Kassandrenrufe

"connecting the dots" – für mündige Bürger

Was schreiben sie denn ?

Liebe Leser, Sie haben es sicher auch schon bemerkt: der Journalismus in diesem, unserem Lande ist doch etwas degeneriert in den letzten Jahrzehnten. Wenn selbst in sog. „Qualitätsmedien“ die Präpositionen im Satzbau willkürlich gewählt werden und nicht der Satzaussage entsprechend, wenn Sätze unbeendet bleiben oder ein Fernseh-Püppchen alle drei Worte lang „ähhhhhhhhhh“ sagt, wenn mehr über Gefühle als über Fakten berichtet wird oder die blanke Abscheu das Gesicht des Kommentators verzerrt, wenn er über ihm unangenehme Sachverhalte berichten „muss“, dann rotieren ganze Generationen seriöser Nachrichtenleute in ihren Gräbern.

ZeitungDabei kann man die ganze Misere des deutschen Journalismus tatsächlich am Handwerklichen ermessen. Wo ganze Substantive mit klarer Bedeutung abgeschafft werden (finden Sie heute mal einen TV-Journalisten unter 35, der das Wort „Kleidung“ statt „Anziehsachen“ verwendet), da geht oftmals auch das klare Denken verloren. Denken wird eben auch vom Wortschatz, der Vielfalt einer Sprache, geprägt. Das oben in Klammern verwendete Beispiel steht dabei auch stellvertretend für den fatalen Trend zur „Infantilisierung“ selbst in der scheinbar seriösen Nachrichtenberichterstattung unserer selbsternannten Qualitätsmedien. Da wird dann selbst im Angesicht katastrophaler Fakten nur das übliche „Wie fühlen Sie sich jetzt ?“ aus den Interviewpartnern herausgequetscht. Als ob Flutopfer, Menschen, die Angehörige bei einem Flugzeugabsturz verloren haben oder die Zufallspassanten eines Bombenattentates etwas anderes empfinden könnten als Schock, Trauer oder Fassungslosigkeit. Mir hingegen wurde schon in der Schule beigebracht, dass ein guter Beitrag die „großen Ws“ abdecken müsse. WER hat WANN WAS gesagt oder getan ? Wenn es schon bekannt ist, darf man auch bereits das WARUM benennen. Aber bei heutigen TV-Beiträgen muss ich mir diese Kern-Fakten des Geschehens meist mühsam aus Nebensätzen einiger Beteiligter zusammenbasteln. Das strengt an.

Aber auch die „schreibende Zunft“ hat eine der essentiellen Grundregeln des seriösen Journalismus scheinbar schon vor Jahrzehnten über den Haufen geworfen: „Trenne sauber zwischen Bericht und Kommentar“. Der eigentliche Bericht muss die oben erwähnten Ws abdecken, der Kommentar soll das Geschehen dann in einen größeren Kontext einbetten und darf dann auch eine subjektive Meinung enthalten. Diese Grundregel, die oft auch als „englischer Journalismus“ bezeichnet wurde, hat hierzulande aber bereits seit Jahrzehnten keine Gültigkeit mehr. Da wird dann im Artikel selbst regelmässig polemisiert, werden Fakten weggelassen, wenn sie dem individuellen Weltbild des Autors nicht zu entsprechen scheinen oder, wenn man denn doch über „unangenehme“ Fakten berichten muss, werden sie bereits im Vorfeld kommentiert und mit relativierenden Adjektiven bestückt, so dass auch dem oberflächlichsten Leser die destruktive Intention des Journalisten klar werden muss. Dass bei soviel Beiwerk dann oftmals die Fakten in die zweite Reihe rücken, ist ein „Kollateralschaden“, den moderne Journalisten wohl gerne im Kauf nehmen. Denn dies scheint (zumindest in Deutschland) der Konsensus aller „Medienschaffenden“ zu sein: „Wir berichten nicht, wir belehren das Volk !“

Da wächst ein ungeheuerlicher, pädagogischer Hochmut heran, der die Leser, Zuschauer oder sonstigen Konsumenten von Nachrichten zu Objekten wohlmeinender Erziehung degradiert. Wenn Journalisten nicht mehr nur berichten und informieren wollen, sondern stattdessen Nachrichten „machen“ und Einfluss auf die „Großwetterlage“ im Lande nehmen, dann vermengen sie dabei Journalismus und Erziehungswesen in einer meines Erachtens nach bedenklichen Art und Weise. (Ja, auch ich vermische hier scheinbar, aber in Wahrheit schreibe ich eigentlich bisher nur Kommentare hier im Blog ! 🙂 .) Ich persönlich empfinde jedenfalls sowohl die brachialpädagogische Berichterstattung diverser Medien, die arg an Manipulation grenzt, als auch das kaum noch zu erkennende Faktengerüst vieler Beiträge in diversen Medien als unangenehm. Ebenso unangenehm, wie dies völlig unnötig wäre, wenn nicht an unseren Hochschulen und in diversen Redaktionen „Weltverbesserer“ herangezogen würden, statt schlichter Berichterstatter mit soliden, handwerklichen Fähigkeiten. Wenn man sich dann Beiträge aus dem englischsprachigen Raum durchliest oder in den entsprechenden Medien-Kanälen anschaut, dann bemerkt man von Zeit zu Zeit noch schmerzlich, dass eine solide Berichterstattung wohltuend wie ein Tässchen Tee die Seele erfreut. Aber leider wird auch in einstmals seriösen Medien wie der britschen TV-Sendeanstalt BBC immer mehr nach dem Motto „ob Kommentar, ob Bericht, scheißegal, hauptsache, wir füllen die Sendezeit“ vorgegangen. Der „downfall“ des echten Journalismus, der sich u. a. darin zeigt, dass man zu einem umstrittenen Thema immer nur diejenigen „Experten“ befragt, die auch die eigene Meinung teilen, hat eben auch die USA, Großbritannien, Australien etc. erreicht.

Sprachliche Infantilisierung, pädagogischer Zeigefinger mit ignoranter Oberlehrerhaltung und die Unfähigkeit, nüchtern und ruhig über Fakten bestimmter Ereignisse zu berichten, ziehen sich durch unseren Journalismus. Kein Wunder, dass ich alte Sachbücher über Geschichte oder Ähnliches dem heutigen Geschreibsel und Gestammel unserer Medienfuzzis vorziehe.

In diesem Sinne: informieren wir „mündigen Bürger“ uns mit einem gesunden Maß an Skepsis und bewahren wir uns so die geistige Unabhängigkeit.

Ihre

Kassandra Pugatshowa

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 24/06/2013 von in Zustand der Nation und getaggt mit , .
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