Kassandrenrufe

"connecting the dots" – für mündige Bürger

Olympia ohne Ringen – IOC ohne Sinn und Verstand

Das IOC will also beschließen, dass das Ringen aus dem Katalog der Olympischen Sportarten gestrichen werden soll.

Olympic_flag.svgDas ist in etwa so, als ob man Speerwerfen, Diskuswurf, 100- und 400 m Lauf aus der Leichtathletik streicht. Den IOC-Bossen ist Ringen nicht mehr „attraktiv“ genug, es könne nicht mehr effektiv und telegen vermarktet werden und gehöre deshalb auf den Müll. Da fragt man sich doch: was für Drogen schnupfen, spritzen oder inhalieren diese Typen eigentlich ?

Stellen wir doch zuerst einmal fest: die OLYMPISCHEN Spiele waren in der Antike Sportwettkämpfe in Griechenland, wo Athleten der verschiedenen Staaten sich zu Ehren der Götter in diversen Sportarten maßen. Nicht umsonst wird auch heute noch die Olympische Flamme im griechischen Ort Olympia entzündet. In diesem Ort wurden in antiken Zeiten diverse Sportarten ausgeübt, darunter Vorgänger unseres heutigen Boxsportes und Laufwettbewerbe. Der Sieger erhielt einen Lorbeerkranz und wurde in seiner Heimatstadt gefeiert und geehrt. Aus archäologischen Funden kann man heute sogar die Namen einiger antiker Olympiasiger identifizieren. Soweit, so schön.

An diese Tradition wollte man im späten 19. Jahrhundert wieder anknüpfen, nachdem deutsche Archäologen unter Ernst Curtius die antiken Kultstätten dem Boden entrissen hatten. Der Franzose Pierre de Coubertin wollte diese Entdeckung dann unter dem Motto:

Deutschland hatte das ausgegraben, was vom alten Olympia noch vorhanden war. Warum sollte Frankreich nicht die alte Herrlichkeit wiederherstellen?

verwerten. Wir alle wissen, dass das eine Erfolgsidee war, die uns heute alle zwei Jahre ein Olympiajahr beschert. Fassen wir zusammen: die Olympischen Spiele der Neuzeit basieren auf den antiken Wettbewerben. Punktum.

Natürlich ließ sich nicht jede Sportart wiederbeleben. Das Wagenrennen mit Pferdegespannen war z. Bsp. nicht mehr aktuell. Dennoch wurden viele klassische Wettkämpfe wiederbelebt. Sprint, Stadionlauf (heute 400 m), Boxen, Diskuswurf, Ringen, Speerwurf und Marathon sind Traditionswettbewerbe der Olympischen Spiele. Einen davon in Frage zu stellen, stellt letztlich alle diese Wettkämpfe in Frage. Und damit auch die Fundamente der neuzeitlichen Spiele.

Warum also soll ausgerechnet am Ringen vom IOC ein Exempel statuiert werden ? Wir alle können jetzt natürlich wortreich die Kommerzialisierung des ehemaligen Amateursports beklagen. Auch ich habe mich lange dagegen gesträubt, das Eindringen von Profisportlern beim Eishockey oder Fussball in die Olympische Familie zu akzeptieren. Entsprechende Wettbewerbe habe ich lange boykottiert, aber das wird Sie, liebe Leser, nicht weiter betreffen. Es hilft auch nicht dabei, die jüngste Entscheidung der Politbonzen des IOC zu verstehen. Das Ringen als traditionelle Kernsportart der Olympischen Spiele mag nicht zu den telegensten Sportarten gehören (obwohl doch die Medien-Homos begeistert sein müssten, da sich hier halbnackte Kerle betatschen und gegenseitig flachlegen) aber da auch Synchronspringen oder 20 km Gehen, was nicht wirklich ästhetisch anspruchsvoll aussieht, weiterhin olympisch sein sollen, bleibt die Frage: warum soll das Ringen gehen ?

Natürlich spielen kommerzielle Überlegungen eine Rolle. 1.5 Milliarden Chinesen würden sicher gerne das wirklich ernsthaft im IOC diskutierte „Wu-Shu“ bei den Spielen sehen. Da liegt ein ungeheures, wirtschaftliches Potential in der Vermarktung. Wir übersehen hier mal ganz einfach, dass „Wu-Shu“ außerhalb Chinas nirgendwo ernsthaft betrieben wird und es ernsthaft niemanden, der außerhalb Asiens wohnt, auch nur beiläufig interessiert. Dieses Wu-Shu nun statt Ringen in die Wettbewerbe zu drücken ist also ebenso absurd wie wahrscheinlich, wenn man die völlige Traditionsresistenz des IOC berücksichtigt. Die Alternative „Wakeboarding“ mag zwar beim anvisierten, „jungen, hippen“ Zielpublikum beliebt sein, aber wie lange wird dieser „Reiz des Neuen“ wohl anhalten ? Muss ein Wettbewerb dann nach dem Ende der ersten Begeisterung wieder verschwinden, um dem nächsten „hippen, trendigen, telegenen“ Kurzzeit-Reiz Platz zu machen ? Und warum dann überhaupt noch „Kernsportarten“ ? Würfeln wir doch alle vier Jahre die Sportarten aus oder bauen die Spiele nach Einschaltquoten-Daten auf. Dann ist immer genug Werbekohle da, damit den IOC-Bonzen die Taschen gefüllt werden können.

Denn der Angriff auf das Ringen ist de facto ein Angriff auf die Traditionen, die den Olympischen Spielen zugrundeliegen. Die einzige Tradition, die IOC-Mitglieder aber scheinbar tatsächlich festschreiben wollen, ist das Geschmiertwerden vor der Vergabe der nächsten Spiele. Es ist mittlerweile ein offenes Geheimnis, dass Olympische Spiele nicht mehr durch Präsentationen vor den IOC-Mitgliedern, sondern durch ein ordentliches Vollstopfen der Taschen seiner Mitglieder mit Geld, Gütern und Dienstleistungen vergeben werden. Warum dann nicht auch für die „Vergabe“ von Startplätzen für Sportarten abkassieren. Dinge wie „Wu-Shu“ und viele chinesische Yuan für die Konten der Funktionäre wären dafür ein Lackmustest.

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Kurt Angle

Im Falle des Ringens scheinen die selbstherrlichen IOC-Machthaber aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht zu haben. Denn plötzlich geht eine Welle des Widerstandes über den ganzen Planeten. Von Franz Beckenbauer bis zum Olympiasieger im Ringen von 1996, Kurt Angle aus den ‚USA, von der Mongolei, wo eine Art von Ringen Volkssport ist (und eben nicht „Wu-Shu“ oder „Wakeboarding“) über die innerasiatischen Republiken, Russland, Europa, den Iran und die USA geht ein Aufschrei der Empörung durch die Sportwelt. Dabei bilden sich so unwahrscheinliche Allianzen wie die von iranischen- und US-Sportverbänden, von Profi-Wrestlern und Fussballspielern. Es ist eben eine Sache, ob man Dinge wie „Half-Pipe“ Skateboarden oder „Softball“ wieder zur Diskussion stellt, oder an den historischen, traditionellen Kern der Olympischen Spiele die Axt ansetzt. Denn hier besteht, das wissen oder spüren die betroffenen Athleten und auch die Sportler aus anderen Bereichen ebenso, die Gefahr, dass zukünftig nichts mehr sicher sein wird.

Vermutlich wird das die Damen und Herren des IOC, die so sehr um die „Vermarktbarkeit“ ihrer Sportarten besorgt sind (warum ist dann etwa der „moderne Fünfkampf“ oder das Tontaubenschießen noch olympisch ?) kein bischen beeindrucken. In diesen Kreisen ist man es gewohnt, Entscheidungen völlig ohne Sinn und Verstand, vor allem aber ohne Rücksicht auf die Traditionen und die Fundamente des olympischen Sportes zu treffen. Trotzdem ist es gut zu sehen, dass es im Sport noch Leute gibt, die für ihre Ansichten einstehen, die sich um ihre ureigensten Angelegenheiten kümmern und den realitätsfernen, korrupten Fettärschen vom IOC zeigen, wo sie die Grenzen des Anstandes hinter sich gelassen haben. Damit man hinterher nicht sagen kann, keiner hätte davon gewusst. Ich selbst stelle mich mit diesem Artikel und im alltäglichen Gespräch ebenfalls an die Seite der Ringer (auch wenn ich dieser tatsächlich stark homoerotisch angehauchten Balgerei sonst keine besondere Sympathie entgegenbringe). Wenn ihre Sportart aus der olympischen Familie ausgestoßen wird, dann sollte man diese Spiele tatsächlich umbenennen. Auf Olympia berufen können sie sich dann eigentlich nicht mehr.

Also: Olympia ohne Ringen, wird vielleicht bald auch Olympia ohne Diskuswurf, ohne 400 m – Lauf oder Boxen sein. Haben wir darauf noch Lust ? Ich hab´s nicht mehr und werde meinen während der Spiele schon traditionell exzessiven TV-Konsum auf „0“ reduzieren, wenn die Ringer rausgeworfen werden sollten. Nicht einmal der so schön spannende „Medaillenspiegel“ wird mich dann noch davon abhalten, diese Wettbewerbe in Zukunft zu ignorieren.

In diesem Sinne verbleibe ich wieder, Ihre

Kassandra Pugatshowa

UPDATE vom 30. Mai 2013:
„Wu Shu“ und „Wakeboarding“ haben es nicht auf die „shortlist“ der Sportarten geschafft, über deren (Wieder-) Aufnahme in den Olympiakalender das IOC beizeiten entscheiden wird. Ringen wird sich gegen „Squash“ und „Baseball“ durchsetzen müssen, wenn es wieder bei den Sommerspielen dabei sein will. Dennoch ein Skandal, dass es überhaupt soweit gekommen ist.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 29/05/2013 von in Sport und Gesellschaft und getaggt mit , , .
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