Kassandrenrufe

"connecting the dots" – für mündige Bürger

DTM absurd !

Oder: wie der „deutsche“ Motorsport sich lächerlich macht. Sie wissen es ja inzwischen alle, meine lieben Leser: ich bin ein Motorsport-Fan. Vor allem alles, „was ein Dach hat“ finde ich faszinierend. Tourenwagen, Gran Tourismo und Langstrecken-Prototypen (die ja nicht alle wirklich mit „einem Dach“ ausgestattet sind) haben es mir angetan. Da wird noch „echter“ Motor-SPORT von echten Kerlen (und einigen „echten“ Amazonen) betrieben, dachte ich immer. Nun, ich kann mich aber auch irren…

Wie ich schon in meinem Beitrag namens „wo fahren sie denn ?“ angemerkt habe, hat sich im Motorsport eine fatale Tendenz zur Gleichmacherei ohne Sinn und zu einem vermeintlichen „Gerechtigkeitsdenken“ breit gemacht. Wenn etwa durch Zusatzreglements in der „World Touring Car Championship“ (WTCC) schon seit Jahren die erfolgreichen Fahrer durch Zusatzgewichte während der nächsten Rennen für ihre Leistung bei vorhergehenden Wettbewerben bestraft werden, ist dies in meinen Augen zutiefst fragwürdig. Auch die willkürlichen Reglements-Änderungen bei den Le-Mans-Prototypen, wo den mit verbrauchsgünstigeren Motoren ausgestatteten AUDIS im Jahre 2013 kleinere Tanks aufgezwungen wurden, die dann zu vermehrtem, zeitraubendem Boxenbesuch führten, sehe ich als willkürliche Strafmaßnahme für die Motorenbau-Ingenieure aus Ingolstadt an, die nun mal eben so gute Motoren konstruiert haben. Die Argumente, man wolle das „Ausreißen“ einzelner Hersteller-Typen in der WTCC verhindern, bzw. die unterschiedlichen Motorentypen einander angleichen (Le Mans, wo Benziner neben Diesel-Triebwerken fuhren), finde ich fadenscheinig. Wer innerhalb des Basis- und Rahmenreglements seine Fahrzeuge baut, muss einfach auch gewinnen dürfen. Notfalls mit großem Vorsprung. Denn so sieht die Konkurrenz ganz realistisch, wie weit sie zurückliegt und wie lang ihr Weg ist, um die Top-Teams einzuholen.

Zumal das WTCC – Argument ja nicht gezogen hat. Die WTCC wurde einige Jahre lang vom Chevrolet Werksteam so deutlich beherrscht, dass man nur noch die Plätze hinter den damals hellblau gestrichenen Boliden wirklich als Rennen ansehen konnte. Die Tatsache, dass auch das deutsche GT-Masters mit „balance of performance“-Regelungen diese Politik fortführt (mit mehr Erfolg allerdings, da hier die Rennergebnisse weniger vorhersehbar sind) stimmt mich ebenfalls nicht gerade sehr optimistisch. Offensichtlich waren die Chevrolet-Leute im Gesamtpaket aus Wagen, Reifen und Fahrern so souverän, dass auch nivellierende Regelements sie nicht aus dem Gleichgewicht bringen konnten. Die Tatsache, dass manches Rennen ohne solche Sonderregeln mit ein oder zwei Sekunden Vorsprung mehr gewonnen worden währen, erscheint mir im Vergleich zu dem Eingriff in den Wettbewerb, der hier stattfindet, geradezu lächerlich irrelevant. Das Angleichen der Performance hat einfach nicht stattgefunden, Punktum.
In Le Mans sah das schon etwas anders aus, weil zwar AUDI trotzdem den Siegerwagen stellte, aber eben die dahinterliegende „Toyota“-Flotte künstlich konkurrenzfähig gemacht wurde. Sie hätte in einem „offenen“ Reglement alter Schule niemals auch nur annähernd die gleichen Boxenstopp-Rhythmen einhalten können, wie AUDI. Wenn man also tatsächlich „mehr Gerechtigkeit“ hätte haben wollen, hätte man einfach Diesel-Motorenkonzepte für die LMP-1-Klasse ausschließen sollen. Dann hätte AUDI zwar dumm aus der Wäsche geschaut, aber man hätte halt in Ingolstadt dann vorausschauend damit begonnen, „normale“ Triebwerke zu entwerfen, um Toyota langfristig wieder einholen zu können.

Wettbewerb belebt eben das Geschäft. Was die Rennsportverbände aber in letzter Zeit (zumindest hier in Europa, versuchen Sie mal diesen Quark einem Amerikaner zu verkaufen, der lacht Ihnen ins Gesicht) an echter Wettbewerbsverhinderung produzieren, wird sich möglicherweise noch rächen. Schon jetzt ist die WTCC zu einem bedeutungslosen, zweitklassigen Tourenwagen-Pokal verkommen (die Nr. 1 ist, warum weiß ich auch nicht mehr, die DTM) und Le Mans wird sich ab dem kommenden Jahr 2014 auch ad absurdum führen, wenn die Verbrauchsmenge der Motoren pro Runde reglementiert werden wird. Hier wird dann zwar der verbrauchsgünstigste Motor bei gleicher Leistung prämiert werden, was man in diesem Jahr noch mit großer Akribie zu verhindern suchte, aber die Einmischung in die Motorenkonzepte der Hersteller wird dadurch nur noch größer, nicht kleiner. Meine Vorstellung von Motorsport ist das nicht mehr. Ich bin etwas simpler gestrickt und auch etwas altmodischer. Ich kenne das noch so, dass es ganz einfach war: Piloten+Autos+Rennstrecke=Sieger und Verlierer. Wahrscheinlich will man heute keine Verlierer mehr haben, dann braucht man aber auch keine Sieger mehr…

EKKI-STROEMA propos, „Sieger“, was die DTM da am letzten Wochenende auf dem Norisring aufgeführt hat, darf man auch, gelinde gesagt, als absurdes Kasperletheater auffassen. Dem Laufsieger, Mattias Ekström aus Schweden, wurde der Sieg aberkannt, nachdem er, der das Rennen in der üblichen Hitze vom Norisring gefahren war, im parc-fermé durch seinen Vater mit Mineralwasser übergossen worden war, bevor er sich regelkonform gewogen hatte. Es gibt Maximal- und Minimalgewichte, die Auto und Fahrer nicht verletzen dürfen, deshalb dieses Wiegen. Nun verstieß der durch die „Flüssigkeitszufuhr“ angeblich „übermässig an Gewicht aufgerüstete“ Ekström wohl gegen das Reglement, weil sein genaues Gewicht bei Rennende nicht mehr festgestellt werden konnte, nachdem er „gewässert“ worden war. Herrje. Sind diese Piloten etwa Supermodels ? Oder Jockeys ? Gibt es keine Schätzungen ? Gerade bei Wasser dürfte durch die das spezifische Gewicht dieser Flüssigkeit ja das Rechnen wohl recht einfach sein. Ekström wurde sogar von den Rennkommissaren, die sich sechs Stunden lang beraten hatten (kriegen die eigentlich Geld dafür und haben die nichts besseres zu tun ?) nachträglich vom Rennen ausgeschlossen. Eine Peinlichkeit sonder Gleichen.

Rekapitulieren wir: nach einem turbulenten Rennen gewinnt ein Pilot, fährt ordnungsgemäß seinen Wagen in den parc-fermé und springt dann ganz selbstverständlich jubelnd aus dem Gefährt. Er wird dann von Angehörigen geherzt, mit Flüssigkeit versorgt (wie gesagt: das Norisring-Rennen ist immer eine Hitzeschlacht, dafür sorgt seine kalendarische Platzierung), gibt brav dem TV ein Interview und klatscht noch sein Team ab, bevor er sich daran erinnert, dass er ja eigentlich auf die Waage muss. War das klug ? War das 200%ig regelkonform ? Nein, natürlich nicht. War das aber menschlich und wurde auch in der Vergangenheit oftmals geduldet und stillschweigend hingenommen ? Ja, selbstverständlich doch ! Ekström ist ja auch kein unerfahrener Nachwuchsfahrer sondern hat die DTM in der Vergangenheit selbst schon gewonnen. Daher kennt er sowohl die Regeln, als auch den Spielraum, den ein Rennsieger hat. In der Freude über einen Sieg am Norisring, ein Rennen, bei dem notorisch die britischen Fahrer zu gewinnen pflegten, ist ihm ein Fehler passiert. Man bestrafe also das Team, gebe dem Fahrer eine Geldstrafe und basta damit. Aber einen hart errungenen Rennsieg abzuerkennen, wegen eines fahrlässigen, aber minimalen Regelverstoßes, ist einfach des „Guten“ zuviel. So macht sich der deutsche Rennsport endgültig lächerlich.

dtmAber das war noch nicht des Wahnsinns Ende. Schon während des Rennens hatte die Rennleitung beschlossen, allen Fahrzeugen, die ihren zweiten Boxenstopp weit nach hinten geschoben hatten, „blaue Flaggen“ zu zeigen. Zur Erinnerung: „blaue Flaggen“ bekommen alle Fahrer gezeigt, die ein Hindernis für ihre Mitbewerber darstellen. Eingebürgert hat sich die blaue Flagge als Signal für zu überrundende Fahrzeuge, wenn die Spitze des Klassements dabei ist, sie zu überholen. Diese Nachzügler sollen durch unnötige Gegenwehr den Wettbewerb der Top-Fahrzeuge nicht verzerren. Das kann ich verstehen und es ist seit Jahren gängige Praxis z. Bsp. in der Formel 1. Blaue Flaggen aber „im Feld“ zu zeigen, um anzudeuten, dass Konkurrenten, die mit frischen Reifen von hinten aufrücken, bald dabei sind, langsamere, aber völlig regelkonform vor den schnelleren Boliden fahrende Wagen, zu überholen. Hier wird nun endgültig der Wettbewerb verzerrt. Wenn jetzt auf manchen Strecken bestimmte Boxenstopp – Strategien von der Rennleitung mit diesen de facto-Sanktionen belegt werden, angeblich, um die Sicherheit der Fahrer zu wahren, stellt sich die Frage nach Sinn und Unsinn des Motorsports völlig neu.

Denn von „Sicherheit“ kann ja im Motorsport ganz allgemein und auf Stadtkursen im Besonderen, keine wirkliche Rede sein. Der Abschluss-Crash zwischen Edoardo Montara und Gary Paffett fand beispielsweise statt, ganz ohne, dass blaue Flaggen irgend etwas dagegen hätten tun können. Sie sind im laufenden Rennen der Fahrzeuge, die noch in ein und derselben Runde sind, einfach sinnlos und gehören nie wieder eingesetzt. Schlicht und einfach. Dieses Vorgehen der Rennleitung am Norisring war übergriffig und zu Recht beschwerten sich mehrere BMW-Piloten nach dem Rennen darüber, die eine andere Strategie in Bezug auf Stopps und Reifen gefahren waren, als ihre Konkurrenz. Wer überholen kann, der kann, wer nicht, dem darf auch nicht durch Flaggengewedel dazu verholfen werden, finde ich. Denn sonst bestimmen bald Rennkommissare, Veranstalter und Verbände, wer nach vorne kommt, wer gute Platzierungen erreicht und das ist KEINESFALLS der Sinn von Motorsport.

Die Frage kann hier aufkommen, inwiefern der auch in anderen Bereichen immer stärkere Trend zur Überregulierung, zum Zerdenken und vor allem Zerreden von wichtigen Themen auch hier, sozusagen durch die Hintertür, seinen Einzug in den Motorsport gehalten hat. Offensichtlich will man, sowohl international als auch national, den frischen Wettbewerb der Hersteller und Piloten irgendwie immer mehr „in den Griff bekommen“. Warum und wozu, ist die Frage, die sich geradezu aufdrängt. Um für imaginäre „Gerechtigkeit“ auf dem Asphalt zu sorgen ? Dann stellt sich immer noch die Frage, ob es gerechter ist, wenn Sieger auch wirklich Sieger bleiben, oder wenn man die Gewinner unter allerlei Vorwänden immer mehr durch „Kommissare“ bestimmen lässt.

In diesem Sinne, liebe Leser, fahren SIE vorsichtig, lassen Sie sich nicht mit Wasser bespritzen, wenn sie noch auf die Waage müssen und ignorieren Sie allerlei Flaggen, wenn Sie ihre Fahrten unternehmen. Die lenken eh nur ab von der Konzentration auf den Straßenverkehr.

Ihre

Kassandra Pugatshowa

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 16/07/2013 von in Sport und Gesellschaft und getaggt mit , , .
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