Kassandrenrufe

"connecting the dots" – für mündige Bürger

Wurden Sie schon einmal ge-„blindsidet“?

„To blindside someone“ bedeutet im amerikanischen Umgangs-Englisch etwa soviel wie „jemanden kalt erwischen“ oder „jemanden auf dem falschen Fuß erwischen“. Es ist ein räumlich orientierter Ausdruck, der auf die „blinden Flecken“ unserer Sicht und unserer Sichtweisen anspielt.

sandra-bullock-resized„The blindside“ ist aber auch der Name eines Hollywood-Films von 2009, in dem die Schauspielerin Sandra Bullock die Hauptrolle spielt. Diese oftmals auf ihr „rom-com“-Talent reduzierte, deutschstämmige Aktrice (ihre Mutter stammte aus Franken) konnte in diesem Film zum wiederholten Male nachweisen, dass ihre Bandbreite nun doch etwas größer ist, als Komödien wie „während du schliefst“ oder „Miss undercover“ ihr zugestehen wollten. (Erinnern wir uns auch an ihr Meisterstück: „Gravity“.) Aber dies ist nicht das Bemerkenswerteste an jenem Film über die „Blind“-Side. Interessant ist nämlich vielmehr, welche Reaktionen dieses Stück Popcorn-Kino national (USA) und international hervorrief. Für einen an sich nicht außerordentlich bemerkenswerten Film, oder doch zumindest einen Film mit recht alltäglichem Plot, erhielt er nämlich sehr viel „Gegenwind“ und Kritik, auf die ich in diesem Kommentar schrittweise eingehen will.

Zunächst aber noch einige Erklärungen zu Titel und Handlung des Films. „Blindside“ ist im US-Football, dem mit den Helmen und Schulterpolstern nämlich, die Seite, auf die ein Spielmacher nicht sehen kann, der Spielfeldbereich, dem er den Rücken zuwendet. Je nach starkem Arm kann dies sowohl die rechte, als auch die linke Spielfeldseite sein, weshalb man im Football von der „front side“ redet, auf die der Spielmacher blickt und von der „blind side“, die er nicht selbst einsehen kann. Soweit, so umständlich für deutsche Zuschauer, für Amerikaner aber banales Allgemeinwissen mit dem der Titel des Filmes bewusst spielt. Denn eigentlich handelt er von dem Teenager Michael Oher (eine reale Figur, die im Film mit Klarnamen von Quinton Aaron dargestellt wird). Dieser entstammt zerrütteten Familienverhältnissen, ist am Ende des Filmes aber auf dem Weg, ein erfolgreicher Sportler zu werden. Soweit, so „amerikanisch“. Das gängige Vorurteil hierzulande würde jetzt etwa folgendes absondern: „Das ist so eine typisch-amerikanische Erfolgsgeschichte a la `Rocky´ oder so.“

Aber da würde das Vorurteil zu kurz greifen, wie selbst manche Filmkritiker eingesehen haben. Denn die „Blindside“, der „tote Winkel“, in den Niemand hineinblicken will, kann hier auch auf das Schicksal eines Jugendlichen bezogen werden, der vom System, von Bildungseinrichtungen, Jugendfürsorge, sozialen „Auffang-Gruppen“ und Familie einfach vergessen wird. Hier ist also die Doppelbedeutung des Titels hergeleitet, die dem Zuschauer das soziale Gewissen „kitzeln“ soll und damit auch nicht ganz erfolglos bleibt. Die Kritik an „the Blindside“ entzündete sich nun vor allem in den USA an den „Klischees“ mit denen das Skript gespickt sei. Auch wurde gesagt, dass ernsthafte, gesellschaftliche Probleme oberflächlich abgehandelt und sozusagen für ein Hollywood-Projekt „ausgebeutet“ worden seien. Bullock´s schauspielerische Leistung sei „von der Stange“ gewesen, hölzern und beinahe pathetisch.
Im Folgenden werde ich meinen „Senf“ zu diesen Thesen abgeben. Zunächst möchte ich aber noch kurz bemerken, dass unmittelbar nachdem der Film „the Blindside“ in den Kinos anlief, der Begriff „blindsiden“ eine andere Bedeutung mit einem anderen Unterton bekam. Wenn man nun jemanden „blindsidete“, dann bedeutete dies in etwa soviel wie jemandem ohne dessen Zustimmung und ungefragt etwas Gutes zu tun. Es wurde für einige Zeit umgangssprachlich zum Synonym für aufgedrängte und ungewollte Wohltätigkeit. Vielleicht ein Zeichen des wachsenden Zynismus in unserer Gesellschaft.

Nun zu einigen, einzelnen Kritikpunkten.

  1. „The blindside“ sei voller rassistischer Klischees und würde ein sehr einseitiges Weltbild tradieren. Die gezeigten, sozialen Gegensätze würden altbackene Vorurteile unterstützen. Nun, es wird tatsächlich gezeigt, dass ein armer, aus zerrütteten Familienverhältnissen stammender Jugendlicher in den Südstaaten sozusagen von allen „vergessen“, übersehen oder falsch eingeschätzt wird. Die drogenabhängige Mutter ist nicht in der Lage, sich um ihn zu kümmern und nun käme die „blütenweiße“ Mrs. Twohy (Sandra Bullock), um das arme Kindl zu retten und ihm eine Zukunft als Sportler zu ermöglichen.
    Klingt tatsächlich auf den ersten Blick etwas sehr holzschnittartig. Allerdings nur solange, bis man sich klarmacht, dass diese Handlung auf einem wahren Fall nicht nur basiert, sondern ihn z. T. mit vorbildlich zurückhaltender Spröde genau abbildet. Michael Ohers Biographie ist eben tatsächlich lange Zeit ein einziges Trauerspiel und wenn man ein reines „Sozialdrama“ hätte drehen wollen, hätte sie genügend Stoff dafür hergegeben. Die Tatsache, dass er helfende Hände fand, die ihm ermöglichten, sein Potential als Footballspieler voll auszureizen, ist keineswegs banal oder gar rassistisch, sondern schlicht und einfach so passiert. Sie ist Teil eines realen Lebens, wobei uns das Drehbuch an einigen wichtigen Schnittpunkten desselben teilnehmen lässt. Michael Oher ist heute übrigens einer der besten Spieler auf seiner Position, wird vom Profiteam der „Baltimore Ravens“ fürstlich für seine Dienste bezahlt und hat sogar im Jahre 2013 einen Superbowl – Ring mit seiner Mannschaft gewonnen. Eine wahre Erfolgsgeschichte.
  2. Unrealistisch. Dazu kann ich nur mein Hauptargument vom Punkt 1 wiederholen: Michael Oher war ein Straßen-Junge, wurde von einer Familie unter die Fittiche genommen und bekam später ein Sport-Stipendium für eine sehr gute Universität im Süden der USA. Dort spielte er dann so gut, dass er bei der Auswahl der Profispieler von den schon erwähnten „Baltimore Ravens“ einen Vertrag erhielt. Und mit diesem Team konnte er sogar das Höchste erzielen, was ein Football-Profi nur erreichen kann: die Superbowl zu gewinnen. Daran ist nichts erfunden, erlogen, künstlich oder überhöht. Wenn man dem Film überhaupt einen Vorwurf machen kann, dann ist es der, dass er in manchen Szenen noch gar nicht „hart“ genug, nicht „brutal“ genug auf die Lebensumstände Ohers verweist und auf die Institutionen, die versagt haben, bevor die Twohy-Familie auf das Schicksal des Jungen aufmerksam wurde. Nur insofern ist er überhaupt „unrealistisch“ zu nennen und nicht im Bezug auf die Wandlung des Michael Oher zum Sportidol, die eben tatsächlich stattgefunden hat.
    Eine besondere, deutsche Variante der Kritik ist es nun, den Kopf darüber zu schütteln, dass das persönliche Engagement einer einzelnen Person (Bullock´s Figur Leighanne Twohy) soviel erreicht haben soll. Man kann es hier im Lande der diversen Bürokratien, Behörden und der Staats-Gläubigkeit kaum fassen, dass Privatinitiative wirklich positive Auswirkungen haben soll. Und sei es nur im Leben eines einzigen Menschen. Für Amerikaner ist solch eine „europäische“ Betrachtungsweise jedoch weitgehend schwer zu verstehen. Ihre ganze Kultur basiert auf einem „hands-on-approach“, also der Philosophie, dass es immer besser sei IRGENDETWAS zu tun, als nur abseits zu stehen und „die zuständigen Stellen“ zu alarmieren. Das mag manchmal zu vorschnellem und unsachgemäßem Eingreifen führen, aber niemals zu einem schlechten Gewissen bei demjenigen, der tätig wird. Ich schätze diese Mentalität persönlich sehr.
  3. Schlecht gespielt. Hierzu muss ich nicht viel schreiben. Die Tatsache, dass Sandra Bullock für die Darstellung der Leighanne Twohy einen Oscar erhielt, spricht für sich. Ja, auch mir fiel im Originalton auf, dass der Südstaaten-Akzent Bullocks ein bischen SEHR aufgesetzt wirkte. Ich habe selbst einige Jahre in einem Südstaat gewohnt (wo allerdings mehr Spanisch als Englisch gesprochen wurde ! 🙂 ) und kenne das Problem, das breitgestreckte, gepresste Englisch der Menschen von südlich der „Mason-Dixon“-Linie zu verstehen. Die Aufgabe gelöst zu haben, dieses sowohl zu imitieren, als auch für den Kinozuschauer halbwegs verständlich zu machen, mag die hohe Kunst von Bullocks Oscar-reifer Leistung sein. Aber auch die Darstellung Quinton Aarons, der Michael Oher verkörpert, ist in seiner gewollten Dezenz und schwermütigen Zurückhaltung maßgeblich am Erfolg des Films beteiligt. Alle Vorwürfe von „over-acting“ etc. zerschellen bereits an diesen beiden Darstellern, um deren Rollen die ganze Handlung rotiert.

Nun, ich bemerke gerade, dass mein Beitrag bereits wieder etwas auszu-ufern droht und beende jetzt meine Ausführungen. Es gäbe noch das ein oder andere zur Rezeption des Filmes zu bemerken, aber die wichtigsten Punkte sind abgehandelt worden und ich hoffe, Sie, Liebe Leser, haben meinen persönlichen Betrachtungen folgen können und sich ihre eigenen Gedanken dazu gemacht. Der Film „the blindside“ mit Sandra Bullock und Quinton Aaron läuft übrigens in schöner, eifriger Wiederholung des Öfteren im deutschen Privatfernsehen. Ich nenne aber, weil ich keine Schleichwerbung machen will, keine Sender oder Sende-Termine sondern bemerke nur, dass der Südstaaten-Akzent Sandra Bullocks natürlich in der synchronisierten Fassung entfällt. Trotzdem immer wieder sehenswert. Nicht nur für SB- und Football-Fans wie mich..:-).

Ihre werte TV- und Kinoglotzerin

Kassandra Pugatshowa

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 11/02/2014 von in clash of civilizations, Kultur und getaggt mit , , , .
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