön über Griechen, Perser, Römer, Germanen, usw. bis hin zu den Nazis zu Gericht sitzen und das dann Historiographie nennen. Geschichtswissenschaft. Gut, dass Sie, liebe Leser, mein Seufzen beim Schreiben dieser Zeilen nicht hören können.

Zum Zweiten frage ich mich beim Blick auf den Deutschen Widerstand gegen Hitler natürlich auch nach meiner eigenen Position. Denn, daran kann kaum jemand ernsthaft zweifeln, wir Nachfahren der Täter UND der Opfer müssen dieses Geschehen durchaus als Aufruf an uns verstehen, Diktaturen, ihrer Entstehung und Ausbreitung, mit großer Skepsis entgegenzutreten. Wer versteht, wie sich Konformitätswahn jenseits jeglicher, sachlicher Argumentation und jenseits eines offenen, gesellschaftlichen Dialogs eines Volkes bemächtigen und es zu Taten von Größe oder vollkommenem Wahn antreiben kann, der wird sicher meine Skepsis teilen, was die Veränderungen im gesellschaftlichen Koordinatensystem unseres Landes während der letzten 25-30 Jahre angeht.

Ach, herrje, ich höre schon: Jetzt hätte ich wohl die Bundesrepublik nachweislich mit dem NS-Regime verglichen. Verfassungsschutz, ziehen Sie diese Trulla aus dem Verkehr ! Sie betreibt „Volksverhetzung“ ! Diese elende ….äh…..ja, kann man „Faschistin“ sagen, wenn sie vor Faschismus warnt ? Ach, ja, heute geht das. Erst kürzlich hat irgendein linker Spinner definiert, dass „Nazis“ ja gar nicht mehr unbedingt auf Hitler stehen und die völkisch-rassistische Ideologie der NSDAP gut finden müssten. In genau derselben Art und Weise hatte ja vor gar nicht so langer Zeit der Medienspinner Sascha Lobo den „Latenznazi“ erfunden, der gar nicht weiß, dass er ein Nazi ist, damit man eben jeden, der nicht dezidiert links oder nicht links genug ist, als „Nazi“ bezeichnen kann. Bald sicher auch mit Rückendeckung deutscher Gerichte. Dass der Begriff dadurch natürlich jegliche Bedeutung verliert, dürfte offensichtlich sein. Scheint aber so gewollt zu sein, oder zumindest ein Kollateralschaden, den man gerne in Kauf nimmt.

Es geht also scheinbar an, dass man Leute, die ganz offensichtlich mit Israel sympathisieren, vor Nazitum warnen und versuchen, für die Bewahrung der Gründungswerte der Bundesrepublik Deutschland einzutreten, „Nazis in Nadelstreifen“, „Mischpoke“, „Rechtspopulisten“, „gefährliche Volkverhetzer“ nennt. Im „schönen, neuen Deutschland“ ist alles möglich. Nur nicht, sich dem Trend zu widersetzen. „Kampf gegen Links“ ? Ich bitte Sie, dafür müssen wir doch keine Mittel zur Verfügung stellen, dann wäre ja nichts mehr für den Kampf gegen Rechts übrig…. „Euroskeptizismus“ ? Den hat uns doch schon Frau Merkel mit ihrer Parole „Euro oder Dritter Weltkrieg“, mit dem sie den letzten Europawahlkampf geführt hat, ausgetrieben. „Grexit“-Befürworter oder Gegner der „Fass-ohne-Boden-Politik“ Deutschlands ? Na, dann müssen Sie ja ein ewiggestriger Nationalist sein, der tatsächlich denkt, andere Länder dauerhaft zu alimentieren wäre Neokolonialismus und würde dem Geldgeber von den Beschenkten ohnehin nicht gedankt werden. Pfui. Gegner der „Ehe für alle“ oder der legalen, massenhaften Abtreibungen ? Ach, herrje, ganz sicher sind Sie ein fanatischer, fundamentalistischer Christ ! Damit ist ihr Mitwirken am gesellschaftlichen Dialog ohnehin ausgeschlossen ! „Zweifel an der Klimahysterie“ ? Aber bitte nicht doch. Die Erderwärmung läuft einfach, gegen jede nachweisbare Datenerhebung, ganz ganz schnell. Sicher. Wer´s nicht glaubt, darf in Deutschland nicht mehr selig werden. (Auch hier wieder mein Kotau vor dem Zeitgeist oder mitlesenden Neo-Stasinisten: Ja, ich denke die Klimaerwärmung ist real. Sie läuft aber deutlich langsamer, als die Propheten des Untergangs uns noch vor 10 – 20 Jahren weißmachen wollten. Denn ansonsten könnte ich mir den Schneefall des letzten Winters nicht erklären. Aber Fakten stören religiöse Fanatiker ja selten.)

Reicht Ihnen das als kleine Beispiele dafür, dass die „Korridore“ des Sagbaren sich einengen ? Dass mal sanfter und leider allzuoft weniger sanfter Druck auf den zumeist eher weniger politisch gebildeten Staatsbürger ausgeübt wird, dem herrschenden Trend zu folgen und zu vielen, schwierigen Themen einfach die Klappe zu halten und brav die Steuern zu zahlen ? Nicht, dass es diesen Druck nicht auch in anderen Ländern gäbe. Selbst Staaten, die sich auf Redefreiheit, Individualität und offenen Dialog in ihrer Tradition viel einbilden, bekommen immer mehr Tabuzonen. Oder versuchen Sie doch mal bei der Britischen BBC ein Thema wie „Christenverfolgung im Islam“ unterzubringen. Sie werden vermutlich noch nicht einmal ausgelacht werden so absurd ist die Vorstellung die nicht mehr gar so gute, alte „Beeb“ würde auch nur einen Hauch von Islamkritik zulassen.

Ist das alles schon würdig, meine Sorge zu begründen, dass sich undemokratische und der gesellschaftlichen Vielfalt abträgliche Tendenzen in unserem Lande breitmachen ? Kann ich schon sinnvollerweise die derzeitig geradezu ungezügelt waltende „Schere im Kopf“, welche wir freiwillig und oft in vorauseilendem Gehorsam ansetzen, mit der Unterdrückung durch Staatsapparate von Gestapo und Stasi vergleichen ? Ich gestehe, auch dies ist eine Gewissensfrage. Natürlich braucht der gesellschaftliche Mainstream, um zu herrschen, heute keine staatlich kontrollierten Medien, gleichgeschaltete Justizbehörden oder Geheimdienstapparate mehr. Es reicht, wenn die „Eliten“ in Medien, Politik, Kirchen, Justiz und Bildungswesen in allen wirklich wichtigen Zukunftsfragen gleich denken. Sich sozusagen freiwillig und mit vor Heilsgewissheit strahlenden Gesichtern die „fortschrittliche, soziale und gerechte Zukunft“ herbeibasteln, die sie sich alle so sehr ersehnen. Dass dabei natürlich „alles Alte und Morsche“ bekämpft (heute sagt man in diesen Kreisen lieber „dekonstruiert“) werden muss, versteht sich von selbst. Es ist der Grundkonsens dieser Kämpfer für einen „neuen Menschen“ und eine „neue Welt“.

Dass der Kampf gegen das Morsche auch auf den Fahnen der Nazis stand (und in ihrer Rhetorik und dem von ihnen bevorzugten Liedgut aus der Jugendbewegung zum Ausdruck kam) vergessen wir mal lieber. Denn wir sind ja in jedem Falle „Antifaschisten“. Ganz gleich, ob dieser Begriff auch noch irgendeine wirkliche Bedeutung hat. Wir heften uns in jedem Falle diesen Sticker ans Revers. So wie früher das Parteibonbon von NSDAP oder SED. Sowieso der gleiche Geist des Totalitarismus. Auch die oben erwähnte glückselige Miene der Heilsgewissheit, die Grüne, EKD-Kirchenleute, Linke aller möglichen Fraktionen und natürlich auch ganz, ganz Rechte überkommt, wenn sie über bestimmte Ziele reden, macht mich zutiefst mißtrauisch, was die Zukunft unseres Landes angeht. Soviel irrationaler, sich aber als hochintelligent tarnender Fanatismus war selten. Haben Sie schon mal einen Bischof über „interreligiösen Dialog“ reden hören ? Einen grünen Politiker über „Klimaziele“ ? Oder einen beliebigen Linken über „Gerechtigkeit“ ? Einen Neonazi über seine Lösung der „Flüchtlingsfrage“ ? Mich gruselt´s, nur daran zu denken.

Sehen Sie, liebe Leser, wie wir uns ganz langsam der Geisteshaltung unserer Vorfahren annähern ? Auf anderen Wegen, zugegeben, aber dennoch. Subtiler geht´s heute zu, langsamer, weniger offensichtlich, aber dennoch mit durchschlagender Wirkung. Weil alle, die in Schlüsselpositionen sitzen, vor allem im Bildungswesen und den Medien, so willfährig mitspielen, so sehr davon überzeugt sind, das „Richtige“ zu tun, wenn sie Islamkritiker dämonisieren, Klimaskeptiker für irre erklären oder bibeltreue Christen zu Hassobjekten aufblasen.

Und vor diesem Hintergrund regt sich ab und an eine kleine Stimme in meinem Kopf, die mich fragt, was ich denn konkret tue, damit Deutschland nicht noch weiter in den Zeitgeist-Wahn abdriftet. Damit Kräfte gestärkt werden, die sich für langfristige, gute Werte einsetzen. Damit auch eine junge Generation von Leuten nachwächst, die kritisch die Dogmen unserer „biologisch abbaubaren, durchgegenderten und klimaneutralen“ Republik hinterfragt. Ich zucke dann immer wieder die Schultern. Ich bin nicht gut vernetzt, habe keine Schlüsselposition in Politik, Wirtschaft oder Kirche inne und kann im direkten Dialog auch nur selten überzeugend argumentieren. Aber noch denke ich darüber nach, noch atme ich ein und aus und schaue mir an, wo man überhaupt noch Einfluss gegen den Zeitgeist, gegen die Vereinheitlichung der „veröffentlichbaren“ Meinung und den immer enger werden Meinungskorridor nehmen kann, der einer Bürgerin dieses Landes noch zur Verfügung steht, bevor man auf schwarzen Listen oder gleich im Knast landet. Parteien habe ich durch, ich denke ohnehin, sie haben viel zu viel Einfluss in dieser Republik. Mal sehen, was mir noch so einfallen wird.

In diesem Sinne ermutige ich mich selbst, ermutige ich auch Sie, liebe Leser: denken Sie nach, schreiben Sie, sprechen Sie, bleiben sie aktiv. Wie singen unsere Nachbarn im Osten immer so schön: „Noch ist Polen nicht verloren“. Deutschland auch nicht.

Ihre

Kassandra Pugatshowa

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 14/06/2015 von in Politik_allgemein, Zustand der Nation und getaggt mit , , .
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