Kassandrenrufe

"connecting the dots" – für mündige Bürger

der „Gegen“-Europameister

Sie wissen es, liebe Leser, ich verfolge den Frauenfussball mit einer gewissen Leidenschaft und so habe ich natürlich heute, nach dem Abschluss der Europameisterschaft 2013, auch wieder ein paar Anmerkungen parat. Nachdem ich bereits eingangs des Turniers die katastrophale Schiedsrichterleistung im Spiel Deutschland-Holland angeprangert hatte, wurde mir bereits „Verfolgungswahn“ unterstellt und ich als „Verschwörungstheoretikerin“ beschimpft.

Uefa_womens_euro_2013_LOGONun, wer das Endspiel Deutschland-Norwegen verfolgt hat, wird vielleicht meiner Argumentation, dass die UEFA scheinbar um jeden Preis einen neuen Europameister haben wollte, eher folgen können. Aber dazu später mehr. Da unmittelbar nach Abschluss dieses Turniers sicher alle großen Medien den ein oder anderen, zusammenfassenden Bericht bringen werden, beschränke ich mich auf ein paar Stichpunkte, die als Fazit genügen mögen.

Turnierfazit:

  1. die Physis spielt eine immer stärkere Rolle im Frauenfussball. Das wird zwar nach jedem Turnier seit ca. 2007 immer wieder konstatiert, aber ich denke, es stimmt auch. Die Kondition, Laufbereitschaft und Zweikampfhärte werden immer wichtiger, um Spiele zu gewinnen. Die reinen „Schönspieler-Teams“ werden oftmals doch nicht mehr mit Erfolg belohnt, fragen Sie mal den französischen Nationaltrainer Bruno Bini. Früher mag das mal anders gewesen sein, heute kommt ein norwegisches Team ins Endspiel, das vor allem mit seiner durch hohe Laufbereitschaft erkauften, exzellenten Raumaufteilung brilliert.
  2. Die Leistungsdichte der europäischen Spitzenteams ist extrem eng zusammengerückt. Zwischen Teams wie Frankreich, Schweden, Deutschland, Norwegen, Dänemark oder Spanien liegt oftmals nur noch ein einziges Tor. Die großen „Schlachtfeste“ vergangener Zeiten, wo ein schwächerer Gegner selbst in einer Endrunde auch mal mit 4 oder 5 Toren Unterschied nach Hause geschickt wurde, sind seltener geworden. Einzig Island fiel in der Endrunde gegenüber den anderen Teilnehmern deutlich ab und bekam das ein oder andere Mal eine Lehrstunde erteilt.
  3. Aus Punkt 2 ergibt sich logischerweise, dass Vorhersagen praktisch kaum noch mit einer gewissen Plausibilität zu machen sind. So ziemlich alle Experten, mich selbst als „eher-nicht-Expertin“ eingeschlossen, hatten ein Endspiel Frankreich-Schweden erwartet. Es schien völlig logisch, dass die beiden spielstärksten und gefährlichsten Teams den Pokal unter sich ausmachen würden. Nach der Vorrunde, in der Frankreich souverän und Schweden mit immer größerem Schwung ihre Gegner überrollt hatten, fühlte man sich bestätigt. Aber Frankreich schaffte es nicht mal ins Halbfinale und die Gastgeberinnen wurden in einem herzzerreißenden Halbfinale von einer leidenschaftlich kämpfenden, deutschen Mannschaft geschlagen.
  4. Die Schiedsrichterleistungen müssen genau analysiert werden. Es muss Konsequenzen haben, wenn die „Unparteiischen“ dem Spielniveau nicht gewachsen zu sein scheinen. Die Einflussnahme der italienischen Schiedrichterin im Spiel Deutschland – Niederlande habe ich ja schon thematisiert. Auch die rumänische Schiedsrichterin, der die UEFA das Endspiel anvertraut hatte, kann man getrost als „gebrieft“ bezeichnen. Wer sonst gibt schon zwei unberechtigte Strafstöße gegen Deutschland und fällt auch sonst so viele eher fragwürdige Entscheidungen ? Einer großartig aufgelegten Nadine Angerer hat es der DFB zu verdanken, dass diese Taktik nicht aufging und die deutschen Damen überraschenderweise den Titel verteidigen konnten. Leider steht zu befürchten, dass der DFB vor lauter Siegesfreude nicht auf einer genauen Analyse der Schiri-Leistungen bestehen wird. Nun muss ich allerdings zugeben, dass tatsächlich nur in diesen beiden Spielen so etwas wie eine überdeutliche Manipulation zu erkennen war. Ansonsten pfiffen die Schiedsrichterinnen in diesem Turnier ebenso gut oder schlecht wie ihre männlichen Kollegen in vergleichbaren Situationen.

Deutschland-Fazit:

  1. Der Turniersieg kann getrost als Überraschung angesehen werden. Wie schon erwähnt, waren Schweden daheim und Frankreich die Favoriten. Die Mischung aus Kindergarten und Reha-Zentrum, die von Bundestrainerin Silvia Neid nach Schweden geführt wurde, hatte eigentlich keine Chance und ergriff sie dennoch mit erstaunlicher Unbefangenheit. Sechs erfahrene Stammkräfte mussten verletzungsbedingt ersetzt werden, was zu einer radikalen Verjüngungskur im Kader führte. Die Unerfahrenheit der jungen Spielerinnen machte sich dann auch mehrfach bemerkbar, wurde am Ende aber nicht bestraft. Auch das Risiko, mindestens drei „angeschlagene“ Spielerinnen mitzunehmen, die erst während der Vorbereitung bzw. im Turnier selbst wieder Spielpraxis bekommen sollten, hätte eigentlich schiefgehen müssen. Lira Bajramaj, Melanie Behringer und Simone Laudehr, die verletzungsbedingt z. T. kein einziges Bundesligaspiel in der Rückrunde absolviert hatten, füllten also letztlich den Kader mehr auf, als dass sie eine Verstärkung hätten sein dürfen. Simone Laudehr strafte aber diese herkömmliche Fussball-Logik Lügen, als sie sich ins Turnier hineinbiss und gegen Italien oder Schweden wesentlich zu den Erfolgen des Teams beitrug. Vor diesem Hintergrund ist der Erfolg der deutschen Nationalmannschaft umso erstaunlicher und bewundernswerter !
  2. Celia Okoyina da Mbabi ist keine Birgit Prinz. Und das will ich noch nicht einmal negativ konnotiert wissen. Celia Okoyino ist in Bestform ein permanenter Gefahrenherd im gegnerischen Strafraum, feuert aus allen Rohren, köpft und hat auch einen Blick für besser postierte Kolleginnen. Sie bindet so Abwehrspielerinnen, was dann Räume für andere Offensivkräfte schafft. Der 1:0 Siegtreffer von Anja Mittag im Endspiel gegen Norwegen machte das nachhaltig deutlich. Aber dennoch stellt sich die Frage, ob das „System“ Neid mit nur einer Stürmerin tatsächlich auf Celia Okoyino zugeschnitten ist, oder doch eher ein Relikt aus der Zeit der 2011 zurückgetretenen Birgit Prinz darstellt. Diese war eine „Ein-Frau-Tormaschine“, eine Instinkt- und Kraft-Fussballerin, die eben nicht zu 100 % ausgetauscht oder erstetzt werden konnte. Dieser Versuch scheint mir, trotz EM-Titel, dennoch gescheitert zu sein, denn im einzigen Spiel, in dem Celia Okoyino nicht mitspielen konnte, im Halbfinale gegen Schweden, bot Deutschland teilweise seinen flexibelsten Angriffsfussball. Ich hoffe, die Analysefähigkeit von DFB-Verantwortlichen und Trainerstab reicht dazu aus, dies zu erkennen. Man braucht weitere Optionen im Vorwärtsgang, um auch in Zukunft nicht ausrechenbar zu sein.
  3. Die schon erwähnte Unerfahrenheit machte sich vor allem in der teils schwachen Raumaufteilung im Vorwärtsgang bemerkbar. Das haben wir in den „goldenen Jahren“ des deutschen Frauenfussballs von 2003 – 2009 schon besser gesehen. Da waren die Laufwege am und im Strafraum bekannt, die Stammspielerinnen besser eingespielt und die Chancenausbeute dadurch auch effektiver. Damals hat man zwar dennoch nicht alles gewonnen und vor allem gegen Brasilien und die USA öfters schlecht ausgesehen, aber dennoch wirkte das Angriffsspiel nicht so unbeholfen wie in der Ausgabe von 2013. Die Vorbereitung mit drei Spielen gegen adäquate Gegner und einem ausgiebigen Trainingslager reichte wohl dennoch nicht aus, um eine gewisse „Automatik“ in die Attacke zu bekommen. Das gilt es zu analysieren und zu beheben, wenn man z. Bsp. wieder auf Augenhöhe mit den USA, China oder Japan spielen möchte. (der 4:2 Sieg über Japan in der Vorbereitung war wohl eher dem Jetlag der Frauen aus dem Land der  aufgehenden Sonne geschuldet, als der eigenen Souveränität)
  4. Die Innenverteidigung wird über kurz oder lang einem Umbau unterzogen werden müssen. Annike Krahn und Saskia Bartusiak haben wohl ihre letzten, großen Schlachten geschlagen. Ihre Kopfballstärke, Kampfkraft und Erfahrung hat zwar letztlich den Titel 2013 möglich gemacht, aber ihre Schwächen im Antritt, in der Vorwärtsbewegung, oder im Stellungsspiel, wenn der Gegner blitzartig attackiert (Schweden !), werden nicht mehr lange zu kaschieren sein. Auf diesen Positionen, aber auch auf den Außenbahnen, muss Silvia Neid sich neue Talente aufbauen. Und wann wäre ein Wachwechsel einfacher zu bewältigen, als nach einem erfolgreichen Turnier ? Dies muss ein Schwerpunkt beim Neuaufbau eines Teams für die kommenden Jahre sein. Die jungen Talente, Leonie Maier allen voran, machen aber Hoffnung, dass da vielleicht noch mehr nachkommen kann im Defensivbereich.

So, in Stichpunkten war´s das. Vielleicht noch ein Wort zur heftigen, nach der Vorrunde geäußerten Kritik an Silvia Neid: vieles, von dem was da durch den „Blätterwald“ rauschte, konnte ich nicht teilen, aber grundsätzlich bin ich auch gegenüber der „Nibelungentreue“, die der DFB mittlerweile Frau Neid und ihrem Stab zukommen lässt, immer auch etwas skeptisch eingestellt. Die Unverfrorenheit, mit der der DFB den Vertrag mit Frau Neid 2011 noch während des laufenden Turniers verlängerte, ohne eine Analyse darüber durchzuführen, warum die Vorgaben (Halbfinale) nicht erreicht werden konnten, lässt mich noch heute schaudern. Nein, ich fordere hier nicht den Kopf der Trainerin. Habe ich damals nicht und werde ich auch heute nicht tun, aber ich fordere, dass sie nicht jenseits jeder sachlichen und berechtigten Kritik ihren Job machen darf, weil sie von den mächtigen Männern im DFB davor abgeschirmt wird. Das ist u. a. gegenüber all den Trainern, beim DFB oder nicht, ungerecht, die sich permanent einer Zielvorgaben-Analyse stellen müssen und dann oft genug über die Klinge springen. Zumal die Selbst-Analysefähigkeit von Silvia Neid ja auch notorisch unterentwickelt ist, wie wir seit Jahr und Tag bewundern dürfen.

Auch der Grandseigneur des deutschen Frauenfussballs, Potsdams Trainer Bernd Schröder, gilt ja als Intimfeind von Frau Neid, dabei wird er völlig missverstanden. Er ist nur die einzige Stimme, die es sich, gepolstert von seinen zahlreichen Erfolgen auf internationaler oder nationaler Ebene, leistet, gegen den unausgesprochenen Konsensus anzugehen, der besagt, dass niemand den DFB oder dessen Mitarbeiter kritisieren darf. Da Redeverbote oder falsche Tabus immer für Grabesruhe und Stillstand sorgen, muss eine fundierte Meinung eines erfahrenen Kämpfers für den Frauenfussball wie es Bernd Schröder nun einmal ist, dennoch angehört werden dürfen. Das vergessen die Niersbach und Neid leider öfter mal und so kommt es dazu, dass in den Medien über „persönliche Motive“ für Schröders Kritik spekuliert wird. Im Gegenteil ist es oftmals so, dass eher die Personalentscheidungen von Frau Neid, die sich notorisch weigert, Potsdamer Spielerinnen in den Kader zu berufen, wenn es nicht unbedingt sein muss, hinterfragbar erscheinen. Man nominiert nach Leistung, nicht nach Verein, Frau Neid ! Sogar Norwegen hat zwei Potsdamer Stammspielerinnen, Deutschland de facto höchstens eine.

Wie dem auch immer sein mag: der Titel ist überraschenderweise verteidigt worden und das kann niemand dem fröhlichen Kindergarten von 2013 mehr wegnehmen ! Die Mannschaft hat sich in den Playoffs systematisch gesteigert und teilweise doch noch ansehnlichen Offensiv-Fussball auf den Rasen gebracht. Die anfängliche Verkrampfung wich einer etwas größeren Lockerheit und auch das ist ein Verdienst des Trainerstabes und der erfahrenen Spielerinnen, die den jungen Hüpfern den Rücken stärkten. Teamgeist im besten Sinne. Dass diese Trophäe so offensichtlich GEGEN den Trend zu den Favoriten Schweden oder Frankreich, GEGEN zwei Schiedsrichterinnen (und möglicherweise die hinter ihnen stehende UEFA, das bleibt bislang Spekulation) und GEGEN die Wahrscheinlichkeit, die aussagte, dass man sechs Stammkräfte nicht gleichwertig ersetzen könne, errungen wurde, macht sie nur umso wertvoller. Ich hoffe, das weiss man beim DFB, den Medien und in der Öffentlichkeit dann auch zu würdigen.

Ihre

Kassandra Pugatshowa

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 28/07/2013 von in Sport und Gesellschaft und getaggt mit , .
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