Kassandrenrufe

"connecting the dots" – für mündige Bürger

Was unsere Filmleute liegen lassen…

Wissen Sie, was mich wirklich ärgert ? Wenn „andere“ unsere Arbeit machen. Wenn wir hierzulande nicht mehr in der Lage oder willens sind, unsere Hausaufgaben selbst zu machen und uns um unsere Angelegenheiten selbst zu kümmern. Wenn z. Bsp. unsere Polizei und Sicherheitsdienste immer nur Terroristen verhaften, nachdem ihnen die „bösen“ Amis (oder wahlweise der bei vielen Nazis und Kommunisten ebenso unbeliebte Mossad), die vorher durch ihre ebenso „bösen“ Abhöraktionen wieder mal ein Terrornest ausgehoben haben, die nötigen Hinweise geben. Aber nicht nur im Sicherheitsbereich sind wir Deutschen schwach geworden.

FilmrolleErst vor kurzem hatte ich endlich die Gelegenheit, den Film „Hänsel und Gretel – Hexenjäger“ zu sehen. Schon der Name macht deutlich, dass es sich um einen Stoff handelt, der auf dem bekannten Märchen basiert, das die Gebrüder Jakob und Wilhelm Grimm einstmals „eingesammelt“ haben. Der Film selbst, man mag das etwas düster angehauchte Action-Genre nun mögen oder nicht, spinnt die Geschichte der Geschwister aus dem Lebkuchenhaus weiter. Als sie erwachsen wurden, begannen sie demnach eine Karriere als Hexenjäger und werden angeheuert, um finsteren Weibern, die Kinder entführen und futtern und auch sonstige Hexerei ausüben, den Gar aus zu machen. Etwas banal, etwas brutal, in jedem Falle aber modern erzählt und fantasievoll weitergesponnen. Wenn etwa Gretel mit der Schnellfeuer-Armbrust auf die einen Speeder-Besen reitende Hexe feuert, ist das bestes Popcorn-Kino. (Dass Hänsel von den ganzen Süssigkeiten bei der Hexe auch noch Diabetes bekommen hat und sich Insulin spritzen muss, ist einen extra Schmunzler wert. Ich als Diabetiker-Leidensgenossin darf das so sagen !) Je öfter mir aber solche Stoffe aus Hollywood vor Augen kommen, desto drängender stellt sich auch die Frage: WARUM MACHEN WIR DIESE FILME NICHT SELBST ? Warum werden vergleichbare Stoffe nicht in Deutschland gedreht mit unseren Darstellern und in unserer Muttersprache ?

Denn das deutsche Kino hätte etwas gute Popcorn-Unterhaltung mehr als dringend nötig. Seit 1945, spätestens aber seit 1968 produziert Deutschland nämlich nur Filme, die entweder unsäglich banal und dümmlich sind, oder ebenso unsäglich langweilig. Dazwischen gibt es scheinbar nichts. Entweder „Keinohrhasen“ oder Autorenkino. Märchen- oder Historienstoffe werden also gar nicht, oder halt auf die soeben beschriebene Art und Weise aufgegriffen: entweder plump oder politisch-korrekt-langweilig. Geschichte „geht“ überhaupt nur, wenn man einen Bezug auf die DDR oder die NS-Zeit herstellt. Und sobald Deutschland sich doch mal auf „seine“ sonstigen Stoffe besinnt, dann muss natürlich dringend ein erhobener Zeigefinger dabeisein, wie im 2008er Drama von Nicolai Müllerschön „der Rote Baron“. Ein guter Stoff, der aber durch die plumpen Hinweise auf Antisemitismus und Soldatenleid im Schützengraben wieder politisch-korrekt verwässert wurde. Das hatten wir zum Thema „im Westen nichts Neues“ schon besser gesehen, diese Relativierung musste also nicht mehr sein. Vielleicht floppte der Film deshalb, vielleicht auch, weil man sich hierzulande noch immer „seiner“ Stoffe schämt. Kein Wunder also, wenn Hollywood sich dann dankend in den reich gefüllten Truhen unserer Mythen, Märchen und unserer Geschichte umschaut und gierig daraus selbst bedient.

Nicht, dass sie es schlecht machen würden. Wenn etwas „angloamerikanischer“ Sinn für das Absurde sich mit guten, alten, deutschen Märchen zusammentut, kommt oftmals etwas Ansehenswertes dabei heraus. Wie eben „Hänsel und Gretel“ oder auch die US-TV-Serie „once upon a time“ (es war einmal…), in der ganz offen die Märchen- und Kindergeschichten ganz Europas durchwühlt und neu zusammengesetzt werden. Auch der Tom-Cruise-Stauffenberg gehört sicher nicht zum Schlechtesten, was die US-Traumfabrik in den letzten Jahrzehnten abgesondert hat. Aber auch hier gilt wieder die Grundfrage: Warum machen WIR  keinen „Big-Time-Movie“ daraus ? Ist die Filmförderung so unspendabel geworden ? Finden sich tatsächlich so wenige Risiko-Kapitalgeber, die einige Euros nach Babelsberg verschieben und sich daran beteiligen würden ? Vermutlich ist das so. In den USA schreibt man denn auch einen Flop einfach mal ab. Selbst einem Top-Schauspieler nimmt man es mittlerweile nicht mehr für immer übel, wenn er mal an einem schwachen Film mitgewirkt hat.

Natürlich hinken alle Vergleiche. Hollywood arbeitet für ein ungleich größeres Zielpublikum, da die englischsprachige Welt eben doch größer ist, als die deutschsprachige. Wenn man Filme in der „Zweitverwertung“ dann nach Südafrika, Hong Kong, GB oder Australien verkaufen kann, lässt sich eben doch noch einiges retten, was vielleicht in Amerika nicht nach Plan lief. Das macht Kapitalgeber halt mutiger. Dennoch bleibt bei mir immer ein bitterer Geschmack im Mund zurück, wenn irgendwo (meist in Hollywood) ein Stoff verarbeitet wird, von dem ich genau weiß, dass wir Deutschen ihn authentischer, mit unserem eigenen Humor gewürzt und mit ebenso guter Tricktechnik aufgepeppt hätten drehen können. Irgendwo hat´s da wieder ein Rädchen im System gegeben, das eben eingerostet ist und statt „Witch-Hunters“ bekommen wir dann „sieben Zwerge“, Teil 14. Schade, müsste nicht sein.

Ich stelle mich also darauf ein, auch in den kommenden Jahren nicht mehr ins Kino zu gehen, um einen in Deutschland gedrehten Film zu sehen. Die kommen eh schnell ins Fernsehen und da kann ich mich dann noch früh genug über den Quark ärgern, der tatsächlich Produzenten und Regisseure gefunden hat.

Ihre

Kassandra Pugatshowa

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2 Kommentare zu “Was unsere Filmleute liegen lassen…

  1. Fritz
    08/07/2013

    Sehr guter Artikel, Gratulation.
    Als ich den Trailer von Hexenjäger gesehen habe, dachte ich das gleiche, auf die Idee Hänsel und Gretel als Erwachsene Rächer hätte man hierzulande auch kommen können.
    Wobei mir etwas mehr Grusel als Action lieber wäre, den Film könnte man glatt nochmal drehen, mit etwas anderem Schwerpunkt.

    Der gute Oskar Schindler lebte Jahrzehnte lang in Frankfurt am Main, und keine Sau hat sich für seine Geschichte interessiert.
    Stella Goldschlag, auch eine sehr interessante Geschichte, ohne Film.
    Man muß nur mal Wikipedia durchforsten, was da für deutsche Historienfilme drinstecken, aber deutsche Filmemacher sind ignorante Deppen, und was die Märkte angeht, die Franzosen interessiert das auch nicht, die verfilmen ihre Geschichte für teuer Geld.

    • Der gute Oskar Schindler lebte Jahrzehnte lang in Frankfurt am Main, und keine Sau hat sich für seine Geschichte interessiert.

      Das ist eine hochinteressante Beobachtung ! Nichts gegen Unterhaltungsfilme. Wie gesagt: ich mag gutes Popcorn-Kino, aber bitte nicht nur mit unterirdischen Handlungen. Schindler ist sicher ein Super-Beispiel dafür, wie eine faszinierende Geschichte aus „political correctness“ und Angst vor dem KZ-Thema nicht angefasst wurde. Steven Spielberg sagte „Dankeschön“ und hat einen Erfolg draus gedrechselt. Was ich ihm nichtmal vorwerfen kann, wenn man hierzulande so blöd ist, solche Dinge liegen zu lassen. Ich persönlich kenne eine Biographie aus der Spät-Renaissance, die man heute als „europäischen“ Mantel- und Degen- Kostümfilm im großen Stil drehen könnte. Da könnte man eine „Mini-Serie“ draus machen, in internationaler Kooperation von Deutschland mit Italien und Frankreich. Aber die Story des „Rocco Guerini de Linari“, des Condottiere und Architekten wird wohl niemals angemessen erzählt werden. Und wer weiss, wieviele andere, solche Geschichten auf eine Entdeckung warten !

      Man muß nur mal Wikipedia durchforsten, was da für deutsche Historienfilme drinstecken, aber deutsche Filmemacher sind ignorante Deppen, und was die Märkte angeht, die Franzosen interessiert das auch nicht, die verfilmen ihre Geschichte für teuer Geld.

      Tja, in Frankreich wird speziell jedes Thema mit „Napoleon“ auf dem Etikett oder „Ludwig XIV.“ ausgereizt. Ludwigs Konditor, Ludwigs Komponist, Napoleons erste, zweite, dritte Geliebte, Napoleon und die Österreicher, Napoleon und England, Ludwigs Schuhmacher, Ludwigs Architekt (Vauban, ist tatsächlich verfilmt worden), Ludwigs Zahnarzt…. keine Ahnung, was die noch alles drehen wollen. Und die tun das ganz unverkrampft, ohne das permanente „darf man denn das auch ?“ im Hinterkopf. Das finde ich schon beneidenswert. Denn selbt die Amis fangen ja, wie gesagt, schon mit dem Beschneiden ihrer Themen an.
      A propos „Frankreich“: die machen auch immer die besseren Krimis oder Action-Geschichten. Die haben keine Berührungsängste mit sog. „Hollywood-Methodik“. Finde ich gut !
      Hey, deutsche Produzenten: unsere Geschichte fängt nicht mit der Nazi-Zeit an ! Wir haben viele, interessante Stoffe herumliegen, aus denen gute Autoren wirklich etwas machen könnten ! Vom Mittelalter über die Renaissance und Reformation bis zum 30-jährigen Krieg, dem „Barock“, wo es so viele skurrile Kleinfürsten gab, dass die Geschichten für Jahrzehnte reichen würden, über das 18. Jahrhundert und seine Kameral-Diplomatie von Paris bis Moskau, bis ins 19. Jahrhundert und dem Widerstand gegen Napoleon. Hört mit eurem „pfui, das riecht irgendwie, das fassen wir nicht an“ auf und besinnt euch auf gute Geschichten !

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 05/07/2013 von in Kultur und getaggt mit , .
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