Kassandrenrufe

"connecting the dots" – für mündige Bürger

Auf Wiedersehen, Formel 1. Werden wir dich vermissen ?

Sie wissen es sicher schon seit Wochen, liebe Leser: in diesem Jahr wird die Formel 1 nicht in Deutschland gastieren. Der „Grand Prix von Deutschland (oder muss man schon „Germany“ schreiben ?)“ findet in diesem Jahr zum ersten Male seit 1955 nicht statt ! Rückkehr fraglich. Da stellen sich für mich einige Fragen, was den Charakter und die Ausrichtung der angeblichen „Königsklasse des Motorsportes“ betrifft. 

laufendes-auto-vektor-der-formel-1-23105729Schon im vergangenen Jahr hatte ich den doch eklatanten Zuschauer-Rückgang beim Deutschland-Grand-Prix kommentiert. Ein Formel-1-Rennen im Sommerloch, zeitnah an andere Rennen „drangeklebt“, das hatte schon in der vergangenen Saison Fragen aufgeworfen. Fragen wie die nach der möglicherweise grassierenden „Überfütterung“ des deutschen Motorsport-Publikums mit Titeln, langweiligen „Hintergrundstories“, die letztlich nur „yellow-press-Niveau“ haben und allerhöchstens um den Grand-Prix von Monaco angemessen sind, etc. Ja, es ist möglich, dass all die „Schumi“ und „Vettel“-Erfolge, die hohe Stromlinienförmigkeit der deutschen Fahrer und die Begrenzung der Siegchancen im F1-Zirkus auf ein oder zwei Teams pro Saison doch etwas zum Abflachen der einstmals schier grenzenlosen Begeisterung im Motorsport-Traditionsland Deutschland beigetragen haben mögen.

Und hier beginnen bereits die kritischen Fragen an die Oberfläche zu kommen: Ist die Formel-1 überhaupt noch Motorsport, oder ist der eigentliche Wettkampf nur noch Beiwerk in einem Medien- Money- und Mogul-Zirkus, der jährlich um die Welt zieht ?
Wenn man nämlich in tropischen Regenlöchern wie Malaysia oder in der Wüste von Abu Dhabi aufschlägt, dann ist auch dem ehemals größten Fan endgültig klar, worum es in der Formel-1 letztlich geht. Money, money, money. Denn die Ölförderländer haben davon reichlich. Zuschauer vielleicht etwas weniger, aber wen schert schon das Publikum ? Nicht wahr, Herr Ecclestone ?
Denn ebenso klar ist: natürlich kann man ohne das wichtigste Schmiermittel der Welt, das Geld, keinen Profisport betreiben. Schon per definitionem nicht. Das hat man auch als Motorsport – Fan schon vor Jahrzehnten gelernt, spätestens, als die Aufkleber der Sponsoren auf den Autos, Helmen und Rennanzügen sich zu vermehren schienen wie die Fliegen. Was aber seit einigen Jahren dem Publikum „vorgeführt“ wird, sprengt die Grenzen von Höflichkeit, Respekt und letztlich auch von Sinn und Zweck des Motorsports.

Ob es aber nun Grenzen gibt, wo aus dem Motor-SPORT eben ein Kasperletheater wird, da sind sich die Experten uneinig. Ich als Laie sage: na, klar gibt es einen Unterschied zwischen Sport und Theater bzw. Show. Warum sonst nennt sich etwa die größte Wrestling Liga der Welt ein „sports-entertainment“ – Unternehmen ? Hier sollte die Formel 1 möglicherweise nachziehen und sich als „entertainment“- company neu definieren. Denn spätestens mit dem Einzug der „paid driver“, der Fahrer, die sich in unterklassigen Formel-Serien eben NICHT eindeutig für ein Cockpit in der (für mich ehemaligen) Königsklasse des Motorsports qualifizieren konnten, aber einen riesigen Batzen Sponsorengelder anschleppen, um dann doch in der Formel-1 zu fahren, kann von sinnvoller, sportlicher Konkurrenz ja nicht mehr die Rede sein. Anders gesagt: mit einem Supersponsor kann man zumindest in den finanzschwachen „sind auch mitgefahren“-Teams ein Cockpit erkaufen. Das wäre so, als wenn der Buxtehuder F.C. sich einen Platz in der zweiten Bundesliga „kauft“, ganz egal wie gut oder schlecht die Mannschaft ist.

Und von den „locations“ wo die Formel-1 mittlerweile antritt, will ich eigentlich gar nicht reden. Wie schon gesagt: Sumpflöcher wie Malaysia oder Wüsten wie Abu Dhabi haben eigentlich keine Existenzberechtigung im Top-Motorsport. Klima und fehlende Fanbasis machen solche Rennen zu einer Farce. Aber einer gutbezahlten, wie uns Herr Ecclestone sicher vorrechnen könnte, wenn er denn wollte. Nun bin ich zwar Traditionalistin, aber keineswegs gegen einen sinnvollen Wandel im jährlichen Rennkalender. Rennen wie den lächerlichen „Großen Preis von Europa“ oder den „Grand Prix von San Marino“ zu streichen war überfällig. Neue Rennen aufzunehmen ist auch kein Fehler, aber selbst ein Rennen in den USA, wo NASCAR, INDYCARS etc. die Aufmerksamkeit der Motorsport-Fans komplett im Griff haben, ist schon unsinnig. Da muss man gar nicht erst die hier schon mehrfach erwähnten sinnlosen Rennen in Wüsten oder im Monsun anführen. Aber wie wär´s denn damit, den GP von Südafrika zu reaktivieren ? Ob Kyalami noch als Rennstrecke zur Verfügung stünde, weiß ich persönlich nicht, aber diese Strecke zu modernisieren oder eine andere Strecke auf Top-Niveau zu bringen, müsste doch möglich sein und der „schwarze Kontinent“ hätte wieder ein Rennen.

Und dann wäre da noch das Kapitel der „Tradition“. Vom reinen Renngenuss her macht natürlich auch das Rennen in Monte Carlo wenig Sinn. Der Hochgeschwindigkeitskurs von Monza mag auch als Herausforderung für die Fahrer an Bedeutung verloren haben und nur noch die Motoren belasten, aber kann man sich wirklich vorstellen, dass der Große Preis von Italien oder von Monaco jemals gestrichen wird ? Und das Motorsport-Land Deutschland wäre vom Traditions-Standpunkt her natürlich ebenfalls eine sichere Bank. Aber die Formel-1 funktioniert eben nicht „logisch“ oder „nachvollziehbar“. So müssen sich Rennstrecken bzw. Veranstalter bei Herrn Ecclestone „einkaufen“, um die „Ehre“ zugesprochen zu bekommen, einen Grand Prix ausrichten zu „dürfen“. Hier war einfach die Finanzdecke in unserem Lande bei den bekannten Rennstrecken zu dünne geworden. Ein Grand Prix in Deutschland als „Verlustgeschäft“ kann sich Ecclestone nicht vorstellen oder leisten. Und somit wären wir wieder in Abu Dhabi etc. Da herrscht eben kein Mangel an Cash und dadurch ist dann andererseits das Land von Mercedes-Motoren, Michael Schumacher und dem anderen Mehrfach-Weltmeister Sebastian Vettel eben in die zweite Reihe gerückt. Hat an monetärem Stellenwert verloren.

Wir dürfen immerhin noch Pace-Car-Fahrer stellen (Bernd Mayländer), einem in England beheimateten Rennstall den Namen geben (ja, ich meine „Mercedes“) und ein paar Fahrer (mit sinkender Tendenz) in diverse Cockpits entsenden. Aber, alle „modern denkenden“ Menschen haben ja ohnehin die „Sinnlosigkeit der nationalen Grenzen“ bereits erkannt und somit die Bedeutung des Prädikats „deutsch“ bereits „transzendiert“. Für all diese Leute ist das Zurückstufen Deutschlands in einen „B-Markt“ für die Formel-1 natürlich unwichtig. Für alle anderen, deutschen Motorsport-Fans stellt sich aber die Frage, ob der Zirkus wohl irgendwann wieder im Lande vorbeischauen wird. Ich bin und bleibe skeptisch, wobei sich aber meine Enttäuschung in Grenzen hält. Die bereits erwähnte, sehr, sehr eingeschränkte Konkurrenz um die Spitzenplätze in den Formel-1-Rennen, die gewollte Verzerrung gesunden Wettbewerbs etwa um die vorhandenen Cockpits und der scheinbar unstillbare Hunger nach big-money hatten mir persönlich die Freude an der Formel-1 in den letzten Jahren ohnehin bereits getrübt.

Denn es ginge auch anders. Durch ein restriktiveres Regelwerk, eine „salary-cap“ für Gehälter und ähnliche Maßnahmen ließe sich die Kostenexplosion für die Teams und den gesamten Zirkus nämlich nicht nur ausbremsen, sondern zurückführen. Mit der Konsequenz, dass über kurz oder lang mehr Teams siegfähig wären, man auf allzu absurde Regionen als Austragungsorte verzichten könnte und auch Traditionen so gewahrt werden könnten. Die US-Tourenwagen-Serie „NASCAR“ macht vor, wie´s ginge. Mit einer absurd-altertümlichen Technik, mit einem überschaubaren Finanzierungsrahmen für interessierte, mögliche Teambesitzer und einer dennoch durch und durch kommerziellen Ausrichtung (die Autos sehen aus wie mit Werbe-Logos beklebte Riesen-Matchbox-Spielzeuge) hat die Oval-Rennserie sich über die Jahrzehnte hinweg die Herzen ihrer Fans erobert. Sie ist spannend, die Rennen (trotz für mich überzogener Länge…) abwechslungsreich, die Fahrer oftmals noch „Typen“. TV-Verträge etc. sorgen schließlich für das „Drumherum“, auch wenn alles gehörig „bodenständiger“ daherzukommen scheint, als man es aus „open wheeler“-Serien gewohnt ist.

Aber dem Selbstverständnis der Formel-1 als „Speerspitze der technischen Innovation“ würde dies natürlich widersprechen. Hier werden also sinnvolle Beschränkungen zu Gunsten von „Image“ und „Gefühlen“ beiseitegeschoben. Denn mit „Image“ und „Gefühlen“ kann man wiederum ordentlich Geld machen, wie Bernie Ecclestone seit Jahrzehnten beweist. Anders gesagt: die Fans, die Traditionen und der sportliche Wettbewerb sind in der Formel-1 längst unter die Räder gekommen. Das fängt mit den Ticket-Preisen an und hört bei den Kosten der vermeintlichen „Innovation“ auf. Sorry, liebe Formel-1, wenn dein Kasperle-Theater, dein sich letztlich ausschließlich ums Geld drehender Zirkus nun auch im Lande von Gottlieb Daimler und Carl Benz, den Erfindern des Automobils, nicht mehr vorbeikommen mag, dann mag ich ihn auch nicht mehr verfolgen. Sorry, Sebastian Vettel oder Nico Rosberg. Sorry, Bernie Ecclestone, RTL, Scheich von XY und Geldsack von YZ. Nicht mehr mein Bier. Zumindest, solange ihr noch immer den Anspruch habt, echter Sport und eben kein reines „sports-entertainment“ zu sein, wie beispielsweise die schon erwähnte Wrestling-Organisation WWE. Da weiß man genau, was man bekommt. Eine Show.

Schließlich und endlich gibt es zur Formel-1 ja hübsche, „urige“ Alternativen. Kleine, vielleicht etwas finanzschwache Rennserien, wo es aber noch so etwas wie echte Konkurrenz, echten Wettbewerb und somit echte SPANNUNG gibt. Wo man zwar Sponsoren zur Aufrechterhaltung des Rennbetriebs braucht, jedoch die Sponsoren nicht bis in die Cockpits hineinregieren. Diesen Serien werde ich mich wohl in Zukunft widmen. Dinge wie das „ADAC-GT-Masters“ verfolgen o. ä. Mal gucken, was sich da so findet. Mit der F1 bin ich erstmal durch. Mindestens bis sie wieder nach Deutschland kommt, vielleicht sogar noch länger.

Ihre

Kassandra Pugatshowa

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 28/03/2015 von in Sport und Gesellschaft und getaggt mit , , , .
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