Kassandrenrufe

"connecting the dots" – für mündige Bürger

Wie das „bei uns so ist“…

Vor einigen Jahren hatte ich eine türkische Arbeitskollegin. Eine ausgesprochen sympathische, bildschöne, intelligente und zielstrebige, junge Frau mit gutem Bildungsgrad und perfekten Deutschkenntnissen. Sie war mit einem recht netten, „liberalen“ türkischen Mann verheiratet, der sie ganz offensichtlich gut behandelte, nicht täglich durchprügelte, ihr kein Kopftuch überstülpte und sie in der Wohnung gefangen hielt oder ähnliche Mätzchen, die zwar auch hierzulande weit verbreitet sind, aber ungern publik gemacht werden.

Im täglichen Gespräch ergab es sich, dass die Kollegin und ich gemeinsame Interessen entdeckten und uns nicht unsympathisch waren. Das führte schließlich dazu, dass ein Freund und ich ihr den geschäftlichen Vorschlag unterbreiteten, in unsere in Gründung befindliche Firma einzusteigen. Sie hätte aus vielen Gründen gut in unsere Truppe gepasst und wir hätten sie auch auf der menschlichen Ebene gerne als „gute Seele“ mit dabei gehabt. Sofort bemerkten wir aber ihre Zurückhaltung. Sie begann, nachdem wir ihr mit offenen Karten unser Angebot auf den Tisch gelegt hatten, zu Boden zu sehen, sich zu winden und sagte schließlich den bezeichnenden Satz: „Das würde mein Mann nicht gutheissen, IHR WISST NICHT WIE DAS BEI UNS SO IST.“

Ja, wir wussten es tatsächlich nicht, oder waren uns nicht so ganz sicher, wie das bei „ihnen“ so ist. Rücksichtnahme auf den Partner, wenn man wichtige Entscheidungen trifft, ist sicher das Normalste der Welt. Wer in einer verbindlichen, festen Beziehung (ich als Mensch einer vergangenen Generation sage noch meistens „Ehe“ oder so, aber das will ich „modernen“ Lesern gar nicht mehr „zumuten“) lebt, der kennt das: man muss über seine eigenen Wünsche und Ziele hinausdenken und für mehr als nur eine Person handeln lernen. Das ist klar und weder ich noch mein damaliger Geschäftspartner wären ihr böse gewesen, wenn sie uns aus familiären oder sonstigen, persönlichen Gründen abgesagt hätte. Aber so war es nicht. Sie postulierte ein „Ihr“ und ein „Wir“, das sich fundamental voneinander unterscheidet, was dazu führt, dass sie niemals in so etwas wie unser Geschäft einsteigen könne, selbst wenn sie es wollte. Natürlich fragte ich nach und bekam weiter einsilbige, kurz angebundene Antworten, die in etwa so lauteten: „Das geht einfach nicht.“

Hier war ich also in einer unvorhergesehenen Art und Weise wieder mit der kulturellen Kluft konfrontiert, die viele meiner Mitmenschen ja so gerne ignorieren, schönreden oder wegschreiben wollen. Zumal sich wenige Tage später im Gespräch herausstellte, dass meine Kollegin (ich überlege, ob ich ihr einen Alias-Namen geben soll, damit sich dieser Artikel leichter schreibt….), die auf Anfrage immer im Brustton der Überzeugung mitteilte, sie sei „eine Berlinerin mit türkischen Wurzeln und deutschen Ästen“, zwar alles über türkische Innenpolitik, die Bürgermeisterwahlen in Istanbul etc. wusste, aber schon beim Namen des Berliner Bürgermeisters ins verkrampfte Grübeln geriet. Das werfe ich ihr nicht einmal vor, denn wer sich seine Infos ausschließlich aus türkischen oder türkisch-sprachigen Medien holt, der bekommt eben auch nur die entsprechenden Informationen. „Wie das bei uns so ist.“

Wenige Wochen nach diesem Gespräch gab es in meiner Stadt ein Länderspiel der deutschen Fussball-Nationalmannschaft (ja, ich schreibe das „N“-Wort noch und verstecke mich nicht in Formulierungen wie „DFB-Auswahl“ oder „Jogis Jungs“). Bei diesem und um dieses herum ereigneten sich derartig eklige Dinge, die mich noch heute dermaßen anwidern, dass ich sie Ihnen, liebe Leser, fast nicht beschreiben möchte. Denn der Gegner in einem dieser unzähligen Qualifikationsspiele für irgendeine WM, EM oder so war die Türkei. An sich nichts Schlimmes, ganz im Gegenteil. Es versprach, ein spannendes Spiel zweier guter Mannschaften zu werden, aber schon als die „causa Özil“ in die Medien gelangte, begann die Stimmung sich in bösartiger Weise zu erhitzen. Da hatte es doch tatsächlich erstmals ein türkisch-stämmiger Deutscher gewagt, NICHT für das Land seiner Ahnen und Urahnen Fussball spielen zu wollen, sondern für sein Geburtsland. (Ja, Özil wurde in Gelsenkirchen geboren. Punktum.) Muss ich Ihnen noch erklären, wie damals generell die Stimmung in bestimmten Stadtteilen meiner Heimatstadt aussah ? Vermutlich reicht es, wenn ich sie kurz als „deutschenfeindlich“ und „Anti-Özil“ beschreibe.

Dabei ist die Entscheidung Özils die Normalste der Welt. Der „Algerier“ Zinedine Zidane spielte ganz „natürlich“ für Frankreich und wurde mit diesem Team Welt- und Europameister. Der „Bosnier“ Zlatan Ibrahimovic hat wohl keine Sekunde gezögert, für Schweden anzutreten usw. Nur hier in Deutschland war es „vor Özil“ üblich, dass die deutschen Vereine türkisch-stämmige Talente ausbildeten, der DFB ihnen in seinen Jugend-Auswahlmannschaften den letzten Schliff zur Bundesligareife (oder mehr) gab und diese Profiteure des beinahe perfekten, deutschen Ausbildungssystems sich dann davon machten, um für die Auswahl vom Bosporus international zu spielen. Da muss man stellvertretend nur Namen wie Erdal Keser oder die Altintop-Brüder erwähnen. Niemand schien sich ernsthaft daran zu stören, dass der türkische Verband jahrzehntelang Scouts durch die Jugendabteilungen der diversen, deutschen Topvereine schickte, um dort mit den türkisch-stämmigen Talenten und ihren nur zu erfreuten Eltern „Vorverträge“ und „verbindliche Absprachen“ zu treffen, für den Fall, dass Klein-Mustafa es mal wirklich zu etwas bringen würde auf dem grünen Rasen. Diese „Wilderei“ wurde zwar vom DFB nie so richtig „gerne“ gesehen, aber sie wird doch bis heute weitgehend toleriert, da man ja nicht als „ausländerfeindlich, rassistisch oder gar nationalistisch.“ gescholten werden will. „Wie das bei uns so ist.“

250px-Mesut_Özil,_Germany_national_football_team_(02)Nun, Mesut Özil ist es hoch anzurechnen, dass er der Versuchung widerstand, für die Türkei anzutreten und stattdessen lieber mit Jogi Löw auf Tour geht. Wenn er sich auch bis heute mit Zähnen und Klauen weigert, die Nationalhymne mitzusingen, was ich persönlich auch etwas fragwürdig finde, so ist an seinem Engagement im Team doch nicht wirklich zu zweifeln. Wer würde wohl seinen Treffer gegen Ghana bei der WM 2010 vergessen ? Bei besagtem Länderspiel in meiner Stadt aber, das in den Regionalmedien großartig als „Multi-Kulti-Spektakel“ in den entsprechenden Bezirken angekündigt wurde, war gerade dort wenig von „Verbrüderung“ und „Freundschaft“ zu spüren. Die Farben rot-weiss überwogen bei weitem, die jungen Türken, die im TV befragt wurden, gaben der offensichtlich peinlich berührten, weil völlig ahnungslosen Reporterin Originaltöne ins Mikrofon, die an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig liessen. „Türkiye, Türkiye“ waren noch die harmlosesten Dinge, die man da so zu hören bekam. Dass die Reporterin diese Schlachtrufe VOR LAUFENDEN KAMERAS natürlich in ein „buntes Volksfest“ umdichtete, hatte wohl vor allem damit zu tun, dass sie ihren Job behalten und sicher auch keine Prügel einstecken wollte. Die eindeutige, verbale und mimische „Verdammung“ des „Verräters“ Özil durch die aufgeputschten Jungtürken ließen sie zwar deutlich sichtbar schlucken, aber der Illusions-Macherei von „Vielfalt“ und „gegenseitigem Respekt“ tat auch dies keinen Abbruch.

Was aber im Stadion folgte, setzte dem ganzen, verlogenen Affentheater dann doch die Krone auf, denn Jogi Löw war inzwischen wohl ebenfalls „instruiert“ worden, wohin die Stimmung im Stadion und darum herum sich entwickelte, so dass er Özil gar nicht erst aufstellte. Weder berief er ihn in die Startelf, noch wechselte er ihn ein. Angeblich war der gute Mann „verletzt“, allerdings war er es dann nicht mehr bei einem drei Tage später stattfindenden, weiteren Match gegen eine andere Mannschaft in einer anderen Stadt…. Die zu jeder Art von „Volksfest mit lustigen, brennenden Autos“ bereiten „Jugendlichen“ zwangen also Löw die Aufstellung auf. Dass die deutsche Nationalmannschaft an diesem Tage in jedem Falle auf deutschem Boden ein Auswärtsspiel hatte, weil das Stadion zu mindestens 2/3 gegen sie war, muss ich wohl nur noch der Vollständigkeit halber erwähnen. Es war peinlich, eklig und die Art und Weise wie die Medien und der DFB mit der Situation umgingen, nämlich im „Augen-Zu-und-durch/Nur-nicht-drüber-reden“-Modus konnte selbst dem verträumtesten Vielfalts-Ignoranten die Schamröte ins Gesicht treiben. „Wie das bei uns so ist.“

Ja, wie ist es denn „bei euch“ so ? Erklärt mir das bitte mal ganz genau. Erklärt mir doch mal, warum eine intelligente, an einer echten Karriere interessierte Frau sich nicht selbst für oder gegen eine Beteiligung an einer Firma entscheiden kann. Sagt mir doch mal, warum ein deutscher Fussball-Nationalspieler sich nicht traut, auf deutschem Boden gegen die Mannschaft aus dem Land seiner Vorfahren anzutreten. Ob wohl Ibrahimovic jemals gegen Bosnien gespielt hat ? Vermutlich. Ob Zidane jemals, ohne Heckmeck, mal ein Spielchen gegen Algerien gemacht hat ? Vorstellbar, ich kenne die Statistiken nicht.

In diesem Sinne, möchte ich genau erklärt bekommen, „wie das bei euch so ist“

Ihre

Kassandra Pugatshowa

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2 Kommentare zu “Wie das „bei uns so ist“…

  1. Fritz
    01/07/2013

    Ich erinnere mich an einen Bericht in der ARD Sportschau, indem vor einigen Jahren ausführlich berichtet wurde, ob Zidane mitsingt oder nicht, und was die Franzosen dazu sagen etc.; die ARD Reporter berichteten also ganz unbefangen was Sache ist.

    Heute erleben wir bei jedem Länderspiel die „Der Kaiser ist nackt“ Situation, jeder sieht das Özil und Co. nicht mitsingen, aber keiner traut sich was zu sagen, oder auch nur die Bilder zu kommentieren.
    Der Sportreporter der aussprechen würde, was jeder sieht, also: „Özil und Co singen nicht mit, wie immer“, bekäme wohl sofort Berufsverbot, zumindest scheinen die Herren Rethy und Co. das zu erwarten.
    Ich lache bei jedem Länderspiel über die Angst der Reporter, obwohl jeder sehen kann, „Der Özil ist nackt“.

    • …obwohl jeder sehen kann, “Der Özil ist nackt”.

      Haha ! 🙂 Gut, dass er dann doch meistens noch ein Trikot und Shorts trägt… Aber mal Spass beiseite: gut formuliert. Mir fällts auch immer auf. Vor allem, wenn wir gegen Länder spielen, wo die Fussballer ganz natürlich die Hand aufs Herz legen bei der Hymne und sich zur Fahne hindrehen. Das kann Burkina Faso sein oder die USA, ich find´s in jedem Falle besser, als unsere „einer singt, der andere nicht und dem DFB und dem TV ist es sowieso gleichgültig“ – Bilder. Ich guck ja auch gerne Frauen-Fussball und da sieht´s bei unseren Damen auch nicht besser aus. Die nächste Fussball EM in Schweden wird´s wieder zeigen, wie die „Okoyino da Mbabi“ (sehr gute Spielerin, übrigens !) und „Lira Bajramaj“ sich weigern werden, schwarz-rot-gold die Ehre zu erweisen. Ich als Trainer würde auf solche Trantüten ja verzichten, selbst wenn dadurch die Mannschaft (oder auch „Frauschaft“, *g*) geschwächt würde. Aber wer den Adler auf dem Trikot haben will, der muss sich wenigstens an Mindest-Standards der Identifikation mit Verband und Land halten, denke ich.
      Da fällt mir gerade ein, dass ich den Cacau im Nationaldress immer gemocht habe. Der hat sich als Ex-Brasilianer nie geschämt, die Hymne zu singen oder stolz auf die Farben schwarz-rot-gold zu sein. Das war mal gelungene Integration.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 03/06/2013 von in clash of civilizations und getaggt mit , , .
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