Kassandrenrufe

"connecting the dots" – für mündige Bürger

Zur Championsleague: der hässliche Deutsche lebt ewig…

Die Championsleague Endspiele im Fussball für 2013 sind vorüber. Beide Pokale gingen nach Deutschland. Der VfL Wolfsburg bei den Damen und der FC Bayern München bei den Herren sind für ein Jahr die „nachgewiesenermaßen“ besten Fussball-Vereinsmannschaften in Europa.

Fussball_swJa, ich gebe es zu: ich interessiere mich ein wenig für Fussball. Seit vielen Jahren schon. Es ist nicht so, dass ich mit bunten Mützchen verkleidet und in ein „ordentliches“ Trikot gehüllt regelmässig zu den Stätten der modernen Alltagsreligion namens „Fussball“ pilgern würde. Nein, meine spirituelle Hingabe hebe ich mir für jemand Wichtigeres auf, die banalisiere ich nicht durch Sprüche wie „der BVB ist eine Religion und Großkreutz ist Gott“ o. ä. Trotzdem bin ich kulturell durch meine „mitteleuropäische“ („Deutschland“ ist ja heute per se als Begriff verpönt) Herkunft und Erziehung schon dementsprechend vorgeprägt, dass Fussball zum Alltag gehört. Man kann es leicht erlernen, an vielen Orten spielen und jede Stadt, die auch nur 500 (oder ein paar mehr…) Einwohner hat, darf davon träumen, einen Fussball-Bundesligisten hervorzubringen. Warum kommt mir da gerade der Name „Hoffenheim“ in den Sinn ?

Nun haben, kaum war der Abpfiff der diesjährigen Championsleague-Endspiele erfolgt, die deutschen Medien wieder den Mythos vom „positiven Bild“ lanciert, das Deutschland jetzt in die Welt getragen habe. Europa und der Rest des Planeten haben, so wollen es diverse professionelle Quatschköpfe und Hohlbirnen hierzulande, jetzt das „wahre, schöne und bunte“ Deutschland erkannt und werden uns Deutsche ab jetzt auf Händen tragen, weil deutsche Fussballfans eben auch in London nicht dazu neigten, mehr als ein paar Bierchen zu trinken, das Spiel zu sehen und dann friedlich wieder nach Hause zu fahren. Da die „Invasion der Barbaren“ ausblieb, sind wir jetzt „die beliebteste Nation in Britannien“, wie sogar eine Umfrage im Lande von Queen Elisabeth herausgefunden haben will.

Natürlich haben deutsche Fussballfans London unbeschädigt hinterlassen, wer etwas anderes erwartete, hat keine Ahnung, oder einen Hintergedanken, mit dem er diese Idee spicken wollte. Nämlich den, über die „Entwarnung“ wieder mal ganz Europa aufzufordern, uns Deutsche doch endlich zu mögen. „Liebt uns doch bitte, bitte, bitte endlich !“ Anders kann man manche, von der Unsicherheit des Selbstwertes nur so strotzende Kommentare und Berichte diverser hieisiger Medien gar nicht interpretieren. Man frage nur mal diese mittelalterliche, dickliche ARD-Tante, die vor dem Endspiel aus London berichtete. Sie war so voller peinlichem „Selbstversicherungsdrang“, dass sie die distanzierte Gelassenheit mit der ihre Gesprächspartner aus Medien und Polizei ihre Fragen abwürgten, doch tatsächlich für Interesse und Sympathie hielt. Langsam wird es peinlich, vor allem wenn wir dafür auch noch unsere GEZ-Gebühren zahlen müssen.

Und nun kommt also die „wie positiv haben die Europäer doch über die Endspiele berichtet“ – Illusionäre aus ihren Löchern gekrochen und freuen sich. Sie postulieren, dass das Deutschland-Bild im Ausland mittlerweile so positiv sei und der Sport viel dazu beigetragen habe. Dies tun sie so lange, bis die nächste Angela-Merkel-Karikatur in SS-Uniform auf einem Protestplakat in Warschau, Athen oder Wahlweise Madrid gesichtet wird. Dann fallen alle diese Schönredner wahrscheinlich wieder in eine tiefe Depression. „Verdammt, die lieben uns ja noch immer nicht.“ murmeln sie dann in ihren Rotwein, verdrücken eine Träne und gehen wieder zum Alltag über, ohne etwas gelernt oder kapiert zu haben. Dieselben Illusionen hat man sich nämlich auch schon 2006 gemacht, als Deutschland bei strahlendem Sommerwetter ein großartiger, fröhlicher (und ausnahmsweise mal richtig „schwarz-rot-goldener“) Gastgeber der Fussball WM der Herren war. Auch an die Fussball-WM der Damen 2011 hatte man ähnliche Erwartungen geknüpft. Die Besucher sollten das Bild des „bunten, offenen, modernen, multi-kultigen“ Deutschland in ihre Heimatländer tragen, damit uns alle Völker liebhaben. Bei der nächsten Gelegenheit, sei es eine Wirtschaftskrise, ein Regierungswechsel oder auch nur ein Unwetter, wird der „Sündenbock“ aber wieder aus der Mottenkiste geholt, da kann man sicher sein. Das ist seit 1871 so und wird sich nicht mehr ändern lassen, sorry, liebe Politspinner.

Nein, ich muss es wohl tatsächlich noch erklären: der „hässliche Deutsche“ stirbt niemals. Er irrt, wie der „Fliegende Holländer“ ruhelos und ewig aktuell über die Schreibtische der Boulevard-Presse in Europa, durch die Köpfe unserer Nachbarvölker und auch durch die Fussball-Stadien. Er wird von all jenen am Leben gehalten, die ihn noch brauchen, um mit ihm Politik zu machen oder aus anderen Gründen die Emotionen der eigenen Nation anzufeuern. Seien es polnische Nationalisten, die mal wieder eine Wahl gewinnen wollen, oder britische Medien, die ein lustiges Feindbild keinesfalls einfach beerdigen können, ohne ihre Auflagen zu gefährden.

Der „böse Deutsche“ existiert praktisch schon so lange, wie es Deutschland gibt. Die Tatsache, dass in Mitteleuropa plötzlich ein selbstbewusster, wirtschaftlich starker Machtblock entstanden war, schockierte die an deutsche Hilflosigkeit doch so sehr gewohnten Europäer (und andere Mächte) bereits ab 1871 dermaßen, dass sie sich in Zerrbildern Luft verschafften, die z. T. noch heute Relevanz haben. Oder haben Sie noch nie bemerkt, wie z. Bsp. in den USA noch heute der Begriff „Hunne“ gebraucht wird ? Nun, ja, ich gebe immerhin zu, dass die Generation, die diesen Kampfbegriff aus Zeiten des Ersten Weltkrieges im Englisch-sprachigen Raum noch deuten kann, ausstirbt, sei es auch nur den schwächelnden Bildungssystemen im anglo-amerikanischen Raum geschuldet. Stattdessen ist „fascist“ oder „nazi“ natürlich ein Dauerbrenner, der niemals seine Wirkung verfehlt.

Dass ausgerechnet die gegenüber den Forderungen diverser europäischer Pleitiers so willfährige Kanzlerin Merkel seit einiger Zeit als neues Zerrbild im Nazi-Kostüm durch die Gegend getragen wird, entbehrt nicht einer gewissen historischen Ironie. Denn die Bundesregierung, die Stabilitätspakte, „no-bail-out“-Regelungen und damit geltende, europäische Veträge zu Gunsten des „Guten Willens“ unserer Miteuropäer mit Füssen tritt, bekommt zum Dank dann auch noch die Narren-(Nazi-)Kappe aufgesetzt. Der „Zustand unbegrenzter Erpressbarkeit“, in dem uns europäische Politiker dank Holocaust und Zweitem Weltkrieg seit 1945 versetzt sehen, dauert eben an und wird nie enden. Die Perpetuierung des „bösen Deutschen“ wird schon dafür sorgen, egal, wieviele Sport-Wettkämpfe wir perfekt ausrichten und mit freundlichem Publikum und guter Stimmung ausstatten oder wieviele Turniere wir gewinnen, während unsere Sportanhänger sich einigermaßen anständig benehmen. Was die Vorbeter in Medien, Politik und Bildungssystem nicht verstehen, ist, dass sich Vorurteile nicht durch „Aufklärung“ beseitigen lassen. Ihre Basis wurzelt viel zu tief dafür in den Köpfen, Herzen und Seelen der Menschen. Manche Vorurteile können dennoch langsam aussterben, wenn beide Seiten es denn wollen.  Manch andere Vorurteile werden auch überwunden, indem mindestens eine beteiligte Seite ausstirbt (das werden wohl wir sein, denn der „böse Deutsche“ wird wohl kaum das Ende Deutschlands überleben können und wenn ja, dann nur kurzzeitig). Ich schätze auch, dass heute kein Assyrer mehr Witze über Babylonier reisst. Manche Vorurteile sterben aber nie, weil immer jemand davon profitiert.

Abschließend noch einmal eine ganz andere Bemerkung: was MIR als Fussball-Anhänger, der vielleicht nicht so übermäßig viel Ahnung vom Spiel hat, aber im Gedächtnis bleiben wird, ist die Tatsache, wie durchschlagend Schiedsrichter solche Finals beeinflussen können. Machen wir uns nichts vor: mit zwei guten Schiedsrichtern in beiden Finals wären heute Olympique Lyon und Borussia Dortmund Champions-League-Sieger. Der Strafstoß für Wolfsburg im Damen – Finale war ein Witz. Zuvor schien es nur eine Frage der Zeit, bis Lyon einen Treffer erzielen würde, danach war den bedauernswerten Französinnen das Rückgrat gebrochen.
Und über die Tätlichkeiten von Ribery und Dante muss man eigentlich gar nicht diskutieren, sie sind im Bild dokumentiert. Beide hätten keine 90 Minuten auf dem Platz stehen dürfen, geschweige denn, wie Ribery, auch noch Vorlagen zu Bayern-Toren geben. Das Schiedsrichter-Gespann aus Italien hat hier auf ganzer Linie versagt, sorry, aber das ist einfach wahr. Ach, herrje, jetzt werden mir alle Bayern-Anhänger aufs Dach steigen. Nee, ich bin tatsächlich der Meinung, dass sie endlich mal einen Sieg verdient hatten, aber bitte nicht so, auf Kosten von Anstand, Fairness und unter Hintanstellung der Regeln des Spiels.

In diesem Sinne also: lieben wir weiter den Fussball, aber interpretieren wir keine „europa-“ oder „weltpolitische“ Bedeutung hinein. Morgen werden die „Angela-Merkel-SS“-Plakate wieder hochgereckt werden, ganz egal, wie gut der FC Bayern spielt oder nicht.

Ihre

Kassandra Pugatshowa

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 27/05/2013 von in Sport und Gesellschaft und getaggt mit , .
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