Kassandrenrufe

"connecting the dots" – für mündige Bürger

Da sind sie wieder…

…die alten Vorurteile. Ja, ich schrieb unlängst einen wütenden Beitrag anlässlich der Fussball EM der Frauen. Seitdem muss ich mich bei Freunden, Lesern und sonstigen Bekannten dafür rechtfertigen, dass mir dieses Turnier mehr bedeutet, als die belanglosen Saison-Vorbereitungsspiele diverser Fussball – Bundesligisten.

Da wird, auch in der weiten, bunten Medienwelt, wieder das frauenfeindliche Klischee von der Unvereinbarkeit guten Sports mit der holden Weiblichkeit propagiert. Auf den mehr oder weniger argumentativen, verstecken Ebenen genauso wie mit Sprüchen aus der alleruntersten Schublade der von Pisa-Bildungsmangel Betroffenen. Was ich allein in diversen Foren an Kommentaren lesen musste, hat mich insofern enttäuscht, als ich dachte, die Zeiten, in denen Frauen noch unterstellt wurde, sie wären „rein physisch“ nicht in der Lage, anständigen Fussball zu spielen, wären weitgehend abgeschlossen. Weit gefehlt.

Es ist allerdings noch nicht so lange her, dass selbst Fussball-Größen wie Paul Breitner ihr Unverständnis über die Begeisterung des weiblichen Geschlechts für das aktive Ausüben dieses Sports bekundet haben. Eine persönliche Meinung in allen Ehren, aber in dieser Hinsicht macht auch oftmals der Ton die Musik und diese auffällige Mischung aus Herablassung und offener Verachtung für die kickenden Mädels, die noch bis vor Kurzem von Sportjournalisten, Ex-Fussballprofis und vielen Fans gezeigt wurde, hat scheinbar tiefere Spuren hinterlassen, als mir bewusst war. Vielleicht wurzelte sie auch tiefer. Ich frage mich nur worin…

Nur ein simples Beispiel: auf der Webseite des Senders, der sich dieses Sportereignisses am konsequentesten widmet, Eurosport, finden sich folgende Kommentare zum zweiten Spiel der deutschen Nationalmannschaft, das sicher mit 3:0 gewonnen wurde:

„Frauenfussball gibt´s immer noch ? Na, ja.“

„Und wen interessiert das ?“

„An den Herd, sach ich nur !“

Au Backe. Das macht so viel Sinn wie von Schweinsteiger und Co. zu fordern: „In die Fabrik !“ oder so. Das wirklich Bedenkliche daran ist, dass diese Ansichten unter Fussballfans mehrheitsfähig zu sein scheinen. „Scheinen“, sage ich, weil es durchaus auch andere Meinungen geben mag, die nur eben nicht so offen artikuliert werden.

Immerhin hat der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger schon vor Jahr und Tag versucht, da einen Richtungswechsel einzuleiten, indem er sich demonstrativ für den Frauenfussball einsetzte und immer deutlich erkennbar an der Seite der deutschen Frauen-Auswahl war. Ist es eine Fehleinschätzung, wenn ich da bei Wolfgang Niersbach weniger Enthusiasmus vermute ? Vielleicht hat auch der „Schock“ der versemmelten WM 2011 vielen Kredit, den der Frauenfussball im Vorfeld bereits gewonnen hatte, wieder verspielt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die Euphorie, die von Seiten des Trainerstabes, des DFB und der Medien im Vorfeld damals geschürt wurde, war absolut „künstlich“ und sogar irgendwie etwas abgeschmackt. Wer Sprüchlein wie „Dritte Plätze sind nur für Männer“ macht, muss diesen auch Taten folgen lassen. Passiert dies nicht, macht sich Enntäuschung beim Zuschauer breit und massives Unverständnis.

Jennifer CramerAuch die Tatsache, dass der DFB jegliche Analyse der Gründe für das nicht „sollgemäß“ absolvierte Turnier 2011 verweigerte und stattdessen Bundestrainerin Silvia Neid noch während des laufenden Wettbewerbs, aus dem Deutschland freilich im Viertelfinale gegen den späteren Weltmeister Japan bereits ausgeschieden war, den Vertrag verlängerte, sorgte für mächtiges Kopfschütteln unter den wirklichen Fussballkennern. Als einziger Experte sorgte damals die Potsdamer Trainerlegende Bernd Schröder für etwas gesunden Menschenverstand im Frauenfussball-Dschungel, als er eben diese Analyse einforderte und den „Freifahrtschein“, den Frau Neid von Theo Zwanziger mit der Vertragsverlängerung trotz Nichterreichen des Minimalziels „Halbfinale“ de facto erhalten hatte, kritisierte. Dass spätestens seit dem Zeitpunkt Spielerinnen des ehemaligen Serienmeisters aus der Brandenburgischen Landeshauptstadt bei Frau Neid einen schweren Stand haben, ist auch ebenso bekannt, wie irritierend. Selbst beim Vorrunden – Konkurrenten der EM 2013, Norwegen, stehen mittlerweile mit zwei Spielerinnen mehr Potsdamerinnen im Kader, als beim DFB, wo nur Jennifer Cramer die Vereinsflagge hochhält. Es ist ein offenes Geheimnis in Deutschland, dass, wer immer bei Frau Neid im Kader etwas werden will, besser in Wolfsburg, Frankfurt/M., München oder bei einem ausländischen Topverein  spielen sollte, als in Potsdam. Kein Wunder also, dass es einen Massen-Exodus von Potsdamer Spielerinnen zu diesen Vereinen gab und gibt. Das Tischtuch zwischen Bernd Schröder und Silvia Neid ist wohl endgültig zerschnitten und die Spielerinnen müssen es austragen. Armselig.

Es ist also nicht alles „eitel Sonnenschein“ im Frauen-Fussball-Deutschland. Aber dennoch verdienen die Vereine und vor allem die Nationalmannschaft mehr Respekt, als sie bekommen. 9 große Titel in den letzten Jahrzehnten (2 mal WM, 7 mal EM) machen Deutschland zu einer Macht im Fussball, mit der alle Konkurrenten immer rechnen müssen. Sie tun es auch. Selbst nach dem Generationenwechsel, der vor dem diesjährigen Turnier zwangsweise (Verletzung von 6 Stammspielerinnen) eingeleitet werden musste. Fussball-Deutschland sollte sich daran gewöhnen, dass auch die Damen-Vereinsteams, die in den letzten Jahren regelmässig das Champions-League-Finale erreichten und auch zweimal gewinnen konnten, und die Nationalmannschaft der Frauen zum medial anerkannten Kreis der Top-Sport-Sparten gehören. Die Journalisten haben sich bereits z. T. darauf eingestellt, wenn ich auch denke, dass die Frauen-Bundesliga zumindest in den dritten Programmen der ARD noch stärker gefeaturet werden sollte. Auch die Zeitungen könnten ihren Frauen-Teams größere Aufmerksamkeit schenken, aber es hat sich dennoch seit den Anfangstagen des Frauenfussballs in Deutschland schon viel Gutes getan.

Wer hier an welchen Herd gehört, dazu darf sicher jeder unterschiedliche Meinungen haben. Meine haben ich hier niedergelegt.

In diesem Sinne wünsche ich allen, die die Sommerpause der Bundesliga nutzen, um ein wenig bei den Frauen reinzuschauen, viel Spaß.

Ihre

Kassandra Pugatshowa

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 16/07/2013 von in Sport und Gesellschaft und getaggt mit , .
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