Kassandrenrufe

"connecting the dots" – für mündige Bürger

Modeerscheinung: „Putin – Bashing“

Die Olympischen Winterspiele in Sotschi haben begonnen und kaum ein Beitrag, selbst in der „Sport“ – Rubrik der letzten Wochen kam ohne den obligatorischen „erhobenen Zeigefinger“ aus, der uns darauf hinwies, dass Russland der „Hort der Schwulenfeindlichkeit“ sei. Der „böse Präsident“ wolle in Sotschi seine „Protz-Spiele“ abhalten, während arme, unschuldige Homos und Lesben in Kerkern versauerten.

PUTINNun, Russland steht nicht unbedingt im Fokus der Berichterstattung unserer Massenmedien. Die eisige Weite Sibiriens wird ab und an dokumentiert, die „radikale Ausbeutung der natürlichen Ressourcen“ im flächenmäßig größten Land der Erde pflichtschuldigst angeprangert, aber ansonsten findet Russland nur noch als „Gerichtsreportage“ statt, wenn mal wieder halbnackte „Femen“ oder „Muschi-Revoluzzerinnen“ im Knast landen. Ob ihre Formen des „Protestes“ in Kathedralen und an anderen „heiligen“ Orten Russlands immer dem guten Geschmack entsprechen und die gleiche Aufmerksamkeit nicht auch anders erreicht werden könnte, dieser differenzierten Betrachtungsweise setzen deutsche, vor allem „öffentlich-rechtliche“ Massenmedien ihre Leser bzw. Zuschauer gar nicht erst aus. Man geht lieber nach dem simplen Schema: „Putin-Böser Mann“ und folgt damit dem Trend zur Simplifizierung und Moralisierung in der Darstellung internationaler Politik und gesellschaftlicher Vorgänge.

So nimmt es auch nicht Wunder, dass ein in der Duma verabschiedetes Gesetz gegen „homosexuelle Propaganda“ seit Monaten die Schwulen- und Lesbenverbände im Bibabutzeland, sowie deren Sprachrohre, genannt deutsche, elektronische Massenmedien, auf die Palme zu bringen scheint. Nun eigne gerade ich mich nicht als Verteidigerin Putin´scher Innenpolitik der „gelenkten Demokratie“. Putin´s skurrile Selbst-Darstellung und -überhöhung gemahnen an Personenkult alter Machart. Die Erfahrungen mit der Sowjet-Diktatur sind auch noch unvergessen und viele Symbole, mit denen das Putin-Russland heute noch oder wieder hantiert, erinnern gewollt und auf gruselige Art und Weise an den Leichnam des „real existierenden Sozialismus“ der Marke KPdSU. Da kann es einem älteren, aufmerksamen Beobachter das ein oder andere Mal kalt den Rücken herunterlaufen, wenn z. Bsp. Putin´s Bewegung „Einiges Russland“ im Wahlkampf den Kalten Krieg wiederzueröffnen scheint, indem gnadenlos auf „den Westen“ eingedroschen und dieser wieder als Feind-Popanz mit Phrasen beworfen wird.

Andererseits muss man verstehen, wie Russland „funktioniert“, wenn man in seiner Einschätzung über das „öffentlich-rechtliche“ Schwarzweissdenken und „gut-böse“-Schema hinauskommen will. Als Flächenstaat mit z. T. sehr geringer Bevölkerungsdichte muss Russland starke „Klammern“ haben, die die verschiedenen Ethnien und Regionen zusammenhalten. Das mag man als Deutscher, der kaum über seinen Wohnort hinausdenkt (außer, wenn ihm die „Europa-Karotte“ vor die Nase gehängt wird oder er vorgibt, mit Mülltrennung den Planeten zu retten, aber das ist ein anderes Thema) altmodisch oder skurril finden, aber russische Verantwortungsträger müssen mit dieser Realität seit Jahrhunderten arbeiten. Wer immer im Kreml die Zügel in der Hand hält, muss in größeren, sozusagen „globalen“ Kategorien denken, ohne die nationale Integrität seines Landes zu gefährden. Ein riskanter Balance-Akt, der ja auch oft genug schief ging. Da gibt es nämlich, außer der russischen Sprache (die ich, entgegen meines Namens, nie auch nur ansatzweise beherrscht habe. Mehr als „guten Morgen“ oder „auf Wiedersehen“ bzw. ähnliche Floskeln waren da nie drin.) nicht allzuviel, womit man beispielsweise ethnische Russen und Sibirjaken bzw. Tschuktschen aneinanderbinden kann. Ja, da gibt es noch die seit dem Ende der SU wieder eingeführten, freiwilligen „Kosaken“-Verbände, die aber letztlich auch nur eine Art paramilitärischer Traditionsverband sind und keine „echte“ Bedeutung im Lande haben.

So ist es also nicht allzu unverständlich, dass das „Post-SU“-Russland auf Dinge setzen musste, die einen Rahmen setzen. Und die im „Osten“ traditionell geradezu auffällig staatshörige, orthodoxe Kirche gehörte da ganz selbstverständlich zu den Fundamenten, auf denen das „einige Haus Russland“ gebaut wurde. Die wiederauferstandenen, für uns westliche Beobachter lustig-skurril-bärtigen Mönche, Popen und Metropoliten übernahmen wieder die Aufgabe der Aufrechterhaltung christlich-kirchlicher Traditionen, wie immer man die Orthodoxie auch als Ganzes beurteilen mag (auch dazu könnte ich einen eigenen Beitrag schreiben). Wenn nun die Politik diesem gesellschaftlichen Faktor Rechnung trägt, indem es seine Werte staatlich absichert, so mag das der „staatlichen Neutralität“ in religiösen Dingen Hohn-sprechen, aber nachvollziehbar ist es allemal. Zumal es deutlich mehr orthodoxe als schwule Russen gibt und man somit fast von so etwas wie einem „demokratischem Zugeständnis“ reden kann. Das „Putin-Bashing“ in Deutschland erscheint also durchaus hinterfragbar. Die „Anti-Olympischen Feuer“, die in Berlin brennen und die „Femen“-Proteste vor der russischen Botschaft Unter den Linden wirken so unfreiwillig absurd und eher bedauernswert.

Natürlich kochen deutsche Homo- und Lesbenverbände das Thema hierzulande hoch, da ihre Interessen ja ohnehin gerade (Stichwort: „Bildungsplan 2015“ in Baden-Württemberg) im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Da kommt der böse „Homophobe“ Putin gerade recht, um die sexuelle Orientierung von Menschen weiter als Thema am Leben zu halten. Dass aber deutsche Massenmedien sich als Sprachrohr dieser Bewegung missbrauchen lassen, wie in Baden-Württemberg und auch sonst im Lande zu beobachten, lässt den unvoreingenommenen Beobachter die Stirn runzeln. Hier scheint es sich schon lange nicht mehr um Information sondern vielmehr um „Volkserziehung“ zu handeln, die da über unsere Bildschirme flutscht.

Wie auch immer: es ist dennoch auffällig, wie wahllos die Feindbilder unserer Journalisten austauschbar zu sein scheinen. Wo sonst immer fleissig auf die „bösen Amerikaner“ eingedroschen wird, die mit ihrem „Turbo-Kapitalismus“ die ganze Welt „zerstören“, switcht man bei Bedarf blitzschnell auf „Putin-Bashing“ um, wenn man damit Quote machen und ein gutes Gehalt verdienen kann. Nun will ich den Begriff des „Lohnschreibers“ ja gar nicht diffamieren. „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“ wussten schon die Söldner-Heere des Dreissigjährigen Krieges zu singen. Aber gerade die Journalisten und Medien, die sich die „moralische Empörung“ so massiv auf die Fahnen geschrieben haben und von Gleichgesinnten deshalb regelmässig Medienpreise en masse einheimsen, scheinen doch so recht keinen Kompass zu kennen, nachdem sie handeln. Wenn Politik und „Zeitgeist“ es verlangen, loben sie heute Obama hoch, verachten sie Putin und morgen geht es dann andersherum, weil eben auch ein US-Präsident einen Nachrichtendienst besitzt und Drohnen fliegen lässt. Genauer hinsehen und differenzieren ist schon lange unerwünscht. Simples „whack-a-mole“-Draufhauen ist einfacher. Man muss weniger nachdenken und kann mehr „copy and paste“ machen.

Nur eine Konstante scheint die Medienmaschine im „Westen“, besonders in Deutschland, zu kennen: nur nicht gegen Muslime „hetzen“. Könnte ja sein, dass dann, wie einst in Frankreich, Redaktionsstuben brennen. Denn, machen wir uns nichts vor: wenn Wladimir Putins Russland ein „böses, böses, homophobes Land“ ist, was wäre dann Katar, der Ausrichter der Fussball-WM 2022 ? Immerhin ist schon bekannt geworden, dass die dortigen Stadien mit Hilfe von Sklavenarbeit errichtet wurden und viele der philippinischen oder pakistanischen Bauarbeiter auf den dortigen Baustellen elend verreckt sind. Das hat den ein oder anderen Journalisten nachdenklich gemacht, sogar einige Gewerkschafter für ein paar Minuten empört, aber spätestens der „Kaiser Franz“ wird sicher unsere Bedenken zu zerstreuen helfen. Frauenrechte, Religionsfreiheit, Unterdrückung auch sexueller Minderheiten: es gäbe viele Themen, bei denen man in Katar einmal genauer hinsehen müsste. Aber der gekaufte, künstliche Glanz der Öl-Milliarden wird sicher als Fassade genügen, um für eine „reibungslose“ Berichterstattung der WM zu sorgen. Vielleicht kann man ja auch 2022 noch ein bischen Putin – Bashing betreiben, oder böse, evangelikale Christen in den USA ausfindig machen, deren „Homophobie“ sich anprangern lässt, ohne sich der  Gefahr auszusetzen, eine Brandbombe ins Büro zu bekommen.

Nun, Putin ist eben kein „lupenreiner Demokrat“, aber Russland auch kein „Hort des Bösen“ mehr, vor dessen „Andersartigkeit“ es dem „modernen Europäer“ Beck-Merkelscher Prägung Angst und Bange sein muss. Erwachsene Menschen sollten sehr genau prüfen, welche Bilder ihnen durch die Medien vermittelt werden und ob diese irgendeinen Sinn machen oder nur reine Propaganda sind und einer modernen „Volkserziehung“ dienen sollen.

Ihre

Kassandra Pugatshowa

P.S.: Vielleicht ist das negative Russland-Bild der letzten Monate in unseren Medien auch auf die Tatsache zurückzuführen, dass Russland, durch seine komplizierte, lange Schwarzmeer-„Nachbarschaft“ mit dem Osmanischen Reich sensibilisiert, nicht so einfach drauflosschlägt bei internationalen Konflikt-Fällen in Nahost oder Nordafrika. So hat Putin dem zu allem entschlossenen „Westen“ („Obamerica“ vor allem) dessen praktisch schon beschlossenen Kriegseinsatz in Syrien de facto kaputtgemacht. Unsere „Schwarz-Weiss-Holzschnitt“-Presse hatte mit ihren „Böser Assad-gute Rebellen“-Berichten ja auch schon die propagandistische Grundlage dafür gelegt, nur die Weigerung Russlands (und wohl auch Chinas) diesen neuen Kriegseinsatz abzunicken, haben am Ende doch noch das direkte Eingreifen des Auslandes verhindert. Wie wir am Beispiel Libyens oder Afghanistans sehen, möglicherweise völlig zu Recht, denn der Militäreinsatz in diesen Ländern hat einer Demokratisierung, Befriedung und „Modernisierung“ dieser Staaten keine Bresche gebrochen. Der Islamismus des finstersten Mittelalters blüht dort wie eh und jeh. Dies ist in Syrien noch nicht passiert, aber die Aufrüstung der Rebellen mit Amerikanischen Waffen, die durch Golf-Petro-Dollars finanziert wurden, ist auch nicht gerade ermutigend.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 08/02/2014 von in Kultur, Politik_allgemein, Sport und Gesellschaft und getaggt mit , , , .
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