Kassandrenrufe

"connecting the dots" – für mündige Bürger

Feindbild USA

Antiamerikanismus durchdringt mittlerweile jede Faser unserer Gesellschaft. Früher ein „Privileg“ linksradikaler Studenten oder Journalisten, ist das „Feindbild Amerika“ (womit immer die USA gemeint sind, nie Mexiko, Kanada oder Uruguay) mittlerweile im Mainstream fest verankert. Muss das so sein ?

Liebe Leser, Sie wissen es: ich habe mich in der Vergangenheit schon gegen das nicht durchdachte sondern geradezu reflexhafte „Putin-Bashing“ gewandt, finde Judenhass, der sich als „Israelkritik“ tarnt, heuchlerisch und Brechreiz-erregend und außerdem sehe ich die Unzahl der Fehler, welche die Obama-Administration macht, als echte Gefahr für die USA und die Welt als solche mit einer ungeheueren Skepsis. Wozu macht mich das ? Zu einer „bösen tea-party-Sympathisantin“, einer „Eurozentrikerin“ oder einer „in falscher Nibelungentreue zu Israel“ stehenden Ewiggestrigen ? Ist mir offengestanden gleich, was irgendwelche Zeitgeistler über mich sagen. Aber sei´s drum: ich leiste mir halt ein differenziertes Weltbild, welches weder in blinder Unterwürfigkeit unter den Willen des „Russischen Bären“ noch in „Atlantikbrücken“-Blindheit gegenüber der spaltenden Innen- und der planlosen Außenpolitik der Obama-Administration seine Erfüllung findet.

burning-stars-and-stripesAber was mir in den letzten Monaten wieder verstärkt ins Auge fiel, war das teils sehr simple USA-Bild, welches sich von den Politikern über die Medienschaffenden bis zu den „normalen Leuten“ durch unser Land zieht. Das gilt nicht nur für reflexartige Hasskommentare in sozialen Medien, wenn es etwa um das Thema „Ukraine-Konflikt“ geht, nein, das geht auch tiefer. Denn: Man stößt selbst in völlig „unpolitischen“ Medien, im Kollegenkreis und im privaten Bereich auf Vorurteile und Ansichten, die vor ein oder zwei Generationen noch exklusiv von professionellen „Antikapitalisten“ und „Ami-Hassern“ vertreten wurden. Jüngstes Beispiel dafür, wie selbst eigentlich unverfängliche Themen mit diesem Ressentiment aufgeladen wurden, war die Berichterstattung über die jüngste Superbowl. Ja, liebe Leser, Sie wissen: ich habe dazu gerade einen Artikel verfasst, der sich speziell mit der Schlüsselfigur dieses größten Einzelsportereignisses der Welt befasst. Insofern werde ich hier nur noch einmal kurz meinen Eindruck davon wiedergeben, wie die Superbowl hierzulande seit Jahr und Tag in den Medien beschrieben wird:

  • Football ist ein Buch mit sieben Siegeln. Sie ist völlig unverständlich, diese Begeisterung „der Amis“ dafür. Völlig „unverständlicher Spielrhythmus, die Begeisterung der Fans absolut überzogen und die Tatsache, dass Frauen nur als cheerleader vorgesehen sind, ist überhaupt total antifeministisch“. Hier äußert sich der echte Eurozentrismus in Reinkultur. Das völlige Unverständnis dafür, dass es auch andere Sportarten gibt als Fussball und die Formel 1, kriecht in solchen, oft nur in Nebensätzen artikulierten Attitüden ans Tageslicht. Ja, auf Kuba spielt man gerne Baseball, in den USA mag man Football und in Südafrika Rugby. Leben wir damit, sonst ist das permanente Pochen auf der „Offenheit“ einer Gesellschaft nämlich nur leeres Geschwätz hirnloser Nachplapperer.
  • Die NFL ist in „ihrer tiefsten Krise seit ihrem Entstehen“. Und laut unseren Medienvertretern ist sie das schon seit ca. 25 oder 30 Jahren. Jedes Jahr ungefähr um das Superbowl-Wochenende herum, wird diese These wieder auf die zumeist ahnungslosen, deutschen Leser der Sportseiten losgelassen. Die Zuschauerzahlen, Werbeumsätze und TV-Quoten der NFL sind super, die letzte Superbowl ein echter Klassiker, über den sicher in der nächsten Generation noch diskutiert werden wird, aber für unsere Journalisten (muss ich hier das Wort „Lügenpresse“ bemühen, oder tun die das alles unbewusst ?) steht das Ende des Profi-Footballs in den USA unmittelbar bevor. Seit 25 Jahren, wohlgemerkt. Ist irgendwie ein bischen wie der „Klimawandel“: man bemerkt noch nix davon, aber „das Ende ist nah“ (und sei es nur für die Insel Nauru). Die privaten Skandale der NFL-Spieler und angebliche Regelverletzungen der Teams werden hierzulande als Signale des Untergangs interpretiert. Vermutlich zu Unrecht, da sich die Nordamerikanischen Profisport-Organisationen wie NBA, NHL, NASCAR, MLS, MLB und eben die NFL immer den veränderten Gegebenheiten angepasst haben und sicher in Zukunft nicht damit aufhören werden, dies zu tun.
  • Das US-Sportsystem, das unmittelbar mit den staatlichen und privaten Bildungseinrichtungen des Landes verknüpft ist, sei ähnlich wie der „American Football“ an sich etwas Unverständliches, ein Hort diverser „Diskriminierungen“ und horrenden Druckes, der Sport-Talenten auferlegt wird. Die Tatsache, dass Profikarrieren nur wenigen, besonders Talentierten offenstehen, würde abgebrochene Karriere-Biographien hervorrufen, die weniger Glücklichen würde es diskriminieren usw. Natürlich sind dies absurde Vorwürfe, denn Profisport unterscheidet eben immer diejenigen, die „es schaffen“ von denen, die nicht entdeckt werden, nicht genügend Talent haben oder einfach zum richtigen Zeitpunkt am falschen Ort sind. Das betrifft die Fussball-Bundesliga ebenso wie den Profi-Boxsport, die Eishockey-Bundesliga oder den Pferde-Rennsport. Und von der Formel 1, wo seit Jahrzehnten bekannt ist, dass sich Fahrer mit dicken Sponsorenverträgen Cockpits selbst in Mittelklasse-Teams erkaufen können, mag ich kaum anfangen. Dass hier vor allem das Leistungsprinzip bewusst ausgehebelt wird und somit nicht die besten Fahrer, sondern nur diejenigen mit den besten Wirtschaftskontakten dann um den Weltmeistertitel fahren, wird für die Formel-1 bereits als „Normalfall“ akzeptiert. Wettbewerbsverzerrung in Reinkultur, aber es hält die Rennställe am Laufen. Viele Talente werden aber so nie die Möglichkeit haben, etwas Formel-1-Luft zu schnuppern. Wir haben das als RTL-Vettel-Rosberg-Fans aber bereits so verinnerlicht, dass es uns nicht mehr wie Heuchelei vorkommt, wenn wir etwa die US-College-Draft als „unmenschlichen Sklavenmarkt“ verurteilen wollen. Hier sollten wir entweder ganz mit dem „Fingerzeigen“ aufhören, oder aber beiderseits Kritik üben.

Wie auch immer: dies ist nur ein winziger Ausschnitt aus den Abwehrmechanismen, mit welchen hierzulande auf eine vermeintliche „Amerikanisierung“ und auf die gemeinsamen Werte der „westlichen Staaten“ reagiert wird. Selbst die von mir in der Vergangenheit gegen allzu reißerische und oftmals unsachliche sowie wirklich hasserfüllte Kritik in Schutz genommene PEGIDA-Bewegung hatte diesen latent antiamerikanischen Zug, der mir in der Verbindung mit einer oftmals allzu unkritischen Russlandverehrung immer suspekt war.

Und bevor mir hier wieder vorgeworfen eine von „Washington bezahlte Jubelperserin“ zu sein, weise ich alle Leser, die diesen Blog und meine Artikel zu diversen Themen noch nicht kennen, darauf hin, dass ich mir in Bezug auf die USA zwar eine große, emotionale Sympathie „leiste“, welche u. a. darauf gründet, dass ich als mehrjährige Bewohnerin dieses Landes sicher viele Dinge aus größerer Nähe gesehen habe und besser kenne, als viele Kolumnisten und vermeintliche „Fachleute“ hierzulande. Andererseits aber kann ich aus genau dieser Tatsache heraus auch die Schwächen, die Probleme und Konflikte im „land of the free“ vielleicht besser verstehen, deutlicher und sachlicher kritisieren als manch großmäuliger „Edeljournalist“, der nur mal 2 Wochen Urlaub in Kalifornien gemacht hat. Insofern leiste ich mir eine Kritik an politischen Entscheidungen in Washington, ohne aber Dinge wie das politische System, die Sport-Organisationen oder gar die „Mentalität der Amis“ pauschal in Bausch und Bogen abzulehnen, wie es viele unserer öffentlichkeitswirksamen Menschen aus Mangel an Einfühlungsvermögen, Faulheit oder echtem Amerika-Hass schon mal gerne praktizieren. Das ist zu einfach, aber gerade deshalb eben scheinbar auch sehr beliebt.

Hier greift wieder eine andere meiner Beobachtungen: die Qualität und Sachlichkeit vieler Diskurse in unserer Gesellschaft, so sie denn überhaupt noch stattfinden und nicht aus dem Bundeskanzleramt mit BASTA-Befehlen („nicht hilfreich“ heisst das dann wohl) gestoppt werden, ist z. T. auf einem erschreckend oberflächlichen Niveau angekommen. Die „und willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich dir den Schädel ein“-Mentalität ist wieder massivst auf dem Vormarsch. Und auch dazu habe ich mich in der Vergangenheit schon geäußert. Man wähnt sich in permanenten Grabenkriegen und fragt Zufallsbekanntschaften nur noch schnell nach ihren Affinitäten ab, um sie dann, je nach Antwort, fröhlich zu umarmen und zu vereinnahmen oder verächtlich beiseitezuschieben und für urböse „Karikaturen echter Menschen“ zu halten. Für Zwischentöne, Differenzierungen, Fingerspitzengefühl oder sachliche Information und Gedankenaustausch ist in einem solchen Klima natürlich kein Platz mehr.

Aber in einem sind sich denn auch wieder alle einig. Vom besserverdienenden, gemäßigt linksliberalen Rotweingürtel-Bewohner mit „SZ“-Abo bis zum Glatzenskin mit Springerstiefeln und NPD-Parteibuch: die US-„Besatzer“ sind an allem Schuld, wenn´s nicht Israel ist. Ganz links und ganz rechts treffen sich immer wieder gerne mal in ihrer Ablehnung Israels und der USA, in gewissen Sympathien für den Despoten im Kreml oder in ihrer Solidarität mit der Hamas oder dem Iran. Und diese Haltung, die einstmals eben nur an den äußersten Rändern des deutschen, politischen Spektrums „normal“ war, hat sich in mehreren Jahrzehnten in die vermeintliche „Mitte der Gesellschaft“ hineingebrannt. Mann kann Abbilder dieser Haltungen heute von PEGIDA bis zu den GRÜNEN und sogar der LINKSPARTEI nachverfolgen. Simple Erklärungsmuster, völlige Unkenntnis von Historie und internationalen, politischen Zusammenhängen, Verschwörungstheorien. Und, heruntergebrochen auf Fernsehzeitungen, Sportberichterstattung oder Filmkritiken, begegnen die dort geprägten Stereotypen dem Leser/Zuschauer/Zuhörer heute nahezu überall.

So ist mir beispielsweise in dem halbnostalgischen Rückblick eines Bloggers auf die US-Serie „Friday Night Lights“ (FNL) wieder der Unwillen, die Feinheiten dieser schon vor einigen Jahren eingestellten Serie dementsprechend zu würdigen, aufgefallen. Diese ist, soweit mir bekannt, hierzulande nie in vollem Umfange (5 Staffeln) auf bundesweiten Kanälen gezeigt worden. Die Thematik, Sportfanatismus als Trostpflaster einer trostlosen, sozialen Alltagsrealität, war den Einkäufern unserer Sender wohl nicht attraktiv genug. Wie auch immer: selbst deutsche Fans guten, niveauvollen TVs können an dieser Stelle oftmals nicht aus ihrer „europäischen“ Haut heraus. Sie sehen FNL nur unter dem Aspekt der vermeintlichen Gesellschaftskritik ohne die Aspekte persönlicher Verantwortung und Integrität zu erkennen und zu würdigen. Aber diese Details mögen Ihnen, liebe Leser, vielleicht gar nichts sagen. Also jetzt mal Schluss damit. Es sollte ja auch nur ein winziger Ausschnitt, ein simples Beispiel dafür sein, wie unsachliche US-Betrachtung letztlich auch einer sinnvollen Kritik am „Big Brother“ mit dem Ohr am Handy der Kanzlerin im Wege steht.

Wie dem auch immer sein mag: ich ermutige jeden, der sich mit dem Alltag unserer Freunde in Florida, Michigan oder Oregon beschäftigt, dazu, erst einmal genau hinzuschauen. Dann so vorurteilsfrei und offen wie möglich Vergleiche anzustellen und auch die positiven Aspekte der US-„Mentalität“ zu würdigen. Ich persönlich z. Bsp. schätze immer die Verantwortungsbereitschaft vieler Bürger dort sehr. Die Bereitschaft, sich in Bürgerinitiativen, dem örtlichen Stadtrat, dem „school board“, dem Veteranenverein, der Kirchengemeinde, den „Boy Scouts“ usw. einzubringen oder die Bereitwilligkeit, sich auch für die Charity zu engagieren, ist weit verbreitet. Das fehlt mir manchmal schon ein wenig im Lande der „Lass das mal den Vater Staat erledigen“-Deutschen, auch wenn mir bewusst ist, dass der Aktionismus vieler „Amis“ eben auch mal zu voreiligen Handlungen führt. Aber auch das kann sich ändern, niemand ist gezwungen, überlebte, sinnlose Traditionen fortzusetzen. Weder hier noch dort.

Ihre

Kassandra Pugatshowa

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Ein Kommentar zu “Feindbild USA

  1. nussknacker56
    11/02/2015

    Sehr guter und differenzierter Beitrag, Kassandra. Gegen die weitverbreitete Seuche Antiamerikanismus hilft nichts weiter als Nachdenken, Reflektion von eigenen Vorurteilen sowie Verzicht auf bequeme Sündenbocksuche.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 03/02/2015 von in clash of civilizations, Kultur, Zustand der Nation und getaggt mit , , , .
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