Kassandrenrufe

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Formel 1 im Sommerloch – warum geht keiner mehr hin ?

Ja, liebe Leser, Sie wissen es, der Motorsport hat es mir angetan. Und es gibt wohl auf deutschem Boden keine „größere“ und wichtigere Rennsport-Veranstaltung als den jährlich stattfindenden Formel-1-Grand-Prix von Deutschland. Dieses Jahr fand er in Hockenheim statt und die Ränge waren auffallend schlecht gefüllt. Warum eigentlich ?

Hockenheim2014Ich gestehe, die Antwort auf diese Frage fällt nicht leicht. Da muss man viel spekulieren, aber dennoch ist ein Nachdenken über diesen Grand-Prix dringend geboten. Denn wenn sich dieser Trend zum Nichtbesuch fortsetzt, könnte das Rennen im Lande von Porsche, BMW, Daimler-Benz und Co. nämlich in Gefahr geraten, aus dem Kalender gestrichen zu werden. Die im Rennkalender 2014 vor dem Deutschland-Rennen liegenden Veranstaltungen in Österreich und England haben es nämlich geschafft, in Sachen Stimmung der Zuschauer, idyllischer Lage und allgemein positiver Atmosphäre Deutschland bei Weitem den Rang abzulaufen.

Gerade der wieder im Rennkalender auftauchende Österreich Grand-Prix hat dank des Hauptsponsors Red Bull, der eine Modernisierung des ehemaligen A1-Rings sozusagen aus der Portokasse finanziert hat, vorgemacht, wie man wieder für Euphorie und „Hunger“ auf die Formel – 1 unter den Fans sorgt. Sowohl die Teams, die Fahrer, als auch die von den Sponsoren in Scharen „herangekarrten“ Promis zeigten sich von der idyllischen Lage, der Begeisterung der österreichischen Fans und der modernisierten Strecke zu Recht begeistert. Alle waren sich einig darin, dass es gut ist, Österreich wieder im Formel-1-Zirkus zu haben.

Dasselbe kann leider nicht mehr über Deutschland gesagt werden. Das irritierende „Alternieren“ zwischen Hockenheim und dem Nürburgring hat ebenso zum Nachlassen der Begeisterung für die Formel-1 beigetragen, wie die relativ langweiligen Weltmeisterschaften der Vorjahre, in denen die Red-Bull-Mannschaft eine derart deutliche Überlegenheit an den Tag legte, wie es in dieser Saison das Mercedes-Team tut. Ohne einen echten „Wettkampf“, wenn also nur noch in Frage steht, WANN der jeweilige Favorit wohl den Titel vorzeitig einfährt, möchte man sich den Besuch bei der Formel – 1 dann doch genau überlegen.

Andererseits haben sich zur Hochzeit der „Schumi“-Euphorie vor ein paar Jahren die Fans auch nicht vom Feiern ihres Idols abhalten lassen, nur weil die Ferraris damals jahrelang nur sehr schwer zu schlagen waren. Es muss also noch etwas anderes dazu beigetragen haben, dass Deutschland der Formel-1 zunehmend die kalte Schulter zeigt. Sind es die deutschen Fahrer, die ungefähr sowenig Charisma haben, wie unsere Politiker und auch zumeist ebenso langweilige statements von sich geben, wenn ihnen ein Mikrofon vor die Nase gehalten wird ? Ist ein Deutsch-Finne mit Wohnsitz im Steuerparadies Monaco, der für Mercedes in diesem Jahr um den Titel streitet, eben doch keine Identifikationsfigur für die Motorsport-Gemeinde im Lande von Carl Benz und Gottlieb Daimler ? Oder hat das Sommerloch zugeschlagen und die (z. T. schon laufende oder unmittelbar bevorstehende) Ferienzeit die Rennfans von Hockenheim fortgetrieben nach Mallorca, Antalya oder Ägypten ? Sollte also der Termin zu ungünstig gewählt worden sein ? Oder hat Deutschland einfach nach der großen Euphorie um die Fussball – Nationalmannschaft keine Kraft mehr für einen kleinen, weiteren Schwarz-Rot-Goldenen Jubelmoment ? Immerhin konnte auch das Auftreten des nicht zu Unrecht sehr beliebten Fussball-Weltmeisters Lukas „Poldi“ Podolski in Hockenheim scheinbar keine oder nur sehr wenige weitere Fans an die Rennstrecke locken.

Oder liegen die Gründe viel weniger im psychologischen Bereich ? Sind es schlicht und ergreifend die nach Angaben diverser Motorsport-Portale und Medien-Experten horrenden Eintrittspreise, die sich im Lande der Schnäppchenjäger schlicht und ergreifend langsam immer weniger Menschen leisten können und wollen ? Ist also das „Preis-Gegenwert“-Verhältnis aus dem Ruder gelaufen ? Es scheint zumindest so zu sein. Auch die Attraktivität der Formel-1 als solcher hat durch die Hineinnahme solch steril-unsinniger Rennen wie die von Bahrain und Dubai natürlich gelitten. Das Hinrennen zu den vermeintlichen, internationalen Geldtöpfen, das gerade von Formel-1-Mastermind Bernie Ecclestone massiv forciert wurde, hat natürlich auch viele Fans vor den Kopf gestoßen und musste schon öfter (der Indien-Grand-Prix wurde z. Bsp. wieder gestrichen, weil der Smog dort das Arbeiten unmöglich machte und die große Armut der Menschen ihnen auch keinen Besuch an der Strecke erlaubte und deshalb keine Atmosphäre aufkam) nach dem „trial-and-error“-Prinzip auch wieder korrigiert werden. Und einer solchen Korrektur könnte nun zumindest mittelfristig auch der traditionelle Deutschland-Grand-Prix zum Opfer fallen. Denn immerhin gibt es mittlerweile mehr als einen Motorsport-Fan in Deutschland, der lieber zum lässigen „Grillen und Chillen“ bei den 24 h vom Nürburgring geht, als sich dem knallharten und sauteuren Reglement des Ecclestone-Theaters zu unterwerfen.

Langer Rede, kurzer Sinn: es gibt viele mögliche Ursachen für die z. T. peinlich leeren Ränge in Hockenheim am 20. Juli 2014. Sämtliche Tribünen, also auch sämtliche Preisklassen, waren davon betroffen und die Kamerabilder waren doch alarmierend. Nur bin ich nicht naiv genug anzunehmen, dass viele Deutsche lieber der Attentäter des 20. Juli 1944 gedachten, statt nach Hockenheim zu fahren. Wir sind ein weitgehend geschichtsvergessenes Land, wie die auf den Pro-Palästina-Demos der letzten Wochen gegröhlten, judenfeindlichen Parolen wieder beweisen, die bislang zu keinerlei öffentlichem Protest oder gar zu Festnahmen wegen Volksverhetzung geführt haben. Nein, ein echter „Schumi“-Fan der 90er Jahre oder ein „Vettel-Fanatiker“ unserer Tage würden sich sicherlich nicht von diesem historischen Datum am Besuch Hockenheims abhalten lassen. Und das verstehe ich sogar ein bischen.

Dennoch gab es, trotz vieler motivierender Faktoren (deutsches Fabrikat hat Siegchancen, „deutscher“ Fahrer stand auf der pole-position) keine Fortsetzung der guten Stimmung des „deutschen Sport-Sommers“ 2014. Sogar der Jubel-Formel-1-Leib-und-Magensender RTL klammerte bewusst die leeren Ränge aus den Kommentaren vor und während des Rennens aus. Soweit sind wir also schon, dass mal wieder „nicht sein kann, was nicht sein darf“.

Was kann man also tun, um den Deutschland-Grand-Prix zu retten ? Wenig. Zum ersten Male sollte man vor allem HINGEHEN und die Tribünen füllen. Dann sollte dies durch angepasste und stärker den finanziellen Realitäten unserer Tage angepasste Eintrittspreise erleichtert werden. Und dann ist vielleicht auch noch ein Umdenken in Bezug auf diese Rennserie als solcher angebracht. Sie ist vielleicht noch immer wichtig, aber angesichts von durchaus zuschauerfreundlicheren GT- und Tourenwagenserien muss auch die Formel – 1 von ihrem „hohen Ross“ der ausschließlichen Sponsoren-Freundlichkeit und der „permanenten, technologischen Exzellenz“ herunterkommen. Denn die Ausfallraten des supermodernen „Hybrid-Antriebes“ des Jahres 2014 sind doch eklatant und unnötig.
Gerade „low-tech“-Rennen haben beispielsweise im Langstrecken- und Tourenwagen-Bereich seit Jahren international Aufwind. Davon kann die „Königsklasse“ lernen, wenn ihr noch etwas am Kontakt zu den Motorsport-Fans liegt und außerdem könnte sie so einiges an Finanzmitteln sparen. Das Prestige der Motorenlieferanten und Teams wäre weiterhin gewahrt, wenn man denn Siege einfährt. Wenn sie aber in der Formel-1 weiterhin nach Sponsoren mit dicken Brieftaschen, die sich aus obskuren Quellen speisen, gieren, dann werden wir wohl noch mehr Rennen wie in Manama oder einst in Indien zu sehen bekommen, die eigentlich keiner braucht, statt dass Motorsport- und Automobil-Nationen wie Japan, die USA und auch Südafrika wieder mehr Aufmerksamkeit erhalten. Dann wäre es vielleicht gar keine so große Katastrophe, wenn Deutschland aus der Formel-1 verabschiedet wird, denn in dieser Gesellschaft von sterilen, langweiligen Rennen in der Wüste möchte man dann doch nicht genannt werden. Dann wäre die „Königsklasse“ wohl eher eine „Ölscheich und Oligarchen“-Liga, deren Relevanz dem Fan ohnehin kaum noch zu vermitteln wäre. Die verbliebenen, deutschen Fans führen dann halt nach Österreich und hätten dort trotzdem ihren Spaß.

In diesem Sinne, rasen Sie nicht selbst, sondern schauen Sie lieber anderen dabei zu. Ich tue es auch.

Ihre

Kassandra Pugatshowa

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 20/07/2014 von in Sport und Gesellschaft, Zeitgeist, Zustand der Nation und getaggt mit , , , .
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