Kassandrenrufe

"connecting the dots" – für mündige Bürger

Nervtrend: „Promi-Outings“

Was mir in den letzten Monaten gehörig auf die Nerven ging, waren die wöchentlich verkündeten „Promi-Outings“. Sportler, Schauspieler, Politiker. Jeder wollte plötzlich unbedingt verkünden, welche sexuelle Präferenz er oder sie hat. Muss dass unbedingt sein ?

Sorry, aber ich bin tatsächlich ein altmodischer Mensch. Ich habe noch so etwas wie eine Erziehung erhalten. Sowohl von meinen (BEIDEN ! heterosexuellen und miteinander tatsächlich verheirateten ! :-O ) Eltern, als auch von Verwandten und der Schule (bedingt, aber immerhin). Werte, Ethik, Ab- und Zuneigungen habe ich im Ringen mit den Vorgaben meines Umfeldes während des Heranwachsensprozesses entwickelt. Mit und gegen diese Vorgaben gekämpft, einige schließlich akzeptiert, andere verworfen und durch neue ersetzt. Finde ich soweit normal und hätte Sie, liebe Leser, damit gar nicht belästigt, wenn mir im Laufe dieses Prozesses nicht ein Wert besonders wichtig geworden wäre: die Privatsphäre.

Gibt es die eigentlich noch im „Twitter“- und „Facebook“-Zeitalter ? Vor lauter „instagramming“ und „online-chatting“, vor lauter Abhängigkeit vom „smartpone“ etc. ist es vielleicht etwas in den Hintergrund geraten, aber: es gibt tatsächlich Dinge, die NICHT in die Öffentlichkeit gehören. Finde ich zumindest. Dazu gehören für mich Dinge wie die Gehälter meiner Kollegen, die individuellen Wahlentscheidungen meiner Freunde (Stichwort: Wahlgeheimnis, das solange gilt, bis mir jemand seine Entscheidung „aufs Brot schmiert“) und…das Sexualleben von so ziemlich jedem, der nicht ich oder mein Partner ist.

Jahrelang habe ich mich still und auch weniger still darüber geärgert, dass selbst unsere „seriösen“ Medien immer öfter über die Affären, die sexuellen Eskapaden oder Stellungen unserer „Promis“ berichtet haben. Vom leicht „angeschmuddelten“ Bereich der „Yellow-Press“ rückten Dinge wie Babies, Affären, Liebesnester, vergangene Liebschaften etc. in die Kolumnen der ehemaligen Qualitätspresse ein. Wann wirft welches Promi-Luder wessen Balg ? Heiratet Frau X den Vater ihres Kindes, oder ihren derzeitigen Lover ? Es gab und gibt kaum etwas, von dem ich weniger wissen möchte, als von diesem Kram und von ähnlichen Stories. Von französischen Präsidenten über deutsche Musik-Producer bis zu amerikanischen B-Level Schauspielerinnen: wenn ich´s drauf anlege, könnte ich von deren Liebschaften, legitimen und illegitimen Kinder bis zu ihren Lieblingsstellungen beim Sex so ziemlich alles über sie erfahren, sogar ohne eine längere Internet-Recherche betreiben zu müssen.

ellen-page

Ellen Page

Und dann kommen auch noch die vielen Homos aus ihren „Closets“ (Wandschränken, keine Reverenz zu Toiletten) gesprungen. Im Wochentakt beinahe. Herrje. Wollte ich wirklich wissen, ob die TV-Moderatorin Anne Will oder die US-Schauspielerin Ellen Page lesbisch sind ? Wollte ich (oder wer auch immer) wirklich wissen, ob der Fussballprofi Thomas Hitzlsperger oder der Popsänger Ricky Martin schwul sind ? Ob die Darstellerin Michelle Rodriguez bisexuell ist oder nicht ? Wie gesagt: ich bin altmodisch. Ich wollte das nicht wissen. Mich interessiert all dies genausowenig wie Dieter Bohlens neueste „Eroberung“ oder der sprichwörtliche Sack Kaffee, der in Brasilien umfällt. Und dafür schäme ich mich kein bischen. Denn ich gestehe meinen Mitmenschen ihre Privatsphäre zu und verlange dies auch mir gegenüber. Ich finde, was in Schlafzimmern (oder auf Privatyachten, in „darkrooms“, auf swingerparties, oder sonstwo) passiert, geht immer nur die Beteiligten und maximal deren Lebensgefährten etwas an. Punktum. Außerdem sollten die Promis ausschließlich für Exzellenz in ihrem Feld bekannt sein und ihr Privatleben privat lassen. Wenn z. Bsp. Herr Hitzlsperger gut Fussball spielt, ist das allemal interessanter, als die Information, wer gerade sein Lebenspartner ist. Wenn Frau Rodriguez in einem neuen Film mitspielt und dort eine gute Leistung abliefert, ist das in jedem Falle von höherer Bedeutung, als wenn ich erfahre, wann sie mit wem von welchem Geschlecht liiert war. Aber jetzt, nach den medienwirksamen outings assoziiere ich mit diesen und anderen Namen immer auch ihre Sexualpräferenz. Mir, als aufmerksamem Medienkonsumenten, wurde sozusagen eine Information „aufgezwungen“, die ich gar nicht haben wollte.

Und diese geradezu neurotische Fixierung unserer Öffentlichkeit auf die Sexualität hat etwas dermaßen (Prä- ?) Pubertäres, das einem vom Kopfschütteln darüber beinahe der Nacken zu schmerzen beginnt. Aber langsam scheint es, zumindest meiner Beobachtung nach, ja gar nicht mehr um das reine „Aufdecken“ der Privatsphäre zu gehen, so widerlich dies alleine schon ist, sondern jedes weitere „Promi-Outing“ dient mittlerweile einer politischen Agenda. Waren einst die „Hurra“-Rufe beim öffentlichen self-outing des heutigen Bürgermeisters von Berlin, Klaus Wowereit, noch etwa gleich zahlreich wie die Ausdrücke des gelangweilten Achselzuckens der wenig interessierten Öffentlichkeit, so haben sich jetzt, Jahre später, die „outings“ zu wahren Medienstürmen der Begeisterung entwickelt. Da kann man dann schon mal im allgemeinen Medienjubel den „Bildungsplan 2015“ in Baden-Württemberg unterschieben. Na, ja.

Hurra, der „mutige“ Hitzlsperger beweist, dass es schwule Fussball-Profis gibt ! Ich wundere mich, dass mein Gähnen ob dieser statistisch berechenbaren Selbstverständlichkeit nicht überdeutlich von der „Ver-Öffentlichkeit“ wahrgenommen wurde. Bin ich wirklich allein mit dieser Einstellung ? Zumindest unter meinen engeren Bekannten gibt es eigentlich kaum jemanden, der von Ellen Pages Vorlieben oder Ricky Martins Familien-Idyll etwas wissen will. Nun, ich bin nicht so naiv, die Tatsache zu ignorieren, dass die Yellow-Press ungeheure Umsätze macht, dass Paparazzi-Bilder von peinlichen Promis extrem teuer sind etc. Es gibt offensichtlich ein gewisses Bedürfnis danach, unter die Bettdecken Prominenter zu schauen und dort auf schlüpfrige Details zu spekulieren. Aber muss dieses Bedürfnis deshalb um jeden Preis befriedigt werden ? Spätestens seit dem „Lady-Di“-Debakel sollte diese Frage doch erlaubt sein. Wenn jetzt nun Prominente ohne Not ihre Homosexualität zutage fördern und dafür auch noch mit Lobpreisungen wie „mutig, nie dagewesen, ein Vorbild“ etc. belohnt werden, setzt das ein falsches Zeichen. Es enthemmt die skandalgeile Öffentlichkeit weiter und es zerstört die letzten Reste an Privatheit, die das Schlafzimmer noch umgaben.

Nein, um es abschließend noch einmal zu fixieren: ich bin keine Homophobe, die ein brennendes Kruzifix schwingend die Limousine etwa von Klaus Wowereit oder Guido Westerwelle verfolgt. Ich will nur weder von Hetero- noch Homosexuellen mit ihrem Privatesten belästigt werden. Wer wem wo und warum die Peitsche gibt, das Kondom überzieht oder das Gleitgel auspackt, geht mich einen feuchten Dreck an. Und nicht nur mich.

In diesem Sinne: treiben Sie´s bunt, liebe Leser, aber schreiben Sie mir nix davon. Ich werde nämlich nicht antworten !

Ihre

Kassandra Pugatshowa

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 15/02/2014 von in Kultur, Zeitgeist und getaggt mit , .
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