Kassandrenrufe

"connecting the dots" – für mündige Bürger

Was verteidigen wir noch ?

Vor nicht allzu langer Zeit erzählte mir ein italienischer Freund mit breitem Lächeln, während wir mal wieder ein Fussball-Länderspiel sahen, dass er uns Deutsche nicht mehr verstehen könne. Ja, die „Alten“, die Generation Matthäus, Brehme und Co. , die heute als „Rumpelfussballer“ abgetan würden, die hätte er respektiert.

Stielicke, "el tanque"

Stielicke, „el tanque“

Nicht umsonst hätte ein Fussballprofi wie der notorisch „hölzerne“ Uli Stielicke in Spanien den Namen „el tanque“, „der Panzer“ gehabt. Was mich wirklich hellhörig werden ließ war aber die Aussage meines Freundes, dass wir Deutschen „nichts mehr verteidigen würden“ und deshalb unsere Fussballer auch seit 1990 kein Turnier mehr gewonnen hätten. Über die Plausibilität dieser Analogie möchte ich gar nicht erst lange philosophieren. Ob man an der Art und Weise, wie eine Fussball-Mannschaft sich präsentiert, tatsächlich auf den Zustand einer Nation schließen kann, darüber ließe sich nämlich ganz trefflich streiten. Wie sähe es da wohl in Italien aus ? Oder warum ist Spanien dann nicht die Zugmaschine des europäischen Fortschritts ?

Dennoch blieb bei mir etwas haften. Ein Nerv war getroffen worden und ein paar Tage später hatte ich etwas Zeit, diesem Gedanken ein wenig nachzuhängen. Spontan wollte ich meinen Freund anrufen und ihm sagen, dass er sich gehörig irren würde. Wir Deutschen verteidigen alles mögliche. Winzige, rattengesichtige Fledermäuse in Dresden, altersschwache Bahnhöfe in Stuttgart und senile Literaturnobelpreisträger mit SS-Vergangenheit. Es gibt ganze Zweige der Wissenschaft und Medienbranche, die sich scheinbar mit nichts Anderem als der Verteidigung von irgendwelchen Zeitgeist-Phänomenen befassen. Das geht bis tief in die Politik hinein, wo uns selbst die schlimmsten Verstöße gegen geltende EU-Verträge, gute Sitten und den gesunden Menschenverstand noch als „alternativlos“ verkauft, de facto also gegen Kritik abgeschottet und verteidigt werden. Selbstzufrieden lehnte ich mich auf meinem Stuhl zurecht und wollte schon zum Hörer greifen, als sich erste Zweifel zu melden begannen.

Je mehr ich vor allem an die ESM-Rettungsschirme und andere Ausverkaufs-Leistungen unserer in diesem Punkte völlig deckungsgleich agierenden, deutschen „Volksparteien“ dachte, desto mehr kleine Fältchen zeigten sich auf meiner Stirn (sorry, kein Botox, niemals). Nach dem ein oder anderen Gläschen Wein kam ich dann zu folgender Faustregel, die mir irgendwie eine Erklärung zu liefern scheint: Wir Deutschen verteidigen tatsächlich nichts mehr, was etwas bedeutet. Nichts, das auch nur annähernd wichtig ist und in größeren Zusammenhängen gesehen werden kann. Nichts, dass auch nur annähernd „politisch unkorrekt“ und gegen den vorherrschenden Zeitgeist gerichtet sein könnte. Nichts, dass auch nur im Entferntesten etwas mit den Traditionen und willkommenen Identitätsmerkmalen Deutschlands zu tun hätte.

Wir lassen uns stattdessen von Anne Will, Margot Kässmann, Guido Knopp oder (am schlimmsten) Heidi Klum sagen, was wir zu anzuziehen, zu denken, zu glauben und eben auch auf den „Müllhaufen der Geschichte zu werfen“ bzw. auch umgekehrt, was wir zu verteidigen haben. Wer angesichts des erdrückend über dem Land liegenden Psycho-Nebels, den die „Eliten“ von Angela Merkel bis Heribert Prantl (Süddeutsche Zeitung) ausstoßen, es wagt, ein paar eigenständige Gedanken zu haben (ist gerade noch erlaubt), oder sie dann auch noch auszusprechen (verpönt, könnte Freundschaften und „Netzwerke“ kosten) und zu publizieren (geht gar nicht, ist „nicht hilfreich“, wie wir wissen), dem ist der Ruch des „Pariahs“ praktisch sicher. Dem wird mit Mühe und Not noch erlaubt, zu atmen, aber seinen Job, seine Reputation (so gut sie auch gewesen sein mag) und seine Zukunft und Karriere sind dahin. Das Ehepaar Sarrazin kann beispielsweise ein Lied davon singen. Oder der Herr Oettinger (allerdings wurde der nach „Euroland“ weggelobt, wo es wenigstens noch ordentlich Euros abzugreifen gibt). Es ist kein schönes Lied.

Dabei ist es gänzlich unerheblich, ob das, was man da so von sich gibt, einen Sinn macht, ob es gut recherchiert, sinnvoll geordnet und inhaltlich nachprüfbar korrekt ist. Solange sich der Zeitgeist nicht mit den Gedanken anfreunden kann, die solch ein echter „Non-Konformist“ äußert, wird man an den Pranger gestellt, bis man schließlich mit hängenden Schultern davonschleicht und nie wieder gesehen oder gehört wird. Angesichts dieser erstickenden Atmosphäre im Lande kommen dann schon mal richtig merkwürdige Dinge dabei heraus, wie etwa, dass selbst die türkische Bevölkerung dem Pascha Erdogan deutlich sichtbar die Freundschaft aufkündigt, aber unsere politischen „Eliten“ dem Mann die Türen öffnen, wo immer sie können und es noch mit einem braven Diener aufrichtiger Unterwürfigkeit tun. Oder etwa, wenn die iranische Jugend 2009 noch ganz offen, seitdem eher stillschweigend, den Mullahs die Gefolgschaft verweigert, aber ausgerechnet die Grüne Spitzenschnepfe Claudia Roth sich nicht entblödet, bei jeder unpassenden Gelegenheit ihre Sympathien für die schiitische Steinzeit-Diktatur erkennen zu lassen, die auch noch nach der Atombombe strebt, um den „bösen Juden“ in Israel den Gar aus zu machen. Aber, der deutsche Zeitgeist will es scheinbar so… Denn sonst würde man ja vielleicht…

  • … das Existenzrecht Israels,
  • …das Existenzrecht Deutschlands,
  • …das Konzept universeller, auch in islamischen Ländern anwendbarer, Menschenrechte,
  • …ein eher traditionelleres Familienbild (siehe Beispiel Frankreich !),
  • …die Trennung von Staat und Religion (keinerlei Reli-Unterricht in unseren Schulen !),
  • …das christliche Menschenbild, dessen Besonderheit sich in der Gott-Ebenbildlichkeit des Geschöpfes zeigt und das Konsequenzen für Fragen wie Abtreibung, Ehe etc. hätte,
  • …die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz (keine Migrantenboni oder Tränen-Drückerei mehr bei Gericht, sondern stattdessen eine konsequente Anwendung des Rechts bei gleichzeitiger Chance auf Resozialisierung),
  • …das Recht auf freie Meinungsäußerung (gegen Denk- und Redeverbote, die bis in unsere Rechtsprechung hineinreichen),
  • …das Recht Leipziger Hochschullehrer, auch in Zukunft als „Herr Professor“ tituliert zu werden,
  • …den Wunsch nach einer vielfältigen, nicht mehr zeitgeistig gleichgeschalteten Medienlandschaft, in der immer die gleichen Leute den gleichen Käse als „frische Ideen“ verkaufen,
  • oder ähnliche Dinge

verteidigen. Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, wer noch mehr Ideen hat, was hierzulande derzeit nicht mehr verteidigt, sondern auf den „Müllhaufen der Geschichte“ geworfen wird, der mag mir das im Kommentarbereich mitteilen, wenn SIE/ER das möchte. 🙂

Insofern mag ich dem italienischen Fussballfreund, ganz unabhängig davon, wie es bei ihm in der alten Heimat aussieht, gar nicht mehr so entschlossen widersprechen. Wenn Deutschland mal wieder ein paar dämliche Gegentore von Balotelli, David Villa, Zlatan Ibrahimovic oder Lionel Messi kassiert, dann ist wohl auch die Taktik des braven Schwaben „Jogi“ Löw hinterfragbar geworden. Der seit Jürgen Klinsmann praktizierte „Hurrah-Fussball“, der dazu geführt hat, dass wir nicht mal mehr die USA schlagen können, wozu früher tatsächlich eine B-Auswahl gereicht hätte, vernachlässigt das Verteidigen wohl tatsächlich ein wenig. Angriff ist eben nicht immer die beste Verteidigung, auch wenn uns die Politiker dies glauben machen wollen, wenn sie jegliche Kritik an ihrem Kurs und ihrem Handeln mit Attacken auf andere Parteien oder die „bösen Populisten“ (wahlweise von rechts, links, intellektuell, professoral, medial etc.) „auszukontern“ versuchen. Reflexartig und mit dem Brustton der echten Überzeugung, die sie jedoch wahrscheinlich schon längst an einen Konzern (Gasprom, RWE oder so) verkauft haben.

Nein, wenn man genauer hinsieht, scheint es vielmehr so, dass wir nur noch verteidigen, was alle für „gut und richtig“ halten. Alles, wo das Gütesiegel von Süddeutscher Zeitung, EKD, Grünen, linkem Flügel der SPD, Greenpeace, allerhöchstens noch von „Amnesty international“ draufklebt. Da sind dann Politik, Medien, Kirchen, NGOs etc. wunderbar vereint, da dürfen wir dann auch mal so tun, als ob wir noch Rückgrat hätten. Wie einst „el tanque“, der deutsche Panzer bei Real Madrid.

In diesem Sinne, liebe Leser, greifen Sie an. Ihren Abgeordneten, ihren Bischof, ihren Lieblingskünstler, ihren Dorfökologen etc. Aber lesen Sie vorher die Zeitung, damit Sie nicht als Pariah enden, weil sie „den falschen Baum angebellt“ haben. (Sagt man das in Deutschland überhaupt so ? Ich hab dieses Bild aus den USA…). Aber bitte, bitte, verteidigen Sie einfach mal gar nichts. Außer dem permanenten Wandel.

Ihre

Kassandra Pugatshowa

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 10/06/2013 von in Zeitgeist.
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