Kassandrenrufe

"connecting the dots" – für mündige Bürger

Wer ist hier eigentlich in Erklärungsnot ?

Liebe Leser, ich weiss nicht, wie Sie das sehen, aber seit einigen Jahren sehe ich mich immer öfter in der Öffentlichkeit dazu genötigt, zu Dingen und Überzeugungen Stellung zu beziehen. Vor allem zu Sachverhalten und inneren Einstellungen, die sehr persönlich und privat sind und die ich eigentlich sehr ungern in einem Kreis von Menschen anspreche, die mir unbekannt sind. Muss man eigentlich immer alles kommentieren MÜSSEN ?

blablaDiese Frage ist natürlich etwas überraschend, wenn man bedenkt, dass jeder Artikel, den ich auf diesem Blog bislang eingestellt habe, ein Kommentar zu irgendetwas ist. Das Internet als Austauschplattform von Ansichten und Meinungen ist ja so hübsch anonym, da traut sich mancher so Einiges und sogar ich überwinde von Zeit zu Zeit meine anerzogene Zurückhaltung und öffne mich Ihnen, liebe Leser, auf einer sehr privaten Ebene, von der ich hoffe, dass Sie sie auch zu schätzen wissen.
Aber es besteht schon ein Unterschied zwischen dem Austausch von Ansichten im Netz, wo man beleidigende, unsachliche, faktisch unbelegte und hetzerische Kommentare durch technische Filter eben „abstellen“ bzw. löschen kann und dem Diskurs am, sagen wir mal, Arbeitsplatz, der Bushaltestelle, im Sportverein oder der Kneipe bzw. dem Café nebenan. Dort können unliebsame Aussagen sehr wohl niedergebrüllt, mit Faustschlägen kommentiert oder einer immer mehr zensurfördernden Justiz zur Anzeige gebracht werden, die alles, was nach „Unfrieden stiftenden“ oder „gegen die Toleranz gerichteten“ Ansichten „riecht“ mittlerweile auch bereits dementsprechend abstraft.

Dabei stört mich persönlich in unserer „bla-bla“-Mediengesellschaft vor allem dieser scheinbare Zwang zur Selbstentblößung, der in den letzten Jahren Schule gemacht hat. Wer da nicht mitmachen will und seine Ansichten lieber für sich behält, gilt schon bald, vorsichtig ausgedrückt, als etwas sonderbar. Dabei gab es früher mal ein schönes Sprichwort, dass da hieß: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“ Aber das haben wir Deutschen irgendwann über den Haufen geworfen zu Gunsten von „Reden ist alles.“ Wir reden leichtfertig über die heiligsten und unheiligsten Dinge, ohne dabei auch nur den Hauch von Ahnung von ihnen haben zu müssen. Der Trend zur „Vereinfachung“ und zum Veroberflächlichen diverser Diskussionen ist dafür verantwortlich zu machen. Dabei ist vor allem auch die Moralisierung und das simplifizierende „Schwarz-Weiss-Denken“ derzeit so sehr in Mode, dass man als echter Nonkonformist schon mal das Schild des „Ketzers“ umgehängt bekommt, wenn man nicht mit den Wölfen aus Medien, Politik und Kirchen heulen will.

Die einfachsten Beispiele für Themen, bei denen man sich ganz schnell „den Mund verbrennen“ kann, wenn man wirklich etwas von ihnen versteht, sind:

  • die „Energiewende“ in Deutschland und der Klimawandel,
  • die Migrations- und Integrationspolitik in Deutschland während der letzten Jahrzehnte und
  • die europäische Union und ihre verstärkte „Integration“ über den Euro.

Es gilt natürlich zu fragen, wer schon wirklich etwas von diesen Themen versteht. Sie sind vielschichtig, komplex und z. T. miteinander verwoben. Dennoch hilft es nicht, wenn man sie allzusehr „verkompliziert“ und damit letztlich dem öffentlichen Diskurs zu entziehen versucht. Kurz gesagt: weder ein emotionsgeladenes und -gesteuertes „Gut-Böse“-Schema noch eine Diskussion im Elfenbeinturm hinter verschlossenen Türen nützen bei den o. g. und ähnlichen Themen dem betroffenen Bürger irgendetwas. Das Erstere hilft nur, moralinverseuchte Gesinnungsdiktaturen zu produzieren und das Zweitere führt dazu, dass die 40 % + aller Bürger, die jetzt schon keine Lust mehr darauf haben, ihr Wahlrecht in Anspruch zu nehmen, mächtigen Zulauf bekommen. Dies aber untergräbt die Legitimität der repräsentativen Demokratie als solcher und schwächt den Rechtsstaat. Es hinterlässt in vielerlei Hinsicht Lücken, in die dann andere Dinge hineinstoßen können.

Dinge wie Demagogie, „Herzenschristentum“ (Stichwort: Margot Kässmann, ich hoffe das reicht als Erklärung) und religöser Fanatismus jihadistischer Prägung z. Bsp. Wenn wir keine Antworten mehr auf die in evidenter Form auf uns eindringenden, gesellschaftlichen Fragen bekommen, dann „basteln“ wir uns eben ein Weltbild zusammen, das „irgendwie“ mit den Phänomenen, die wir zu beobachten glauben, zusammenzupassen scheint. Wir bauen uns eine „Strick-Liesel“-Gesinnung zurecht: zwei rechts, zwei links und immer schön ausgewogen. Das ist vielleicht auch im Zeitalter „nach den Ideologien“ verständlich, wo Nationalismus, Faschismus, Sozialismus, Kommunismus u. ä. Zeug abgewirtschaftet zu haben scheinen.

Dennoch gibt es auch heute so etwas wie einen grauen, nebligen, Individualität und Eigenständigkeit erstickenden „Mainstream“, der von Medien, Politikern, Kirchen und Bildungseinrichtungen ausgestoßen und mit Zähnen und Klauen gegen (oftmals berechtigte) Kritik verteidigt wird. Um auf die von mir bereits genannten Themen zurückzukommen: Behaupten Sie beispielsweise mal vor einer zwanglos zusammengestellten Gruppe von Bibliothekaren, Hausmännern/-frauen oder Kindergärtnerinnen, dass in den letzten 15 Jahren das Weltklima sich nicht weiter erwärmt hat (Fakt ! Alle „nichtgesinnungstreuen“ Klimaforscher haben die Zahlen). Oder teilen Sie ihren Freunden bei einem geselligen Abendessen mal mit, dass ein Forscher am Südpol gerade Beweise dafür gefunden hat, dass sich das Ozonloch zu schließen beginnt (auch das ist ein Faktum). Was Sie danach erleben werden, gleicht einer Teufelsaustreibung oder einem Inquisitionstribunal. „Woher hast du denn das ?“ „Das sagen doch nur die Klimaleugner !“ (bis vor wenigen Wochen wusste ich nichtmal, dass es so einen Begriff überhaupt gibt) oder „Deine Quellen sind ja nicht zuverlässig.“ „Du bist ein Faschist.“

Gleiches passierte mir übrigens unlängst, als ich in Christenkreisen auf die verfehlte Außenpolitik der Regierung Obama aufmerksam machte und deren katastrophale Auswirkung auf die Christen in Nordafrika und Nahost. Da nannte mich selbst ein sehr konservativer, permanent die Bibel zitierender Christ, der sonst immer auf Nordkorea schimpft, einen „Rassisten“. Tja, „wen Gott verflucht hat, den macht er blind“, wie meine selige Oma noch zu sagen pflegte. Ich neige heute immer mehr dazu, ihr Recht zu geben.
Worauf ich hier aber ursprünglich hinauswollte ist, dass man eben permanent auf seine „Gesinnung“ abgeklopft wird. Ständig möchte irgendein harmoniesüchtiger Zeitgenosse seine mainstreamigen Ansichten von Ihnen und mir bestätigt bekommen. In Umfragen, auf Formularen, in Wahlkabinen etc. Schon allein deshalb neige ich gegenüber der angeblichen „Mehrheitsmeinung“ immer zu einem gesunden Schuss Skepsis. Wer wirklich davon überzeugt ist, im Recht zu sein, braucht eben keine permanente Bestätigung, keine Claqueure und Bücklinge, die ihn bewundern und bestätigen. Nur diejenigen, die im tiefsten Inneren an ihrem Weg zweifeln, müssen diese Zweifel permanent mit Zustimmung ersticken.

Mittlerweile bin ich für mich selbst bei der Formel angekommen: ich äußere mich spontan zu gar keinem Thema mehr, auch wenn es mir noch so sehr auf den Nägeln brennt. Auf eine direkte Anfrage versuche ich zunächst ausweichende Antworten zu geben oder Gegenfragen zu stellen, um etwas Zeit zu gewinnen. Wenn dann so überhaupt verlangt wird, „Farbe zu bekennen“, rücke ich zumeist widerwillig mit meinen Standpunkten raus, aber nur sehr langsam und sozusagen „in Bröckchen“, damit die kleinen, bestätigungsgierigen Babies, mit denen man es dann im Diskurs zu tun bekommt, nicht allzu laut schreien, wenn man sie „hungrig“ zurücklässt. Auch der Apostel Paulus hat in der Bibel mal etwas Lustiges dazu geschrieben. Es ging glaube ich darum, dass man Wahrheit in kleinen Portionen vermitteln soll, damit geistlich unmündige Gemüter sie auch schlucken können. Zumindest hoffe ich, dass ich meinen Katecheten aus „seligen Jugendtagen“ da richtig verstanden habe.

Oftmals entwickeln sich auch Gespräche über wirklich wichtige Fragen aber auch zu sehr kurzen, sozusagen „SMS-kompatiblen“ Frage-und-Antwort-Runden, so dass man sich dem recht zügig wieder entziehen kann. Jedoch nicht, ohne dass das eklige Gefühl zurückbleibt, einer „Blitz-Inquisition“ beigewohnt zu haben, die selbst die Politkommissare der zu Recht verstorbenen Sowjetunion noch vor Neid erblassen liessen, ob ihrer Effektivität. Dabei frage ich mich so manches Mal, warum sich eigentlich die Politkommissare unserer Tage, die EKD-Synodalen, Klassenlehrer unserer Kinder, Links-Journalisten (es gibt ja kaum noch andere), Migrations- und Klimaforscher, Politiker, „Toleranz“-Manager und Gleichheits-Ideologen nicht diversen Fragen stellen müssen.

Warum stellt man Frau Merkel nicht mal in einer offenen Diskussionsrunde, in der etwas mehr Zeit ist, die Frage, was an Thilo Sarrazins Buch denn damals tatsächlich „nicht hilfreich“ gewesen sei. „Hilfreich“ wobei denn übrigens ? Warum muss sich eine Grüne Partei nicht die Frage gefallen lassen, warum sie in ihren „Jugendtagen“ noch pädophilen Ideen anhing, aber gleichzeitig bis heute die katholische Kirche für ihre ähnlich gelagerten Skandale anprangert ? Warum muss sich eine islamophile Politikerin wie Claudia Roth nicht fragen lassen, warum sie bis heute lieber die Türkei samt dem Mittelalter-Chefideologen Erdogan in der EU sehen möchte, statt der säkularen Bevölkerung Kleinasiens Zeichen der Ermutigung zu geben. Warum befürworten deutsche Politiker den islamischen Religionsunterricht an unseren staatlichen Schulen, während sie doch sonst lautstark nach der „weltanschaulichen Neutralität“ öffentlicher Einrichtungen rufen, wenn es um Kruzifixe in Klassenzimmern oder Gerichtssälen geht ? Warum ist an der jüngsten Elb-Flut-Katastrophe ganz sicher der „menschengemachte Klimawandel“ Schuld, aber nicht der grüne Kommunalpolitiker in Sachsen-Anhalt, der die Dämm- und Wasser-Kontroll-Baumaßnahmen in seinem Landkreis mit Zähnen und Klauen zu Gunsten des „roten-Ringelreihers“ oder der „glitschigen Sumpfkröte“ abwehrt ? Warum bezahlt der deutsche Steuerzahler für Infrastrukturfonds der EU in Süditalien, wo die Euros schon seit Jahrzehnten in dunklen Kanälen versacken, während sich die EU geradezu arrogant weigert, Hilfsmittel zu Gunsten deutscher Hochwasser-Opfer bereitzustellen ? Warum sollte es sinnvoller sein, unbegrenzt für die Schulden Griechenlands, Italiens oder Spaniens aufkommen zu müssen, als sinnvolle, weil langfristig effektive Infrastrukturmaßnahmen in Deutschland zu finanzieren ? Warum wollen westliche Staaten die Rebellen in Syrien unterstützten (wo es überhaupt keine relevanten Bodenschätze gibt, nebenbei bemerkt), die nach den Erfahrungen in Ägypten und Irak wohl einen Allahs-Staat errichten werden, während  dieselben Staaten nichts dabei finden, wenn von Linksradikalen öffentlich zum Abfackeln von Kirchen aufgerufen wird ? Es gäbe tatsächlich viele Fragen zu stellen, die unsere „alternativlosen“ gleichgerichteten Politiker in echte Erklärungsnot bringen könnten. Aber wer will das schon, der liebe „Frieden im Lande“ könnte ja vielleicht dadurch gefährdet werden. Setzen wir also die Zipfelmütze auf und gehen wieder zu Bett, wie der „Biedermaier“-Poet auf dem Gemälde.

In diesem Sinne, liebe Leser, lassen wir uns nicht dazu zwingen, zu allem unseren Senf dazugeben zu „müssen“. Wir sind erwachsene und mündige Bürger und wissen selbst, wann es Zeit ist zu reden und wann es Zeit ist, zu schweigen. Im Gegensatz zu unseren Zeitgeist-Priestern, die permanent am schwatzen sind.

Ihre

Kassandra Pugatshowa

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 15/06/2013 von in Zeitgeist und getaggt mit , .
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