Kassandrenrufe

"connecting the dots" – für mündige Bürger

Wo fahren sie denn ?

Ihnen, liebe Leser, kann ich es ja gestehen: ich mag Motorsport. Eigentlich. Ich hielt den Motorsport immer für eine extrem einfache und ehrliche Angelegenheit: Wer zuerst durchs Ziel kommt, hat gewonnen. Oder ?

SportscarsNun, auch am vergangenen Wochenende wieder lief das berühmte 24-Stunden-Rennen im französischen Le Mans auf dem dafür prädestinierten Kanal im TV und ich liess dieses Spektakel im Hintergrund laufen, während ich meine alltäglichen Dinge im Haushalt verrichtete. Ganz beiläufig waren da von den Kommentatoren auch wieder Dinge zu hören, die auf den ersten Blick vielleicht nicht so spektakulär klangen, die aber „im zweiten Nachdenken“ stutzig machen. Aber dazu muss ich wohl ein klein wenig ausholen:

Eigentlich fahren ja alle nach dem selben Reglement, nicht wahr ? Und genau das hat mich am Motorsport immer so begeistert. Wer mit dem besten Auto/Fahrer/Reifen-Paket antritt, wird wohl auch eine Siegchance haben. Sollte man meinen. Aber es geht eben auch anders. Im Zuge einer gefühlten „Gerechtigkeit“ hat ein Trend in viele von der FIA (und auch anderen Veranstaltern) zu verantwortenden Rennserien Einzug gehalten, der mich persönlich eher nachdenklich stimmt: die „Ausgleichs“-Reglements. In verschiedenen Serien wird es unterschiedlich benannt. In der durch die Live-Übertragungen bei Kabel 1  recht populär gewordenen „ADAC-GT-Masters“ heisst das entsprechende Regelwerk  z. Bsp. „balance of performance“. Bei der FIA-WTCC, der Tourenwagen-WM, heisst es anders. Aber wie dem auch sei: im Kern wird durch diese und ähnliche Regelungen Leistung bestraft. Schlicht und einfach.

Nun gibt es natürlich starke Argumente dafür, solche „b.o.p.“ oder ähnliche Dinge einzuführen. Die Veranstalter und die Motorsport-Verbände wollen spannende, ausgeglichene Rennen mit vielen, verschiedenen Siegern sehen. Man will unbedingt seinen Zuschauern abwechslungsreichen Sport mit vielen Überholmanövern anbieten und damit die eigene Rennserie für Sponsoren, livestreams und TV-Sender aufwerten. Das ist alles legitim, aber die Mittel und Wege, dies sozusagen „erzwingen“ zu wollen, erscheinen mir fragwürdig. Wenn ein Rennsieger, der viele Punkte gesammelt hat, durch „Zusatzgewichte“ im nächsten Rennen ausgebremst wird, kratzt der Motorsport an einem Fundament der Marktwirtschaft und der persönlichen Entfaltung: nämlich am Prinzip der Belohnung für Leistung. Schon als Kind lernte ich von meinen Eltern: wenn ich gute Noten nach Hause brachte, dann gab es (manchmal, wir waren arm, ja lachen Sie ruhig, aber das gab und gibt es immer noch) eine kleine Anerkennung durch meine Eltern. Ganz einfach.

Wenn die Motorleistung eines starken Gefährts zurückgefahren werden muss, wenn man „zu schnell“ geworden ist, dann stellt sich meines Erachtens nach jedoch die Grundfrage nach dem Sinn und Zweck des Motorsports schlechthin. Warum noch gewinnen wollen, wenn man dafür demnächst mit weniger Motorleistung oder zusätzlichem Gewicht im Wagen bestraft wird ? Ich gestehe, auch ich möchte keine Rennserien angucken, wo immer dieselben Leute gewinnen, einfach, weil im Vorfeld nur ein einziger Rennstall seine Hausaufgaben richtig gemacht hat. Dennoch muss man auch lernen, Überlegenheit anzuerkennen und sich an ihr zu messen, wenn man im Wettbewerb antritt.

Auch die „antideutsche“ Note, die manchmal bei verschiedenen Rennserien und den Le-Mans-Veranstaltungen durchscheint, macht mich immer sehr skeptisch. Ja, die Firma AUDI aus Ingolstadt dominiert seit Jahr und Tag die 24-h-Veranstaltung in Frankreich. In den letzten zehn Jahren gelang es nur selten einem anderen Autohersteller, Prototypen herzustellen, die den Rennern aus Ingolstadt Paroli bieten oder sie sogar schlagen konnten. (Es gelingt aber immer wieder, was auch zur Spannung der Veranstaltung beiträgt !) Aber deshalb die Autos mit den vier Ringen durch kleine Manipulationen am Regelwerk auszubremsen, wie es der veranstaltende ACO (Auto Club de l`Ouest) auch in diesem Jahr wieder getan hat, erscheint mir gar zu dreist. Wenn man u. a. (da ist noch mehr, aber die Details würden hier nur langweilen) die Tankgröße der AUDIs so begrenzt, dass die deutschen Fabrikate 2-3 Runden weniger fahren können, als die direkte Konkurrenz und somit öfter zum Tanken hereinkommen müssen, sehe ich den Sinn dieser Veranstaltung konterkariert und den Wettbewerb dann doch irgendwie verzerrt. Oder wenn bei EIN UND DEMSELBEN Formel-1-Rennen dieselbe Situation ganz unterschiedlich kommentiert wird, weil ein Deutscher „nicht nach der Pfeife“ seiner Brötchengeber tanzen wollte. Ich erinnere deshalb nachdrücklich an den Malaysia-Grand-Prix 2013 in Sepang, wo in den Teams von Mercedes und Red Bull sich folgende Situation ergab: der jeweils schnellere Fahrer des Rennstalls lag hinter seinem Kollegen. Beides waren deutscher Fahrer (Nico Rosberg, Sebastian Vettel), beide bekamen von ihren englischen Teamchefs den Befehl, hinter ihren Kollegen herzuschleichen. Einer von ihnen hielt sich brav daran (Rosberg) und bekam dafür nicht mal ein „dankeschön“ oder ein anerkennendes Schulterklopfen. Der andere hielt sich NICHT daran (Vettel), überholte und erntete, wie sich alle Motorsport-Fans erinnern werden, dafür einen (neudeutsch sogenannten) „shitstorm“. Braver Deutscher, böser Deutscher. Eine Bankrotterklärung des Konkurrenzgedankens auch in der sog. „Königsklasse“, wie ich finde.

Aber zurück zur „Gerechtigkeit“ im Motorsport: Es ist ja nicht so, dass diese ominösen „Ausgleichsregeln“ wirklich „alternativlos“ wären, um mal mit der Kanzlerin zu sprechen. In den USA z. Bsp. wäre es bei deren populärsten Rennserien undenkbar, Erfolg zu bestrafen. Autos einzubremsen, Luft-Einlässe nur von bestimmten Fabrikaten zu begrenzen und Zusatzgewichte für Siege zu verteilen, käme Amerikanern nie in den Sinn. Es widerspräche ihrem Empfinden von Gerechtigkeit. Und dabei kann niemand sagen, dass Rennserien wie die NASCAR oder die Indycars tatsächlich langweilig oder für Zuschauer wenig attraktiv wären. Die TV-Einschaltquoten und die gut besuchten Rennwochenenden sprechen ja schließlich für sich. Auch die Formel – 1, des Europäers liebste Autorennserie, belohnt eben Leistung, belohnt es, wenn die Ingenieure ihre Fahrzeuge besser an das jeweils gültige Rahmen-Reglement anpassen können, als die Konkurrenz. Und das gelingt, obwohl die US-Serien und die Formel – 1 jeweils völlig unterschiedliche Wege (Stichwort „hightech/lowtech“) gehen, was den technischen und entwicklungstechnischen Aufwand angeht.

Langer Vorrede, kurzer Sinn: ich lehne solche „Ausgleichsregeln“ ab, die oftmals gar zu willkürlich verwendet werden. NASCAR oder Formel – 1 zeigen, dass es auch sehr wohl ohne solche Kinkerlitzchen sehr spannenden, attraktiven Motorsport geben kann. Man muss nur ein sehr präzises, allgemeingültiges Rahmen-Reglement ausarbeiten, das dann bitteschön auch von allen Teilnehmern eingehalten werden muss. Dafür Sorge zu tragen, ist dann jedoch die Verantwortung des veranstaltenden Verbände. Und genau davor scheut man wohl zurück. „Bloss keine Kontrolle, stattdessen modifizieren wir lieber die Serie durch ein Zusatzreglement“. So geht es aber nicht, sonst können wir den Motorsport gleich ganz abschaffen.

In diesem Sinne also wieder, liebe Leser: fahren Sie bitte vorsichtig auf deutschen Straßen. Wenn Sie Freude am Rennsport haben, dann empfehle ich, nur solche Serien zu unterstützen, wo Konkurrenzfähigkeit nicht künstlich erzwungen wird, sondern zur Grundvoraussetzung der Teilnahme eines Rennstalls gehört !

eine schöne Woche noch, Ihre

Kassandra Pugatshowa

P.S.: R.I.P. , Allan Simonsen !

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 23/06/2013 von in Sport und Gesellschaft und getaggt mit , .
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