Kassandrenrufe

"connecting the dots" – für mündige Bürger

Bye, bye Mel C – mehr als nur ein „Gewürz“

Heute mal ein „leichtes Thema“, liebe Leser. Nein, ich MUSS nicht immer über weltbewegende oder doch zumindest hochpolitische Dinge schreiben. Heute erweise ich kurz einer Frau meinen Respekt, die sich dem klassischen Dilemma aller Kreativen im Big Business ausgesetzt sah und dabei doch erstaunlich oft Haltung bewiesen hat: Melanie Chisholm, einst als „sporty spice“ bekannt. 

Melanie-Chisholm-melanie-chisholm-22381530-500-375Es ist Mai 2015 und ich saß heute lange am Rechner. Einige Dinge mussten recherchiert, geladen und bearbeitet werden. Dabei stieß ich auf eine Meldung, die mich selbst in unserer Multimedia-Gesellschaft noch nicht erreicht hatte: Mel C, früher mal „sporty spice“, hat im November letzten Jahres bereits ihre Sangeskarriere beendet. Puh. Da musste ich erstmal drüber nachdenken. Ja, jetzt kann ich es ja offen zugeben: ich bin im Besitz einiger ihrer CDs und mehr als ein Song dieser britischen Sängerin bedeutet mir etwas. Ihre eigentlich eher platte Stimme, die aber einen für Pop-Verhältnisse extrem hohen Wiedererkennungswert hat, war letztlich das Beste (oder das einzig Gute), was die girl-group-Welle der 90er Jahre hinterlassen hatte. Ich selbst habe im engeren Freundeskreis ab und an scherzhaft gesagt, sie sei die einzige der fünf „Gewürz-Mädels“ gewesen, die auch nur einen Hauch von Talent und echtem Charisma bewiesen habe. Natürlich musste ich mir daraufhin abschätzige Blicke und zynische Kommentare diverser „Alt-Hipster“ gefallen lassen, die bis heute heimlich den Tod von Curt Cobain betrauern, aber das wurde mir irgendwann dann auch schon egal.

Nein, Mel C hatte und hat etwas, das ich schwer beschreiben kann. Ist ihre Stimme phänomenal ? Nein, sicher nicht. Im Vergleich zu anderen, viel schneller in der Versenkung der Bedeutungslosigkeit verschwundenen Sängerinnen wie z. Bsp. der ehemaligen „M-people“ Frontfrau Heather Smalls, deren kraftvolles Organ vermutlich Mauern sprengen könnte, ist Melanie Cs belegte, dezent rauchige Stimme doch eher weniger „spektakulär“. Auch bei diversen, heute auf „youtube“ oder ähnlichen Plattformen nachvollziehbaren Live-Auftritten blieb Frau Chisholm schon mal die Stimme weg oder ging in der Hintergrundmusik unter. Und dennoch hat sie mich und sicher auch andere Genießer anspruchsvoller Pop-Musik mit ihren Liedern unterhalten und aufgemuntert. Ich gestehe es hier und heute ein: einige ihrer Songs von den ersten drei Alben gehörten und gehören für mich bis heute zum „soundtrack meines Lebens“, wie man wohl mittlerweile zu sagen pflegt.

Wie gelang ihr das ? Na, ich schätze mal durch gute Songauswahl, durch das gesunde „Schuster bleib bei deinem Leisten“ – Prinzip und die große Freude am Gesang, die sie zu verkörpern suchte und die man Mel C auch immer irgendwie abnehmen konnte. Sie versuchte letztlich nie das völlig Unmögliche, etwa einen Genre-Wechsel zum Reggae etwa oder ähnlich absurde Möglichkeiten. Trotzdem „pushte“ sie den „envelope“ oft genug und reizte Grenzen aus, die ihr das immer artifizieller werdende und repressive Musikgeschäft zu setzen suchte. Aber dazu schreibe ich gleich etwas mehr, wenn ich mich vom nächsten Abschnitt an etwas mehr mit ihrer Karriere befassen werde. An dieser Stelle kommt aber zunächst noch die kurze Bemerkung, dass Mel C diverse Charities für Kinder und Jugendliche unterstützen soll, wenn man den spärlichen Medienberichten glauben darf, die über ihr Privatleben ans Licht kommen. Auch dies ist eigentlich nur aus den USA in dieser Form bekannt und stellt für britische Verhältnisse nicht unbedingt die Norm dar.

Hierzulande wurde Mel C natürlich durch ihren Karrierestart bei den „spice girls“ bekannt. Die 90er Jahre brachten ja viele, schräge Pop-Phänomene hervor, von denen die „girl-group“-Welle vielleicht das am besten in Erinnerung Gebliebene sein mag. Da wurden von Plattenfirmen teil recht beliebig Mädels zusammengecastet (noch bevor und schon während der ersten „casting – shows“), die dann mehr oder minder einfältige Pop-Schnulzen vor sich hinträllern und den Firmen ordentlich Cash einbringen sollten. Die spice girls waren vielleicht die bekannteste dieser Gruppen, zu denen man auch Formationen wie die zu Recht vergessenen „atomic kitten“ oder die schon etwas weniger dümmlichen „sugababes“ rechnen kann. Als dann in den frühen „2000er“ Jahren diese Welle der Mädel-Gruppen abgeebbt war, hatte sich Melanie C längst von diesen prä-fabrizierten Anfängen emanzipiert und mit ihrem Multi-Gold-Album „northern star“ eine echte Bombe platzen lassen.

Die single „never be the same again“, die sie mit der zu früh verstorbenen Lisa „left eye“ Lopez von der amerikanischen Rap-Pop-Combo „TLC“ aufgenommen hatte, war kaum aus den Charts zu bekommen und auch die später mehrfach ge-„remixte“ Tanznummer „i turn to you“ knallte 1999 in die schnellebige Popmusik-Welt hinein wie eine Granate aus dem toten Winkel. Damit hatte niemand gerechnet: die „Gewürz“-Hupfdohle (ja, „sporty spice“ musste immer die „Flick-Flacks“ vollführen o. ä.) hatte Profil gezeigt und zuallermindest die Fähigkeit, sich gute Produzenten und Songschreiber für ihre Solo-Karriere auszusuchen. Die Verkaufserfolge bestätigten ihre Überzeugung, dass mehr in ihr steckte, als das „Team-Member“ Mel C, das immer hübsch nach der Pfeife der Kassierer in den Plattenfirmen tanzte. Nicht ganz ohne Grund gehen bis heute die Gerüchte um, dass vor allem ihre Solo-Ambitionen (neben den kolportierten Stuten-Bissigkeiten unter den „spice girls“) das Ende der Gewürz Mädels im Jahre 2001 entscheidend mitverursachte.

Ihr gewachsenes Rückgrat und ihr wahrer Charakter blitzen dann erneut auf, nachdem sich ihre 2003 erschienene, zweite CD „reason“ nicht annähernd so gut verkaufte, wie ihr Debüt-Datenträger. Warum auch immer, die hohe Stil-Variabilität ihres Debüts hatte sie nicht halten können und nur wenige songs dieser CD hatten überhaupt Single-Potential. Ihre Plattenfirma ließ sie daraufhin eiskalt fallen und stellte ihr damit das Prädikat „one-CD-wonder“ aus. Eigentlich eine tödliche Bewertung, die an herkömmlichen Maßstäben des Musikgeschäfts gemessen das Ende ihrer Karriere bedeutet haben müsste. Aber Frau Chisholm biss zurück. Und wie. Sie brachte selbst das Geld für eine weitere CD auf, die bis heute einen einmaligen Stil- und Stimmungsbruch darstellt und die ich persönlich für ihren mit Abstand besten Tonträger halte. Hier zeigt sich eine kampflustige, bissige und sogar etwas düstere Mel C, die sogar bereits 2005 mit dem song „next best superstar“  offensiv mit dem ganzen „instant-pop-star“-business der Castingshows und Plattenfirmen abrechnet. Einer „Pop-Star“-Fabrik, die bis heute immer skurrilere Formen angenommen hat, wie wir auf diversen TV – Sendern bewundern „dürfen“.

Mit der nachgeschobenen Single „first day of my life“, dessen Video laut wikipedia angeblich in Hannover aufgenommen wurde, gelang ihr vor allem in Deutschland ein Erfolg. Der song wurde sogar in einer vom ZDF produzierten Telenovela, deren Name mir nicht über die Tasten kommen mag, als Titel benutzt. Europaweit war die CD „beautiful intentions“ erfolgreich und die Verkäufe überstiegen letztlich diejenigen des noch massiv von ihrer alten Plattenfirma „gepushten“ Vorgängeralbums. (Ich weiß, „Album“ ist altmodisch. Ich bin auch altmodisch, also „passt´s scho“, wie der Bayer sagt.) Mel C hatte sich zurückgekämpft mit einem etwas anderen sound, mit Selbstbewusstsein und im Geist des „ich lass mir doch nicht alles von diesen gesichtslosen business-Fuzzis gefallen“. Mein Respekt war ihr von da an sicher.

Was dann folgte, war aber, wir kennen die Regeln der Welt, der schrittweise Abstieg vom Olympos. Ihre 2007 erschienene CD „this time“ wurde katastrophal vermarktet und konnte nie an den Erfolg des Vorgängers anknüpfen. Über die Katastrophen – Reunion der „spice girls“, gegen die sich nach unbestätigten Gerüchten vor allem Mel C massiv gewehrt haben soll, mag man eigentlich gar nicht viel sagen. Die Hoffnung, dass die anderen Mädels ihre ohnehin nicht recht vom Fleck gekommenen Solokarrieren in der Folge einer kurzen, aber knackigen Tournee der „alten Truppe“ ordentlich beschleunigen könnten, erfüllte sich nicht. Die Vorverkäufe waren katastrophal. Die Zeit der „girl groups“ aus der Retorte war definitiv vorbei. Die anfängliche Skepsis von Frau Chisholm bestätigte sich also. Hier einzusteigen war vielleicht ihr größter Karriere-Fehler überhaupt. Von nun an würde sie noch mehr um ihren Ruf und die Perzeption als seriöse Künstlerin zu kämpfen haben.

Aber Mel C wäre nicht Mel C, wenn sie sich nicht neue Perspektiven eröffnen könnte. So nahm sie sich zunächst mal eine „Babypause“ und bekam gemeinsam mit ihrem damaligen Lebenspartner Thomas Starr, einem Bau-Unternehmer, 2009 das Töchterchen Scarlet. Und in der Folge streckte sie ihre Fühler zur Bühne aus. So konnte sie immerhin im Jahr 2010 mehrere Monate eine Rolle im Musical „Blood Brothers“ ergattern und konnte für ihre Performance sogar eine Nominierung für den renommierten Award, den „Laurence Olivier“ als „best actress in musical“ gewinnen. Und da ich bereits ihre Tochter erwähnt habe, auch noch eine Anmerkung zum Thema „Mel C und ihr Privatleben“. Sie legte und legt noch immer großen Wert darauf, dass Privates auch privat bleibt. Im England der nicht zu Unrecht berüchtigten Paparazzi und der „yellow press“, die alles und jeden mit Freuden durch den Dreck zieht, stellt das eine große Leistung dar. (Nein, die BILD-Zeitung beschäftigt Chorknaben im Vergleich zu Englischen Schmuddelblättern. Wir kennen das Ausmaß des Widerlichen, das diese Medienerzeugnisse verbreiten, hierzulande kaum.) Auch ihre im Jahre 2012 erfolgte Trennung von Tom Starr erfolgte mehr oder minder unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Der von vielen erhoffte Rosenkrieg blieb (nach außen zumindest) weitgehend aus.

mel-c3Schon 2011 hatte Mel C ihre insgesamt fünfte Studio-CD „the sea“ veröffentlicht. Vor allem in ihrer Heimat Großbritannien floppte sie weitgehend. In Deutschland kam immerhin die Single „rock me“ zu einer gewissen Popularität, da sie wiederum vom ZDF für die Übertragungen von der hierzulande stattfindenden Fussball-WM der Frauen genutzt wurde. Auch andere songs wie das atmosphärisch sehr stimmige „enemy“ konnten „the sea“ nicht mehr retten. Das Album flog nach kurzer Zeit aus allen relevanten, europäischen Hitlisten. Na, Sympathisanten wie ich können immerhin darauf hoffen, dass manches musikalische Kleinod ja auch erst im Nachgang gewürdigt wird und erst Jahre später, wenn es auf irgendeinem soundtrack erscheint, oder als Hintergrund für ein Werbe-Video genutzt wird, dem Künstler eine Art späte Genugtuung verschaffen kann.

Im Jahre 2012 schob Mel C dann eine weitere CD mit interessanten, jazzig entspannten Coversongs nach, die den Namen „stages“ erhielt. Hier konnte sie ihre eigentlich für viele up-tempo Stücke zu brüchige und dünne, aber mit den Jahren immerhin doch gereifte Stimme endlich einmal sinnvoll und effektiv einsetzen. Diese CD floppte dennoch dermaßen katastrophal, dass Mel C als Maria Magdalena in „Jesus Christ Superstar“ auf die Musical-Bühne zurückkehrte (und diesmal einen Award gewann, den „what´s on stage 2013“) und TV – Engagements ausgerechnet für die von ihr einst so gehassten Castingshows („Superstar“, ich fasse es nicht, siehe „next best superstar“) annahm. Anlässlich ihres 40ten Geburtstages im Januar 2014 gab sie sich noch einmal mit einer intimen live-performance namens „sporty´s forty“ die Ehre, auf der dann auch ihre Ex-Gewürzkollegin Emma Bunton auftauchen durfte (die Blonde). Im Video dieses Konzertes kann man noch einmal die ganze Sanges- und Performance-Freude von Melanie Chisholm sehen, auch wenn ihre Stimme an diesem Tage wohl leider Urlaub hatte.

Im November 2014 gab Mel C dann endgültig bekannt, dass sie ihre Sangeskarriere an den Nagel hängt. Interessant ist vor allem die Begründung dafür und die Haltung, in der diese geliefert wird. Wieder zeigt Frau Chisholm Charakter, zeigt so etwas wie Reife. Im eitlen und narzisstischen Musikbusiness eine fast unbekannte Qualität. In verschiedenen Interviews und Stellungnahmen machte sie völlig uneitel klar, dass sie mittlerweile über vierzig sei, das Geschäft seine Spuren hinterlassen habe und sie vor allem mehr für ihre jetzt endgültig schulpflichtige Tochter da sein wolle. Dieser wolle sie auch die Existenz im gnadenlosen Blitzlicht der schon erwähnten Paparazzi ersparen und ihr Privatleben auf diese Weise bewahren. Wer darum weiß, wie sehr die Performerin Melanie C immer auf die Abschottung ihres Privatbereichs geachtet hat, möchte ihr das glauben. Und die fast schon konservative „Familien-Karte“, die sie hier zieht wird ihr von „progressiven“ Kreisen sicher einiges an Verachtung einhandeln.
„Na gut“, denkt trotzdem der Beobachter, die Sprüche von dem „ich will mich mehr der Familie widmen“ kennen wir schon. Die meisten dieser Aussagen sind nach wenigen Wochen oder Monaten bereits wieder vergessen und derjenige, der sie getan hat, stürzt sich wie ein Aufmerksamkeits-Junkie voller falscher Hoffnungen auf jegliche Chance, seiner Karriere als Politiker, Schauspieler, Sänger, Fussballspieler oder Regisseur noch ein paar weitere Monate hinzufügen zu können. Wir werden sehen, wie Frau Chisholm das in Zukunft halten wird. Als Genießerin vieler ihrer Lieder wünschte ich mir fast, sie meinte es nicht ernst mit ihrem Rücktritt von der Bühne. Aber eben nur fast.

Mag sie den Frieden mit ihrem Leben und mit ihrer Musik-Karriere haben, um nicht „rückfällig“ zu werden. Mag sie ihrer Tochter eine anständige Mutter sein und die hämischen Kommentare der Sorte „gescheiterte Casting-Tussi“ ignorieren. Das alles schließt ja kurze „Flashback“-Auftritte für charities oder „special events“ nicht unbedingt aus, nach denen Melanie Chisholm sofort wieder im Privaten untertauchen könnte.

In diesem Sinne, liebe Mel C: alles Gute für dich, deine Tochter und dein Leben. Viel Glück und Gottes Segen ! Deine „alten“ Lieder werden mir noch lange Freude machen ! 🙂

deine

Kassandra Pugatshowa

P.S.: Nachdem dieser Beitrag ein paar Stunden online war, musste ich bereits wieder die schlechte, alte „Was findest du an den songs dieser Träller-Trulla nur bemerkenswert ?“-Nummer über mich ergehen lassen. Also hier noch eine kleine, persönliche Ergänzung: Ich persönlich fand Mel C immer dann am überzeugendsten, wenn sie in ihrer Musik persönlich wurde. Weil sie ja ansonsten eher bedeckt war, was ihre persönlichen Dinge angeht. Ein Lied wie „going down“, in dem sie angeblich die verkorkste Beziehung bzw. die „nicht ganz einvernehmliche“ Trennung zu einem anderen Sangespromi verarbeitet haben soll, finde ich einfach witzig. Auch „you will see“, eine weitere Abrechnung mit all den Fachleuten, die ihr schon 2003 den Karriere – Totenschein ausgestellt hatten, oder „northern star“ und das bereits erwähnte „next best superstar“ sind persönliche Reflexionen bzw. Stellungnahmen, die kleine Einblicke ins echte Gefühlsleben der Melanie Chisholm erlauben. Wahrhaftigkeit schätze ich bei Musikern, bei Künstlern generell immer sehr und im Gegensatz dazu empfinde ich das Verschwurbelte, Aufgesetzte und Artifizielle in der (Pop-) Kunst als unangenehm und oftmals überflüssig. So, jetzt höre ich nochmal „weak“ und trinke einen Eistee. Schönen Abend, noch…

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 14/05/2015 von in Kultur, Zeitgeist und getaggt mit , , .
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