Kassandrenrufe

"connecting the dots" – für mündige Bürger

Zum Zustand der Kirchen 1 (da kommt wohl noch mehr)

Meine selige Großmutter gab mir vor einigen Jahren, kurz vor ihrem Heimgang, noch ein paar Weisheiten mit auf den Lebensweg. Sie meinte es gut, auch wenn mir das ein oder andere schon bekannt war. Das, was sich mir am besten eingeprägt hat, war die simple Alltagswahrheit: „Über drei Dinge rede nicht mit Unbekannten: Politik, Religion und Geld.“

kirche_u_01Nun, da ich auf diesem Blog wohl schon damit angefangen habe, über Politik zu reden, kann ich eigentlich auch gleich mit der Religion anfangen. Jetzt, wo ich mindestens einen Fuß fest im Fettnapf drin habe, kann ich ganz fatalistisch auch gleich den anderen Fuß in den nächsten Napf eintauchen und damit riskieren, vielleicht ein paar Leser zu verlieren.
Zunächst mal etwas Persönliches zu mir: meine Eltern waren zwar getauft, christlich erzogen, so weit das möglich war in der finsteren NS-Zeit, aber nicht fanatisch-religiös. Ganz im Gegenteil:  als „gebrannte Kinder“ des Zweiten Weltkrieges und der NS-Diktatur, in der sie ihre Kinderjahre verbracht hatten, war ihnen eine auffällige Skepsis gegenüber organisiertem Glauben, gegenüber den Kirchen im Speziellen, zu eigen. Mein Vater brachte es mir gegenüber mal auf die nüchterne Formel: „Jesus finde ich super, aber den Kirchenleuten traue ich nicht über den Weg.“ Auch eine Haltung, die mich, das habe ich erst viele Jahre später bemerkt, nachhaltig geprägt hat. Erst heute ist mir klar, wie tief also die Verstörung meiner Eltern, die aus dem ländlichen Raum stammten, über den Wahnsinn von NS-Zeit und Weltkrieg, über die Kollaboration der „Deutschen Christen“ und diverser Kirchenleute gewesen sein muss. Ihr Glaube war erschüttert, mit Mühe und Not hielten sie an den kulturell bedingten Ritualen von Ostern und Weihnachten fest.
Dennoch ließen mich meine Eltern zum Religionsunterricht anmelden. Sie wollten, dass ihre Kinder ein solides, ethisches Fundament mit auf den Lebensweg bekamen. Eine Entscheidung, die sie schon bald wieder bereuten, als sie bemerkten, was die meisten Katecheten da so schon vor Jahrzehnten zu vermitteln begannen. Dinge wie die „Befreiungstheologie“ oder das „Öko-Evangelium“, die „Bibel in gerechter Sprache“ o. ä. waren begrifflich noch gar nicht gefasst, hätte man noch mit keinem treffenden Etikett versehen können, wurden aber schon heftigst in der EKD meiner Stadt vorbereitet.

Erst, als wir auf einer anderen Schule einen neuen Katecheten bekamen, einen ehemaligen Ostasien-Missionar, der Dinge wie Glauben, Theologie, Kirche etc. ganz pragmatisch und fast schon rationalistisch anging, waren meine Eltern wieder beruhigt und ließen mich weiterhin im Religionsunterricht verbleiben. Die Gefahr, dass ich eine fanatische, geschlechtsneutrale, linke Ökoterroristin würde, schien gebannt. Was aber nicht gebannt war, war der entfesselte Zeitgeist, der sich an ebenjenem Katecheten abreagierte. Wenn ich so daran zurückdenke, dann sehe ich, dass es tatsächlich „nichts neues unter der Sonne“ gibt. Denn der gute Religionslehrer hatte sich dem Linkstrend und der beginnenden Öko-Feminismus-Welle in seiner Kirche noch nicht unterworfen und vermittelte im Unterricht ganz nüchtern das Evangelium, berichtete von seinen Erfahrungen in Asien und liess uns sogar ein wenig an seinem Familienleben teilhaben, als seine herzensgute Ehefrau schwanger wurde. Das aber durfte nicht sein und so ballerten ausgerechnet unsere „zwei kleinen Japanerinnen“, oder vielmehr deren Eltern, dem guten Mann in den Rücken. Worum ging es genau ? Ich weiss es schon gar nicht mehr. Vermutlich hatte der Katechet (dessen Name mir unvergessen blieb, den ich aber nicht nennen werde, um ihn in seinem Lebensabend zu beschützen) über den Vietnamkrieg gesprochen und dort einen differenzierten Standpunkt an den Tag gelegt. Eltern gingen auf die Barrikaden über die „Politisierung“ des Unterrichts und die „Kriegsverherrlichung“, die uns da angeblich suggeriert wurde. Wo waren diese Proteste, als wir früher die „Erbsünde“ wegdiskutiert bekamen oder die Autorität der Bibel für uns relativiert wurde ?

Wie auch immer: Das Inquisitionstribunal aus Schule und Eltern einerseits sowie Katechet andererseits endete in jedem Falle mit einer weitgehenden Kapitulation unseres Ex-Missionars. Er „durfte“ noch ein paar Monate weiter lehren, musste sich aber einer strengen Aufsicht stellen und wäre bei der nächsten Beschwerde abberufen worden, was dann zum Semesterende ohnehin passierte. Er war damit geistlich „kastriert“ worden und plapperte nur noch unverfängliches, heute würde man sagen „politisch korrektes“ (den Begriff gabs damals noch nicht) Einerlei. Ich muss es meinen Eltern posthum hoch anrechnen, dass sie mich aus diesem Pseudo-Religionsunterricht dann zum Semesterende abmeldeten und gar nicht erst abwarteten, durch welche „Lila-Latzhosenträgerin“ mein ehemaliger Katechet abgelöst werden würde.

Warum schütte ich Ihnen unbekannterweise, liebe Leser, hier so offen das Herz aus ? Ganz einfach um zu zeigen, dass bestimmte Tendenzen in unserer Gesellschaft, in diesem Falle in der Kirche, bereits einen ganz langen Bart haben. Das kommt wenig „überraschend“ daher, auch wenn uns manche Medien und Einzelmeinungen dies nahelegen wollen. Im Jahre 2011 schrieb der Spiegel-Autor Jan Fleischhauer über den damaligen Kirchentag in Dresden sinngemäß, dass die EKD inzwischen zur „erfolgreichsten Vorfeldorganisation der Grünen“ verkommen sei. Da blieb einem beim Lesen das Lachen im Halse stecken, denn niemand, der noch alle Sinne beisammen hat, würde diese Aussage ernsthaft abstreiten wollen. Viele mögen diese enge Verquickung von Politik und Kirche kritisieren, zumal sie eben ganz eindeutig ein bestimmtes, politisches Spektrum zu favorisieren scheint. Ich selbst kritisiere das auch, aber ich sehe auch darüber hinaus die historische Dimension dieser Verquickung von „gespürtem Zeitgeist“ und Anpassung an denselben.

Die (evangelische) Kirche hat ein jahrhundertealtes, sehr feines Gespür dafür entwickelt, wohin der Wind sich drehen wird und wie sie selbst sich positionieren muss, um zu überleben. Im ausgehenden 17. und im 18. Jahrhundert waren es gerade Pastoren und Kirchenmitarbeiter, die maßgeblich das vorbereiteten, was man dann später als „Aufklärung“ definieren würde. Aus Pfarrhäusern gingen die ersten Forscher und systematischen Wissenschaftler hervor, die z. Bsp. Phänomene wie die Demographie zu untersuchen begannen. Diese Tradition zieht sich hin bis zum Mönch Gregor Mendel und seinen Regeln der Vererbungslehre.
Im 19. Jahrhundert sprangen die Pastoren dann auf den nationalen-Einigungs-Zug auf, im 20. Jahrhundert beugten sich die meisten Evangelischen dann den Nazis und formierten die „Deutschen Christen“. Als ob Christentum eine nationale Sache sein könnte und keine Universelle, aber über die fehlerhafte Logik dieser Entscheidungen will ich hier gar nicht sprechen. Die Erschütterungen des Zweiten Weltkriegs ließen auch die Kirchen tief verunsichert zurück. Wenn sie sich so oft „geirrt“ hatten, wo sollten sie sich dann noch einordnen, im „neuen“ Deutschland, in der neuen Zeit ? Wenn sie vor 1945 eifrig „Gottesfurcht“ gepredigt hatten, war das „post Hitler“ dann auch noch erlaubt ? So begann man alles, was von Christi Kreuzigung bis 1945 unter dem Siegel „Christentum“ gesehen und alles, was in Jahrhunderten von Kanzeln gepredigt wurde, in Frage zu stellen. Man wollte um jeden Preis „neue Antworten“ auf uralte Fragen der Menschheit finden, denn die immer mehr an die Öffentlichkeit gelangenden Details des Holocaust zeigten nur allzu deutlich, wozu der homo sapiens im Negativen so alles in der Lage ist. Welche Abgründe von Sünde in uns wohnen schockierte selbst die ehemaligen Prediger von Erbsünde und Sündenfall.

Aber anstatt nun tiefer in die Schrift hineinzugehen, das Konzept der Sündhaftigkeit des Menschen neu zu durchdenken und daraus die Wurzeln dessen, was Christentum als solches bedeutet zu erkunden und die besten Quellen anzuzapfen, ging man andere Wege. „Historisch-kritische-Bibelanalyse“ und ähnliches Zeug hielten Einzug in die Seminare und auf die Kanzeln. Das Relativieren der heiligsten Dinge, der Fundamente, auf dem der Glaube beruhte, war die Folge. Von dieser Verwirrung, die dadurch ausgelöst wurde, hat sich die evangelische Kirche bis heute nicht erholt. Im zwar verständlichen, aber dennoch hochgradig irrationalen Bemühen, sich von ihrer eigenen Nazi-Vergangenheit bei den DC abzugrenzen, schwang das Pendel in die andere Richtung aus. Der heute sogenannte „Antifaschismus“ (nicht etwa das, was man ganz natürlich unter „Ablehnung von Barbarei“ subsumieren könnte) und der heutzutage sogenannte „Kampf gegen Rechts“ finden somit eine derartig willige Aufnahme in die Kirche, dass man z. Bsp. deren Exzesse und hohe Gewaltaffinität bewusst in Kauf nimmt und ignoriert. Die Verbrüderung mit „linken“ Kreisen in Politik und Gesellschaft soll also den „rechten“ Beelzebub der Vergangenheiet austreiben und die Kirche gesellschaftlich „relevant“ halten. Das führt aber de facto wieder einmal in eine Art „babylonischer Gefangenschaft“ des Zeitgeistes, der die Kirche dazu zwingt, auf jede neue „Sau“, die medial durchs „Dorf getrieben“ wird, zu reagieren und somit mehr politische, als geistlich gehaltvolle Predigten zu halten.

Hier kommt es nun also zum Phänomen, dass sich viele Schäfchen von der Kirche abwenden und Kirchenbänke leer bleiben. Sie suchen nach neuen Formen der Spiritualität, wollen neue Formen des alten Glaubens leben oder gleich ganz „auf Christus pfeifen“ und sich die Kirchensteuer sparen. Da müssen dann schon mal Kirchen aufgegeben werden, weil die Gemeinden zu klein sind, Gemeinden zusammengelegt werden, weil nur noch das Geld für eine Pfarrstelle vorhanden ist etc. Auch der Verkauf von Kirchengebäuden, die über Jahrhunderte hinweg der Verkündigung des Evangeliums gedient hatten, ist aus rein pekuniären Gründen längst kein Tabu mehr. Allein in meiner Stadt wurden bereits zwei Kirchen verkauft. Eine davon wurde in eine Hülle für Eigentumswohnungen umgewandelt, die andere zu einer Galerie mit Veranstaltungsräumen für Kultur-Events umgebaut. Ich weiss nicht, ob es ein „Zeichen der Zeit“ oder den Fehlern im Vorleben und Verkündigen des Glaubens diverser Generationen von Geistlichen geschuldet ist, aber das Christentum ist auf dem Rückzug. Die Kirche hat scheinbar unserer Lebenswirklichkeit nichts Wesentliches, nichts Notwendiges oder Provokativ-Anregendes mehr hinzuzufügen. Dinge, die in Kirchenkreisen heute diskutiert werden, werden ihnen doch zumeist von der Gesellschaft vorgegeben. „Bewahrung der Schöpfung“ ist doch nur der in religiösen Termini verbrämte Ausdruck für „Nachhaltigkeit“ usw.  Deshalb gibt es eine verdächtige, geistliche Oberflächlichkeit bei den Predigten, die man so zu hören bekommt. Das Muster, nachdem biblische Texte nur noch der Bestätigung einer bestimmten, vorgegebenen Linie dienen (dürfen), reduziert das Wort Gottes zu einer dienstbereiten Zitatensammlung für Freunde von „Gender-Gerechtigkeit“, „Homo-Ehe“, „gesellschaftlicher Vielfalt“, „Solidarität“ und „interreligiösem Dialog“.

Das alles kann man aber außerhalb des kirchlichen Kontextes viel direkter, viel „ursprünglicher“ haben, indem man sich den entsprechenden NGOs oder Parteien anschließt. Ich lese im neuen Testament nirgendwo ein „unterwerfet euch der Ideologie der Masse und plappert nach, was alle plappern“, sondern ich lese von einer feinen Unterscheidung dessen, was „des Kaisers“ und dessen „was Gottes“ ist. Aber das würde hier zu weit führen, diesen Faden weiterzuspinnen. Das ist etwas für Theologen und bei mir vielleicht für einen weiteren Artikel, wenn ich mal Zeit habe, den ordentlich vorzubereiten. In jedem Falle frage ich mich, was die Damen und Herren Bischöfe etc. wohl tun werden, wenn sich der Zeitgeist einmal ändern sollte. Wenn der „Klimawandel“ abgesagt ist und keine Minderheit oder Tierart mehr gerettet werden muss. Vermutlich sind sie dann wieder „ganz vorne“ mit dabei, wohin immer die Wetterfahne auch zeigen wird.

An dieser Stelle erinnere ich mich wieder an die Worte meines Vaters: „den Kirchenleuten traue ich nicht über den Weg“. Was er mir nicht sagen konnte, oder wollte, weil ich es noch nicht verstanden hätte, war, dass er mit angesehen hatte, wie sich die Kirche zum willfährigen Diener einer Diktatur gemacht hatte. Wie sie (von der „Bekennenden Kirche“ abgesehen !) einer Ideologie von Rassismus und Gewalt gedient hatte, die sein Land (er stammte übrigens aus dem heute polnischen Westpreussen…) zerstört hatte. Er sah dieselbe Willfährigkeit gegenüber Trends und vermeintlichem Zeitgeist wieder am Horizont heraufdämmern. Diese Warnung ist mir erst vor einigen Jahren in all ihrer Brisanz bewusst geworden, aber ich werde sie im Hinterkopf und in Ehren halten, wann immer mir Pastoren, GKR-Angehörige, Synodale oder sonstige Kirchenvertreter gegenüberstehen. Hat Christus gesagt, dass Er gerne besonders dumme und angepasste Schafe in Seiner Herde haben will ? Steht wahrscheinlich nicht mal in der „Volxbibel“.

In diesem Sinne, einen schönen Sonntag. Vergessen wir nicht, dass es auch der Tag ist, Gott die Ehre zu geben und sich nicht nur vor die Glotze zu packen oder Radeln zu gehen.

Ihre

Kassandra Pugatshowa

P.S.: Ich habe hier ganz bewusst auf persönliche Eindrücke und Erfahrungen zurückgegriffen. Deshalb können die Erfahrungen katholischer oder orthodoxer Christen, die durchaus andere sein können, hier nicht wirklich seriös und tiefgründig behandelt werden. Ich bevorzuge es nämlich generell, entgegen dem modernen Trend zur hohlen Quasselei, nur über Dinge zu reden, zu denen ich einen Bezug oder von denen ich etwas Ahnung habe.

P.P.S.: Die Verbrüderung der Grünen und der EKD wird umso unverständlicher, wenn man sich anguckt, woher die Grünen kommen (K-Gruppen etc.) und was bei denen so alles durchgeht. Forderungen wie „Inzestverbot aufheben“, „Drogen legalisieren“, „Homo-Ehe“, „Gender-Ideologie verallgemeinern“ etc. müssten doch echten Christen die Schauer über den Rücken laufen lassen, da hier grundlegende, christliche und biblische Werte attackiert werden. Aber Frau Göring – Eckardt freut sich wohl weiter an dem „breiten Meinungsspektrum“, das es in ihrer Partei gibt.

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Ein Kommentar zu “Zum Zustand der Kirchen 1 (da kommt wohl noch mehr)

  1. Jemeljan
    03/06/2013

    Ja, es war schon lange im Werden, dieses traurige Bild, dass die evangelische Kirche heute abgibt. Da kann man nur noch austreten und sich eine nette Freikirche suchen. Spart auch Kirchensteuer.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 02/06/2013 von in Zustand der Nation und getaggt mit , , .
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